Nazimucke runterdrehen

Gina Kutkat

Rechtsrock, volkstümliche LiedermacherInnen und Nazi-Parolen, so tönte es bisher aus dem Rohr der rechten Szene. Jetzt versuchen die Nazis auch andere, meist alternative Musikstile, mit rechten Texten zu beeinflussen. Die Veranstaltungsreihe "Turn it Down" will darauf aufmerksam machen. Ein Interview mit den Runterdrehern.



Den Anfang macht der linksradikal-politisch interessierte Rapper Chaoze One, der über die aktuellen Entwicklungen im Nazi-Rap berichtet. Hip Hop in Deutschland sei längst nicht mehr nur schwulen- und frauenfeindlich, sondern auch antisemitisch und national. Der Vortrag findet am Samstag um 20h in der KTS statt, im Anschluss daran legt Chaoze One auf.


Zwei weitere Vorträge beschäftigen sich mit dem Einzug der Nazis in die Hardcore und Dark Wave Szene. Termine sind der 18. Juli und der 19. September, Beginn jeweils um 20h.

Gina hat eine Sprecherin der Antifaschistischen Aktion Freiburg zu "Turn it down" befragt.



Wann und wie kamt ihr auf die Idee zu dieser Veranstaltungsreihe?

Die Idee, und ebenso der Titel, ist eigentlich schon ein paar Jahre alt und wurde von ein paar Leuten des Apabiz - dem antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V ins Leben gerufen. Wir haben sozusagen nur geklaut, aus guten Gründen. Erstens, weil es in Freiburg weit weniger Szenearbeit gibt als in anderen Großstädten und zweitens, weil wir den Fokus mit unserer Veranstaltungsreihe vom klassischen Rechtsrock auf die unterschiedlichen Subkulturen verschieben wollen. Unser Projekt ist also keineswegs als Konkurrenz zur bundesweiten Kampagne  zu verstehen, sondern als lokale und thematische Ergänzung.

Wie habt ihr die Abende organisiert? Wieviele Leute arbeiten zusammen, um das alles auf die Beine zu stellen?

Die Veranstaltungen finden in der KTS, dem autonomen Zentrum in Freiburg statt. Wie eigentlich bei allen Veranstaltungen dort gibt es immer eine Reihe von Interessierten, die sich zusammensetzen, um etwas auf die Beine zu stellen. In diesem Fall ging die Initiative von der Antifaschistischen Aktion aus. Die Organisation besteht im wesentlichen darin, dass wir die Kontakte herstellen, Termine finden, Flyer entwerfen und drucken und natürlich Werbung machen. Außerdem befassen wir uns selbst inhaltlich mit dem entsprechenden Thema. Zum Glück haben wir in der KTS einen passenden, weil politischen und unkommerziellen Veranstaltungsort.

Der Rapper Chaoze-One hält am 2. Juni einen Vortrag über Nazis im Rap. Wie ist der Kontakt mit ihm zustande gekommen?

Chaoze One ist schon seit einiger Zeit als Rapper unterwegs. Dabei tritt er häufig bei linken Aktionen, zum Beispiel bei Demonstrationen, auf oder spielt Konzerte in autonomen Zentren. Bei diesen Gelegenheiten ist der Kontakt zu Chaoze One entstanden. Diesen Kontakt gibt es übrigens schon länger: am 29. April 2005 hat die Antifa Freiburg ein Konzert mit ihm in der KTS veranstaltet.

Wie gefährlich ist der Einfluss der Nazis in die verschiedenen Musikrichtungen?

Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Es ist einerseits festzustellen, dass Nazis immer mehr versuchen, aus ihrer traditionellen Ecke heraus zu kommen: dies betrifft jede Form von Lifestyle, von der Kleidung bis eben zur Musik. Mit einem stylischeren Auftreten versuchen Nazis, für Jugendliche attraktiver zu werden und ihr schlechtes Image loszuwerden.

Erschreckend ist, dass Nazis es zuweilen schaffen, in Musikszenen Fuß zu fassen, die, wie beispielsweise HipHop oder mehr noch Hardcore, sich traditionell selbst links verorten oder zumindest über ein antifaschistisches Selbstverständnis verfügt haben. Vorschub leistet dem sicherlich auch,wenn sich Musikszenen entpolitisieren und keine klaren linken und antifaschistischen Positionen mehr vertreten.

Andererseits ist auch festzustellen, dass bekannte Acts im Mainstream-Bereich nationalistischen Tendenzen zunehmend affirmativ gegenüberstehen. Wenn der Berliner Rapper Fler von "Schwarz, rot, gold, hart und stolz" rappt oder die Elektropunk-Band MIA. in Deutschlandfahnen auftritt, leistet dies Ressentiments Vorschub, die es den Nazis leichter machen, auch in Subkulturen zu intervenieren.

Der Einfluss von Nazis ist gerade in Musikszenen gefährlich, weil sie dort, wo kein entschiedener antifaschistischer Konsens herrscht, mit rassistischer, nationalistischer und antisemitischer Hetze Jugendkultur beeinflussen können.

Das Ziel der Nazis ist im Moment also nicht primär, die ganze Subkultur für sich zu vereinnahmen - sie wissen ganz genau, dass das momentan völlig illusionär wäre- , vielmehr geht es ihnen zunächst einmal darum, einen Normalzustand zu erreichen, der es ihnen erlaubt, sich als Nazis erkennbar zu machen, etwa durch das Tragen von faschistischen Aufnähern, Symbolen, Kleidermarken. Sie wollen sich in den jeweiligen Subkulturen bewegen können, also zum Beispiel auf Hardcore- oder auch Hip Hop-Konzerten.



Was erhofft ihr euch von "Turn it Down"?

Wir finden es wichtig, auf die erwähnten Entwicklungen hinzuweisen, damit sie erstmal als Problem wahrgenommen werden. Denn erst dann ist es möglich, Gegenstrategien zu entwickeln. Uns geht es aber explizit nicht darum, die einzelnen Musikszenen im Ganzen zu verurteilen. Nicht zuletzt deshalb sind alle unsere Referenten selbst Teil der jeweiligen Musikszene.

Die Kritik soll also nicht miterhobenen Zeigefinger von außen an die jeweilige Szene herangetragen werden. Vielmehr erhoffen wir uns eine selbstkritische Diskussion in den jeweiligen Szenen. Das Ziel dabei sollte sein, antifaschistische Standards zu setzen, die es Nazis und nationalistischem Gedankengut unmöglich machen, dort Fuß zu fassen.

Wir wollen mit der Veranstaltungsreihe auch zu einer Repolitisierung oder Politisierung der einzelnen Subkulturen und der Gesellschaft insgesamt beitragen. Nicht zuletzt sollen unsere Veranstaltungen auch einen Rahmen bieten, um Erfahrungen auszutauschen und zu diskutieren.

Vielen Dank für das Gespräch.


Mehr dazu:

  • Was: Turn it Down, Antifaschistische Aktion Freiburg
  • Wann: Samstag 2. Juni 2007, Mittwoch 18. Juli 2007, Mittwoch 19. September 2007, jeweils 20.00 Uhr
  • Antifaschistische Aktion Freiburg: Website
  • bundesweite Turn it Down Kampagne: Website