Nachtmacher: Marc Oßwald

Carolin Buchheim

Koko Entertainment ist einer der größten Konzertveranstalter in Baden-Württemberg. Rund 200 Konzerte und Festivals aller Genres werden von Koko im gesamten Südwesten veranstaltet. Im November übernahm das Unternehmen außerdem Anteile am Zeltmusikfestival. Geschäftsführer Marc Oßwald erzählt im fudder-Gespräch von den Anfängen seiner Veranstalter-Laufbahn in einem an-die-Decke-einer-alte-Tankstelle-montierten-Wohnwagen, warum er sich so sehr auf das Billy Talent-Konzert Ende des Monats freut und erklärt, was dieses Jahr beim ZMF alles anders wird.

 

Ein Vormittag in den sonnendurchfluteten Büros von Koko Entertainment in Freiburg. Koko-Geschäftsführer Marc Oswald sitzt entspannt in einer legeren Filzjacke am gläsernen Konferenztisch und erzählt, wie er dazu kam, seine Leidenschaft zur Musik zum Beruf zu machen.


"Da war keine Strategie dahinter, wie ich das gemacht habe, ich habe es halt einfach gemacht," erzählt er gutgelaunt.



Tübinger Anfänge

"Alle meine Kumpel waren Musiker und in Bands, nur ich konnte kein Instrument spielen", erzählt der in Tübingen geborene Marc über die Zeit, als er Sechzehn war. "Ich konnte nur Waldhorn spielen, und das passte ja nicht wirklich in eine Band hinein. Und dann haben die gesagt, 'Du bist jetzt unser Manager' 'Und, was muss ich dafür jetzt machen?' 'Du musst uns Gigs besorgen.' Das war eine undankbare Aufgabe, weil die Band niemand kannte, aber ich hab’ mich da ganz gut angestellt."

Nach dem Abitur begann er in seiner Heimatstadt ein BWL-Studium, die Band seiner Kumpel, Clan, managte er nebenbei mit Hilfe eines Anrufbeantworter am WG-Telefon. "Clan war die erste Tübinger Band, die auch mal in Hamburg gespielt hat", erzählt Marc. "Am nächsten Tag stand in der taz 'Fast ganz Hamburg hat am Freitag die Gruppe Clan verpasst.' Es waren nur 50 Leute da, aber es war trotzdem toll."

Neben Studium und Band-Management für Clann begann Marc, in einer heruntergekommenen Popper-Disco zusammen mit einem Freund Konzerte zu veranstalten. "Innerhalb von einem Jahr wurde aus dem verschmuddelten Laden wo niemand hinging, ein guter Club, wo Bands gespielt haben, die vorher nie nach Tübingen gekommen wäre", erzählt er. "Der Club war wie ein Wohnzimmer für mich und meine Freunde und das Publikum war auch toll. Die Leute kamen, selbst wenn sie nicht wussten, was genau lief."

Besonders gern erinnert er sich noch immer an ein Konzert der schottischen Band Goodbye Mr Mackenzie, ein Konzert, das zufällig zustande kam. "Der Bassist war von The Exploited, Die Keyboarderin Shirley Manson von Garbage, was damals natürlich niemand wusste, und das Konzert war einfach super. Danach ist die Band noch drei Tage bei mir in der WG geblieben."

Dieter Thomas Kuhn

In genau diesem Club sah Marc auch Dieter Thomas Kuhn und seine Band zum ersten Mal, an Weihnachten 1992; es war das zweite oder dritte Konzert der Band. Bis dahin hatte die spätere Kuhn-Band einen italienischen Kellner begleitet, der italienische Schlagerabende veranstaltete und Italo-Hitswie 'Azzurro' zum Besten gab; Dieter Thomas Kuhn war in dieser Band nur der Background-Sänger.
"Der Kellner drehte leider irgendwann durch, und die Band stand ohne Sänger da. Italienischer Schlager ohne Italiener geht nicht, dachten sie", erzählt Marc. "Und deshalb machten sie halt deutschen Schlager mit Thomas."
"Es war brechend voll", erinnert er sich an den Abend. "Alle hatten Spaß. Damals dachte ich schon irgendwie 'Mensch, da kann was draus werden.'" Kurz danach organisierte er die ersten Gigs für Dieter Thomas Kuhn und seine Band.

Trotz des Konzert-Veranstaltens und Band-Managens schloss Marc Oßwald sein BWL-Studium ab. "Ich hab' es zwar nicht gemocht, und auch nie wirklich Kontakt mit irgendwem gehabt und nur einen richtigen Freund gefunden, aber ich hab' mir immer gedacht, dass es nicht schaden kann, es fertig zu machen."

Für die Zeit nach dem Studium hatte Marc mit einem Freund eine Südamerika-Reise geplant. "Die Jungs von der Kuhn-Band kamen an, und baten mich, doch weiter ihr Zeug zu organisieren, aber der Südamerika-Trip war unumstößlich." Ein Jahr später, im Juni 1994, nach über 50.000 Kilometern in einem Dodge mit New Yorker-Kennzeichen, einem Trip quer durch die USA, und ganz Südamerika bis nach Feuerland hinunter und über Rio nach Bolivien, kam er zurück und entgegen aller Erwartungen waren die Kuhn-Jungs immer noch wild auf seine Arbeit.
"Ich war keinen Tag wieder zurück, da riefen sie mich an: 'Willst Du nicht doch?'" erzählt Marc. "Ich hatte Nichts, keine Wohnung, keinen anderen Job in Aussicht, nur Schulden bei meinen Eltern. Da habe ich 'Ja' gesagt. Dabei hat meine Mutter immer gesagt, ich soll was Anständiges machen, selbst bis vor ein paar Jahren noch. 'Geh doch zu einer Bank, das ist krisensicher!'" Marc lacht.

Tankstelle, Wohnwagen & Micky Maus-Telefon


Zusammen mit Dieter Thomas Kuhn und der Band zog er in eine alte Tankstelle im französischen Viertel, dem Tübinger Äquivalent zur Vauban. Die Tankstelle war versifft, aber nett, und die Band stellte nicht nur eine Kuh auf das Dach der Tankstelle, sondern hängte auch einen Wohnwagen unter die Decke.
"Phillip, der Gitarrist hat auf dem Schrottplatz einen Wohnwagen geholt, und weil der nicht durch die Tür passte, hat er ihn der Länge nach durchgeflext, herein getragen, wieder zusammengeschweißt und dann, ohne Fahrgestell, unter die Decke gehängt.  Es kam eine Gasflasche rein für die Campingheizung, und ein Micky Maus-Telefon, und fertig war mein Büro."

Die gesamte Band plus Marc als Management wohnte unter einem Dach und niemand hatte andere Verpflichtungen. "Wir hatten alle richtig große Lust, das jetzt richtig zu machen. Wir hatten so eine 'Entweder das klappt jetzt, oder nicht'-Mentalität."
Wir. Überhaupt redet Marc Oßwald immer in der ersten Person Plural, wenn es um die Dieter Thomas Kuhn-Band geht. "Ich war ein weiteres Bandmitglied und hieß bei allen immer nur Vaddi."

Der Erfolg mit Kuhn stellte sich schnell ein.
Bereits ein knappes halbes Jahr später, Anfang 1995 zeigte sich, dass es funktionierte. "Meine Kontakte von früher haben geholfen, ich habe uns die ersten größeren Touren gebucht. Damals spielten wir auch den ersten Gig in Freiburg, im Jazzhaus. 400 Leute waren da. Koko hatte das organisiert", schmunzelt Marc.

Zu beschreiben, wie gut die Dieter Thomas Kuhn-Sache dann tatsächlich lief, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Kurz gesagt: Es lief besser und noch viel besser; Immer mehr Konzerte und mehr Plattenverkäufe. "Es war wie im Traum", erzählt Marc. Er war bei mehr als 1000 Konzerten der Band dabei; Nur zwei Konzerte verpasste er aus familiären Gründen.

Am 1.Oktober 1999 kam das selbst gewählte Ende Kuhn-Band; Man hatte kollektiv genug von 250 Tagen Tour im Jahr und keine Lust, als tragische Figuren und Berufsjugendliche zu enden. Ein Jahr zuvor hatte Marc geheiratet, und heute kann der Vater zweier Kinder sich so ein Leben 'on the road' nicht mehr vorstellen. "Das geht einfach nicht mehr, und das ist auch nicht schlimm. Man kann und will ja nicht immer leben wie mit Zwanzig."

Zu Koko nach Freiburg

Schon während der Arbeit für die Kuhn-Band hatte Marc Kontakte zu Koko Entertainment in Freiburg gehabt. "Ich habe ewig versucht, Dieter Bös, meinen heutigen Partner, zu erreichen, mal eine Dieter Thomas Kuhn-Show zu machen. Irgendwann habe ich das geschafft, und danach hat Koko wahnsinnig viele Kuhn-Shows gemacht. Daraus ist eine Freundschaft entstanden"
Nach dem Ende der Kuhn-Band, Marc organisierte wieder Konzerte in Tübingen, telefonierte er öfter mit Clemens Zipse von Koko in Freiburg.
"Da habe ich immer gespöttelt, dass wir die beiden Firmen mal zusammen schmeißen müssten. Irgendwann hat Clemens gesagt, dass es ihm allein in Freiburg zuviel sei. Da bin ich in Freiburg bei Koko eingestiegen, und nach 3 Monaten ist Clemens ausgestiegen."

Anteile zwischen Marcs Tübinger Firma und Koko wurden ausgetauscht, und zum 31.12.2001 wurde Marc Geschäftsführer von Koko Entertainment Freiburg und war mit einem Mal alleine zuständig.

"Das war super spannend, aber die ersten Monate waren schon hart. Veranstaltungen waren gebucht, die musste ich übernehmen, und gleichzeitig viele Leute kennen lernen und die Stadt und ihre Verästelungen verstehen lernen."

Mittlerweile fühlt er sich als Chef der 4 Festangestellten, 2 BA-Studenten, einer Auszubildenden und 2 Praktikanten des Freiburger Koko-Büros wohl und ist in der Stadt bestens vernetzt.
"Ich bin froh, dass ich endlich einen Oberbürgermeister als Ansprechpartner habe, für den Genesis nicht ein Buch der Bibel ist," scherzt Marc.

Und wie sieht Marc die Konzertsituation in der Stadt? „Freiburg ist echt schwer. Hier funktionieren Sachen nicht, die woanders bestens funktionieren und umgekehrt. Thomas Steiner (Anmerkung der Redaktion: Kultur-Redakteur der BZ) würde jetzt sagen: 'Freiburg ist keine Rock-Stadt'. Aber das stimmt nur halb. Der Vorverkauf für Billy Talent Ende Februar läuft super!"
Auf das Konzert der Band aus Toronto freut er sich besonders: Neben Platten von Social Distortion, Ramones, The Killers und We are Scientists liegen nämlich auch die beiden Alben von Billy Talent in seinem Auto.

"Eigentlich sagt man immer, man darf keine Konzerte machen, wenn man selber Fan ist. Aber ich mach das trotzdem. Das ist meine Musik, das ist das, was ich machen will. Klar, ich mach' auch gerne die Kastelruther Spatzen und die Flippers, um Geld zu verdienen, aber richtig Spaß machen eben Billy Talent und das Southside oder Rock am See. Selbst Elton John macht Spaß. Aber am meisten Spaß machen mir eben immer noch irgendwelche Punk-Rock-Acts."

Die Freiburger-Konzert-Szene bewertet Marc positiv. "Es ist klasse, dass es die KTS und das Swamp gibt, wo Konzerte für ein kleineres Publikum veranstaltet werden. Da entwickelt sich eine Szene 'raus, die hoffentlich auch zu unseren Konzerten kommt."

Was die Konzert-Locations angeht ist Marc ebenfalls recht zufrieden, auch wenn er einige Wünsche hat.
"Es wäre toll, Konzerte im Dreisamstadion zu veranstalten, aber das ist aufgrund der Anwohnerproblematik unmöglich. Ich würde auch gerne Konzerte im Theater veranstalten; Sachen, für die das Konzerthaus zu groß und der Paulussaal nicht up-to-date genug sind, aber da sperrt man sich bisher gegen; Das Theater ist eine Festung. Ich hätte gerne Lampchop dorthin geholt, aber das hat nicht funktioniert. Stattdessen fand das Konzert dann im Burghof in Lörrach statt. Ich versteh' das gar nicht, wir tun dem Theater ja nichts böses, wir zahlen denen ja auch noch Miete."

Koko & das ZMF



Diesen Sommer wird Koko nun zum ersten Mal das Zeltmusikfestival organisieren. Für Marc keine Überraschung. "Es war der natürliche Weg, dass Koko eingestiegen ist. Wir hatten viele, viele Gespräche in der Vergangenheit geführt, und nachdem die Insolvenz bekannt geworden ist, habe ich Alex Heisler angerufen. Alles hat gepasst, sowohl finanziell als auch menschlich."

Eine große Veränderung wird der ZMF-Besucher jedoch nicht bemerken. "Es wird genau so aussehen wie vorher, der gastronomische Bereich bleibt gleich, und man muss weiterhin keinen Eintritt bezahlen, um auf das Gelände zu kommen", erklärt Marc. "Der ganze Charme soll bleiben. Der Besucher soll es allein am verbesserten Programm merken."

Das Programm soll weiterhin breitgefächert bleiben. "Das ZMF ist nun einmal das ZMF, und nicht das Southside. Wir werden sicher wieder versuchen, sowohl Veranstaltungen für die mit dem Festival sehr verbundenen 68er zu machen, als auch für Freiburgs jüngeres Publikum. Koko hat die Kontakte, um Acts zu holen, die es bisher noch nicht gab. Unsere Handschrift wird beim Programm erkennbar sein."
In Aussicht stehen bisher Juli und Wir sind Helden; Für das 'ältere Publikum' sind Jethro Tull und Joan Baez angedacht.
Hinter dem ZMF steht eine Mischkalkulation. "Im großen Zelt müssen wir eindeutig einen gewinn erwirtschaften, mit Konzerten, die das Festival rausreißen, damit wir es uns leisten können, im Spiegelzelt Veranstaltungen zu machen, bei denen wir auf Null rausgehen."

Marcs Traum-Band für das ZMF sind übrigens die Arctic Monkeys. "Das wäre schon ein Knaller, aber wenn wir das Zelt dann nicht voll kriegen würden, wäre das die totale Blamage." Auch die Toten Hosen und die Sportfreunde Stiller kann er sich auf dem ZMF vorstellen. "Das wäre ein toller Kontrast."

Die Strategie zur Rettung des ZMF ist einfach: "Wir machen nicht auf 'Billig' oder 'Exklusiv.' Wir sparen vor allem an der Struktur, bei Miete und Lohnkosten, das macht etwas aus."

Druck, dass es jetzt klappen muss spürt Marc schon. "Eine zweite Insolvenz überlebt das Festival nicht. Wir stehen alle unter großer Beobachtung, da möchte man niemanden enttäuschen. Freiburg kann es sich nicht leisten, dass das ZMF stirbt."

Und? Wie wird er am Tag vor dem ZMF schlafen? "Gut!" lacht Marc, während er sich auf seinem Stuhl zurück lehnt. "Zumindest dann, wenn der Vorverkauf gut war, und man sieht, dass das Programm gut angenommen wird. Denn die Reden bei der Eröffnung, die halte ja nicht ich!"

Mehr dazu:

Koko Entertainment: Website
Dieter Thomas Kuhn: Website& MySpace
ZMF: Website