Nachtmacher (7): Mario Held

David Weigend

Viele Gerüchte ranken sich um den Betreiber des Crash Musikkellers. Im fudder-Porträt gibt Mario Held einiges von sich preis und spricht offen über seinen Unfall, Freiburgs Subkultur und die Zukunft des Crashs.



Am 22. Mai 2001, einem Vatertag, nimmt das Leben Mario Helds, Betreiber des Crash Musikkellers, eine entscheidende Wendung. Der damals 41jährige steigt auf eine Leiter, um dem roten Crashstern auf dem Dach des Hauses einen frischen Anstrich zu verpassen. Er verliert das Gleichgewicht, fliegt von der Leiter und landet auf dem Kopf.


Sofort bringen ihn Notärzte in die Klinik. Sie sagen zu Helds damaliger Freundin: „Wir glauben nicht, dass er die Nacht überleben wird.“ Held überlebt. Wochenlang liegt er im Wachkoma. Als er erstmals wieder zu Bewusstsein kommt, liegt er in einer Rehaklinik in Haslach im Schwarzwald. Held, der starke Mann, der sich überall durchgesetzt hat, mit Wort und manchmal auch mit der Faust, weiß nicht, wer er ist. Er will aufstehen, doch sein Körper ist ohnmächtig. Doppelter Schädelbasisbruch, 47 Brüche im Oberkörper. Niemand hat damit gerechnet, dass dieser gebrochene Mensch jemals wieder zurückkehrt.

Mario Held lernt laufen, innerhalb einer Woche. Die Ärzte schütteln die Köpfe. Unmöglich, sagen sie. Held nimmt sich vor, nach Hause zu gehen, nach Freiburg. Er schafft es zehn Meter weit. Dann muss er sich auf den Boden setzen. „Da hat mich das Personal von der Klinik gefunden und mich zurück verfrachtet, ins Bett.“

Das ist fünf Jahre her. Jetzt steht Held an der Crashtheke und rührt immerfort in seinem Kaffeebecher. Es ist ein zeitloser Ort hier unten. Draußen scheint die fahle Dezembersonne, im ehemaligen Eiskeller der Riegeler Brauerei merkt man davon nichts. Held rührt. Im Kaffee und in der Erinnerung. Der Unfall und seine Folgen. Seit seinem Sturz sei Held zu fünfzig Prozent behindert, sagt er. In den ersten Monaten kämpfte er mit seiner Zunge. Oft fielen ihm nicht die richtigen Wörter ein. „Ich muss heut noch jeden Tag sechs Tabletten essen, die stellen mich darauf ein, konzentriert zu sein.“ Helds linker Arm ist nicht richtig belastbar. Wenn er ihn über die Brust hebt, schmerzt er. „Das wird wahrscheinlich nie weggehen, weil mir ein Nerv abgerissen ist. Aber ich bin keiner, der deswegen rumheult.“



Die wahrscheinlichere Antwort auf die Frage, ob dieser Unfall einen störrischen Menschen etwas milder und versöhnlicher macht, wäre ein zweifelndes Nicken gewesen. Aber Held sagt: „Nein. Der Unfall hat mich nur noch verbissener gemacht.“ Worte aus dem Mund eines Krozingers, der sich die erste Tätowierung selbst gestochen hat, im Alter von 13 Jahren, ein Rad mit Flügeln.

Held sagt, wenn man etwas über ihn erfahren wolle, müsse man sich seine Tätowierungen anschauen. Er steigt die Treppen hoch, hinaus ins Tageslicht. Er passiert seinen schwarzen Pick Up und geht die 15 Schritte bis zur voll gesprühten Frontmauer des Crash Musikkellers. Er zieht sich die Jacke aus und dann das T-Shirt.

Auf den Papageien ist Held stolz. 1977 hat er sich den stechen lassen, weil Bon Scott von AC/DC den auch hatte. Vor zweieinhalb Jahren ließ sich Held das Todesdatum seiner Mutter in den rechten Oberarm tätowieren. Und vergangenes Jahr kam das Emblem „Harley Davidson Motorcycles“ dazu, es liegt Held für immer im Nacken. „Einmal im Jahr fliege ich nach Daytona Beach, zum größten Harleytreffen der Welt. Ich habe zwei Harleys“, sagt der 46-Jährige.



Da, wo Held jetzt steht, fuhren im März 1987 grün-weiße Autos vor. Polizeibeamten machten eine Razzia und schlossen den Musikkeller, da sich die damaligen Besitzer weder an Brandschutzauflagen noch an Öffnungszeiten hielten. Angeblich war auch Drogenverkauf der Grund für die Hausdurchsuchung. Jedenfalls war der Laden dicht, die Stadt suchte nach neuen Betreibern. Es bewarben sich auch Holger Bührle und Mario Held. Held hat bis zu diesem Zeitpunkt eine Lehre zum KfZ-Mechaniker abgebrochen, als Taxler und als Plakatierer gejobbt. Die Chancen für ihn und Bührle standen schlecht. Tatsächlich wurde ihr Antrag zunächst abgelehnt. Den Zuschlag sollte Boby Wiliams bekommen, der spätere Chef vom Drifter's Club.

In der Nacht nach dieser Bekanntgabe kam es vor dem Crash zu einer Party. „Da wurde ein Müllcontainer angezündet, es gab einen kleinen Unfall. Die Leute von der Stadt haben das mit Wiliams in Zusammenhang gebracht. Am nächsten Morgen kam ein Anruf. Holger und ich sollten aufs Rathaus kommen. Wir haben den damaligen Sozialbürgermeister Kiefer im Gang getroffen. Er hat nur gesagt: ,Jungs, ihr habt’s. Macht’s gut.` Wir waren total perplex. Dass das für mich zu einem Lebenswerk wird, habe ich damals nicht geahnt.“



Der ehemalige Chef der Polizeidirektion Nord, Werner Wagner, hat mal gesagt: „Man würde die soziale Bedeutung des Crashs erst dann spüren, wenn es weg wäre.“ Tatsächlich ist das Crash auch heute noch Schmelztiegel für ein Klientel, wie es heterogener nicht sein könnte. Obdachlose, Studenten, Punks, Schlipsträger, Handwerker, Liebhaber harter Musik. Alle kommen hier rein, solang sie keine Waffen, Drogen und rechtsradikale Gesinnungen mit sich führen. „Nach dem Äußeren wird hier niemand beurteilt. Es kommen regelmäßig Leute zum Aufwärmen, manche schlafen dann auch in der Ecke“, sagt Geschäftsführer Hopser, der neben Held steht und Hera und Dirty liebkost, seine beiden American Pitbulls.

Während der CDU-Regentschaft lief die Zusammenarbeit mit der Stadt besser als heute, findet Hopser. Held stimmt ihm zu: „Dieses ,Wir werden verstanden’-Gefühl von damals ist heute nicht mehr da. Früher konnte ich aufs Sozialamt gehen und hatte sofort einen Termin beim Herrn Mehl oder beim Bürgermeister. Heute geht alles nur mit langem Vorlauf. Ich bin den Politikern praktisch unbekannt.“



Das Grundstück des Crashs gehört der Stadt. Held und Bührle sind Nutzer des Hauses, ihr Nutzungsvertrag läuft 2013 aus. Danach haben sie die Option auf weitere fünf Jahre. Eigentlich sollte die Stadt das Grundstück weiterverkaufen, doch hat sie in den letzten 20 Jahren keinen Käufer gefunden. Für den Grund bedeutet das Crash, nun ja, eine Belastung. Held sagt: „Im Grundbuchamt stand bis 1998: ,Das Grundstück kann nur verkauft werden, wenn das Crash eine neue Heimat findet.’ Sämtliche Investoren haben sich die Zähne dran ausgebissen. Egal, wo das Crash hin sollte, es gab immer Ärger.“

Der Stadtrat stehe zum Crash, aber er mache dafür zuwenig, findet Held. „Wir sind mit dem Ding überfordert. Wir haben kein Geld für weitere Baumaßnahmen.“ Die Instandhaltung des Musikkellers fordere seine Betreiber an die finanzielle Grenze.

Vielleicht ist es auch so zu erklären, dass in letzter Zeit einige finden, Freiburgs erste Adresse für Subkultur habe bei Programm und Konzerten stark nachgelassen. Die Crasher halten dem entgegen, sie hätten „bookingmäßig im November Gas gegeben“. Jedoch: „Bei den letzten Konzerten mussten wir wieder mal feststellen, dass man in Freiburg mit bestimmten Acts einfach nicht die Kosten decken kann.“ Held macht aus der Cola in seinem Glas ein kleines Wellenbad, das fast überschwappt.

2007 feiert man an der Schnewlinstraße 7 den zwanzigsten Geburtstag. Eine besondere Party sei nicht geplant: „Geburtstage habe ich schon als Kind gehasst“, so Held, Vater zweier Söhne und einer Tochter. Immerhin, Northern Lite, die Fotos und die Lokalmatadoren werden demnächst auf der Crashbühne stehen.

Eine letzte Frage: „War Herr Salomon schon mal zu Besuch?“ Held lacht trocken. „Nee, was soll der hier? Verkauft der mir noch des Crash, hör uff!“