Nachtmacher (2): Carmelo Policicchio

David Weigend

Wer hat im Freiburger Nachtleben die Fäden in der Hand? Dieser Frage wollen wir in verschiedenen Szenen nachgehen. Die zweite Folge der Reihe bildet ein Porträt von Carmelo Policicchio, Swamp-Wirt und Organisator vielbeachteter Indiekonzerte. Mit Fudder spricht er über seine Jugend, die sich polarisierende Fanszene des SC Freiburg und den Niedergang der städtischen Subkultur.



Vor drei Tagen haben sich Carmelo Policicchio und Karl-Heinz Wildmoser senior die Hand geschüttelt. Es geschah in der Entenbraterei auf dem Münchner Oktoberfest bei einer zufälligen Begegnung, und man kann wohl sagen, dass hier, zumindest für den Augenblick des fotografisch verewigten Handschlags, Welten aufeinander geprallt sind. Auf der einen Seite Großgastronom Wildmoser, bärbeißiger Wiesnwirt, Hendlkönig und Expräsident des TSV 1860 München, ausgerutscht auf der glitschigen Schale eines hausgemachten Bestechungsskandals; auf der anderen Seite der Freiburger Kleingastronom und Konzertveranstalter Policicchio, Swampchef, Finkesymphatisant und erfreulicherweise nicht in Besitz jenes unerträglichen Kameralächelns, das der dreimal breitere Wildmoser gern auch auf Zuruf abruft.


Policicchio erläutert dieses Treffen in der gleichen unaufgeregt-brummigen Stimmlage wie all die anderen Themen, die er bei einer Flasche Bionade in einem Café in der Klarastraße anspricht. Sobald es allerdings um den Sportclub Freiburg und seine zunehmend gespaltene Anhängerschaft geht, erhebt sich die Stimme merklich. Davon soll später noch die Rede sein.

Policicchio, 46 und Sohn eines Italieners, stammt aus Hausach an der Kinzig. Man hat sich diese Lage wohl eher als schattig vorzustellen. “Ich hab da früher auch gekickt. Oft war es so, dass auf unserem Platz ein Meter Schnee lag, während bei den Auswärtsspielen in der Rheinebene schon der Frühling Einzug hielt.” Mit 16 kaufte sich Carmelo seine erste Ramonesplatte. Er besuchte Konzerte (“Hippiegeschichten wie Bob Dylan”) und Musikfestivals, etwa das “Pink Pop” im niederländischen Landgraf. “1981 spielten da U2 um 11 Uhr morgens. Die hat damals kein Schwein gekannt.” Musik und Fußball, das waren von Anfang an Policicchio’s Interessen. Das Geschichtsstudium in Freiburg gab er mit 21 auf, als er die 13 Jahre ältere Angela kennen lernte. Angela betrieb die “Schwarzwaldstube” in Freudenstadt. Hier kam Policicchio erstmals mit Kneipenkultur in Berührung. 1985 dann der erste eigene Laden namens Schwabenhans in Hausach.

Sieben Jahre später suchte Policicchio, den seine Freunde Chico nennen, nach Ausschankraum in Freiburg. “An der Talstraße hatte eine Backstube dichtgemacht. Zuerst wollte dort ein Türke seine Kebapbude eröffnen. Die Konzession war schon da. Aber dann hat der Dönermann kalte Füße gekriegt.”

Carmelo kaufte ihm den leeren Laden ab und renovierte ihn. “Bei der Inneneinrichtung hatte ich wie immer keine Idee.” Dafür lief im Swamp von Anfang an Indiemusik, die in den ersten vier Monaten allerdings nicht viel Kundschaft anzog. Dann jedoch entwickelte sich der Sumpf zum Selbstläufer. Eine Tatsache, die besonders mit der Nachbarschaft von Volker Finke zusammenhing. “Der wohnte früher direkt neben der Kneipe und schaute ab und zu auf ein Bier rein. Dietrich zur Nedden, der erste Pressesprecher vom SC, war auch manchmal da. Das hat sich herumgesprochen und so kamen zunehmend SC-Fans ins Swamp. Natürlich auch wegen der Nähe zum Stadion. Auch heute noch ist die Kneipe nach den Spielen rappelvoll.”

Wenn man Policicchio fragt, ob er die sich derzeit verhärtende Lagertrennung der Finkeanhänger und Finkegegner auch in seinem Lokal beobachtet, sagt er, über dieses Thema könne er einen ganzen Abend lang reden. Um Abkürzung gebeten, erzählt er eine Spielszene aus der Saison 2004/2005. Freiburg gegen den VfB Stuttgart, 80. Minute. Finke wechselt Andreas Zeyer ein. “Es gibt im Grunde kaum jemanden, der den Verein und seinen Stil mehr verkörpert, als Zeyer. In England würde man so jemandem ein Denkmal setzen. Einer von den Ultras sieht die Einwechslung und brüllt: ,Finke raus!’ Absolut lächerlich. Peinlich ohne Ende.”

Die Fußballfans an der Swamptheke nörgeln heute mehr als früher, sagt Policicchio. “Aber sie haben keine Alternativen. Und sie vergessen, unter welchen Bedingungen die A-Jugend früher trainiert hat, wie das ganze Gelände an der Schwarzwaldstraße früher aussah und so weiter.” In diesem Moment lässt sich beim Brummelstoiker Policicchio so etwas wie Erregung feststellen: “Ich lass’ mir von denen Mitzwanzigern nicht erzählen, Finke mache meinen Verein kaputt. Die waren vor 15 Jahren noch im Kindergarten.” Sein Verein, vielleicht auch deshalb, weil Policicchio selbst einen Kiosk an der Nordtribüne des sogenannten Badenova-Stadions betreibt.

Auch in Bezug auf das Freiburger Nachtleben findet der Mann aus dem Kinzigtal deutliche Worte. “Zum Beispiel die Universale. Was gibt’s da? Modenschau und SWR 3-Stumpfköpfe. Multicore: Was soll das sein? Die treten doch seit Jahren auf der Stelle.” Policicchios Analyse zeugt vom Blick des Skeptikers: “Die Leute begnügen sich mit Aufbrühveranstaltungen wie Monkey Jump. Mords-Tohuwabohu, 20 Bands, 20 Djs. Dabei spielen die eh das ganze Jahr über.” Policicchios Aussagen enden in einem Resümee, das ihn zu einer Art Rolf Dieter Brinkmann des Stühlingers macht: “Die Clubs in Freiburg, das ist doch alles ein riesiger Einheitsbrei. Und was Subkultur anbelangt: Seit 15 Jahren ist die Stadt von der Rock n’ Roll-Landkarte weitgehend verschwunden.”

Immerhin, der Kneipier bemüht sich darum, den weißen Indiefleck Freiburg im Rahmen seiner Möglichkeiten mit Farbe zu füllen. Er organisiert kleinere Konzerte im Swamp und größere in der Wodanhalle. Die Gigs, die er im Auditorium der Jazz- und Rockschule aufzieht, sind oft richtige Kracher. Zum Beispiel der von The Robocop Kraus im Februar. Geld springe bei der Organisation solcher Veranstaltungen kaum raus. “Manchmal frage ich mich, für wen ich das überhaupt mache. Du musst bluten. Aber es macht doch Spaß.” Ein neuer, schöner, großer Indieladen in Freiburg? “Der Bedarf ist da, kein Zweifel.”

Policiccio zwirbelt an den Härchen seiner Koteletten herum und macht den Anschein, als halte er sich nicht für den Richtigen, solch einen Club zu eröffnen. Die Kompetenz und die Erfahrung dafür hätte er. Doch Policiccio ist wohl doch eher ein Freund des Kleinen, Überschaubaren und Kalkulierbaren, wobei wir wieder bei seiner Symphatie für Volker Finke wären. Die Vorstellung von Karl-Heinz Wildmoser am Swamptresen bleibt jedenfalls eher utopisch.