Nachtmacher (19): Anthony Obeh

David Weigend

Das gefingerte L soll keine Pistole darstellen. Es steht für Lagos, Nigeria, die Heimat von MPiece (links), Austine und Nachtmacher Toni Obeh (noch nicht im Bild). Obeh ist "President" vom Club K. Fellows, einer Diskothek für pure Black Music. Wir haben uns von Obeh schon vormittags mit Brühler Bässen beschallen lassen. Ein Portrait.



Black in Brühl

Ein Montagvormittag an der Karlsruherstraße: schneeweiße Arztkittel gondeln wie auf Valium durch die Kreisförderanlage einer Wäscherei und verschwinden in einem Dämpftunnel; nebenan, bei der Samurai-Kampfkunst-Akademie sind die Parkplätze noch leer. Ein Mann mit Atzenshirt kommt aus dem Fitness-Studio. Vom angrenzenden Club K. Fellows, der früher mal Coconut hieß, wird noch die Rede sein. Äußerlich macht er wenig her: die Nordseite ziert wilder Wein, die Südseite ist kahler Beton. Willkommen in Brühl.



Zumindest für Touristen, die einen Tag in Freiburg verbringen wollen, ist dieses Stadtviertel kein place to be. Für Angehörige der „Christlichen Missionsgemeinde“, für Leute, die eben mal schnell ihre Karre gegen Bares umtauschen müssen und für Liebhaber von Black Music ist Brühl aber eine feine Adresse. Demzufolge sind wir hier mit einem Mann verabredet, der sich als „absolute Top DJ for Black Music“ bezeichnet. Und jedes dieser sechs Wörter mit der Feierlichkeit eines Boxhallensprechers betont.



Da kommt er auch schon angefahren, mit Headset am Ohr und zwei Kollegen auf den Rücksitzen. Gestatten, Toni Obeh. Die anderen, das sind MPiece („Top Artist aus Africa“) und Austine. Lässiger Handschlag. Der Clubchef öffnet die Tür. Wir betreten den Flachbau. Obeh schmeißt die Ventilatoren an, dann setzen wir uns in eine Nische. Obeh beginnt zu erzählen.



Obehs Leben

„Ich wurde vor 45 Jahren in Nigeria geboren. Ich studierte dort und wurde Journalist. Von 1992 bis 1994 habe ich in Moskau als Redakteur bei zwei englischsprachigen Zeitungen gearbeitet, Moscow Tribune und Moscow Times. Dann ging ich wieder zurück nach Kaduna, Nigeria. Dort war ich Radiomoderator und ich schrieb auch für ein society magazine. Das darf man sich aber nicht als Klatschblatt vorstellen, sondern als ein Magazin mit sozialen Themen.

Darin veröffentlichte ich einen kritischen Artikel über Sani Abacha. Der war damals der Kopf der Militärdiktatur in Nigeria. Um es kurz zu machen: ich bekam ziemliche Probleme und musste das Land verlassen. Ich beantragte Asyl in Deutschland. Mein Antrag wurde anerkannt. In Freiburg lernte ich meine Frau kennen, sie ist Bankangestellte. Zuerst bekam ich einen Job als Paketzusteller bei der Post. Drei Jahre lang fuhr ich Pakete aus. Doch dann erinnerte ich mich daran, wieviel Spaß es mir in Nigeria gemacht hat, Platten aufzulegen.

Ich wollte das ausbauen, ging zu Radio Dreyeckland. Dort moderiere ich jetzt seit zwölf Jahren die Sendung Voice of Africa. Fantastic. Und ich setzte mir in den Kopf, hauptberuflich DJ zu werden.“

MPiece und Austine sitzen auf den Barhockern und hören zu. Es ist nicht ganz klar, ob sie alles davon verstehen, was Obeh erzählt, denn ihr Deutsch ist nicht so gut wie seins. Aber sie nicken hin und wieder zustimmend.



„Ich habe also mein DJ-Ding durchgezogen. Mann, du kannst dir nicht vorstellen, wo ich mir überall die Nächte um die Ohren schlug. Liquid Lounge, London, Sea Bach Klaus (gemeint ist wohl die Seebachklause in Titisee-Neustadt, Anm. d. Red.). Doch oft wollten die Leute da auch Trance und Techno hören. Nicht mein Style. Also ging ich ins Zouti nach Umkirch. Vier Jahre lang war ich da DJ. Im April 2006 machte ich meinen eigenen Laden auf. Komm, wir machen nen kleinen Rundgang.“

Discofreuden am Vormittag

Obeh steht auf und geht zur DJ-Kanzel mit angeschlossenem Dancefloor. Er knipst das Mischpult an und sagt: „Ich mache jetzt einen Fünf-Minuten-Mix und du sagst mir, ob ich ein Top-professional DJ for Black Music bin oder nicht, aight?“

Während die ersten Bässe durch den Raum pumpen (Fatman Scoop: Be Faithful), verdrücke ich mich in den hinteren Bereich des Clubs. Aus Spaß öffne ich die Tür mit dem Notausgang-Symbol und stehe plötzlich, au weia, mitten im benachbarten Fitness-Studio. Keiner da. Schnell wieder zurück zum Top-DJ.



Hossa, jetzt kommt Leben ins Brühl. Ist das Tony Touch oder Toni Obeh? Er schiebt den Kopfhörer beiseite und ruft: „In ganz Süddeutschland, frag’ irgendjemanden, ob er gegen mich in einer Competition mit Black Music DJing antreten will. Niemand! Ich bin der Beste!“

Dann dreht Obeh eine Spur leiser und räumt ein, okay, es gebe da einen, der könne so halbwegs mithalten, nämlich DJ SPR aus dem „Eighteen Monate“. Aber hey, wenn SPR und Obeh ZUSAMMEN auflegen, wie neulich hier im K.Fellows, also dann wackeln die Wände. Obeh beschreibt mit seinen Armen die Explosion einer Atombombe: „Schon um 22 Uhr war hier alles voll. Draußen, die Parkplätze auf den Straßen - FULL! FULL! FULL! Absolute Black Music. Kein Techno, kein Trance. Höchstens mal ein arabisches Lied oder was aus der Türkei.“ Die Leute wären zu ihm gekommen und hätten gesagt: „Obeh, ich habe Probleme mit meinen Schuhen. Die Sohle ist bald durch!“

Vielleicht sollte doch lieber ein Schuhmacher in die Samurai-Akademie nebenan einziehen.



Eines sei zwischendurch gesagt: Obeh hat sicherlich ein sehr gesundes Selbstbewusstsein, aber er ist auch ein symphatischer Kerl. Die Statements zu seinen DJ-Künsten gleichen zwar ein wenig einem D-Jugendstürmer, der sich rühmt, im Freundschaftsspiel die meisten Tore erzielt zu haben, aber sie kommen immer noch zehnmal herzlicher rüber als die subtil-ironische Coolheit diverser Regio-DJ-Lackaffen, die sich für was besseres halten.

Abschleppschuppen?

Nachdem das Eis gebrochen ist, kommen wir auf ein Klischee zu sprechen, das dem Club K. Fellows immer noch ein wenig anhängt: das Klischee des Anbaggerschuppens, in dem notgeile Mittvierzigerinnen auf gut gebaute, afrikanische Jünglinge losgehen. Obeh sagt, das stimme so nicht. „Klar kommen ab und zu Frauen hier her, die keinen Mann haben. Aber das ist in anderen Discos doch nicht anders. Es ist auch nicht so, dass hier hauptsächlich Asylanten rumhängen würden. Auch das wurde schon behauptet.“



Obeh berichtet von einem gut durchmischten Publikum, bei dem Hautfarbe oder Nationalität keine Rolle spiele, sondern allein das Interesse an Black Music. Die sei in der Region laut Obeh nur bei ihm in purer Spielart vertreten: freitags Reggae, samstags Hip Hop. Es gebe zwar einen Justin Zougbor, der in Breisach das Le Prestige und in Umkirch das „Le Baron“ betreibt. „Aber da läuft auch viel Zouk und karibischer Sound, da kommen die ganzen Gäste aus Frankreich rüber“, sagt Obeh.



Er zeichnet allein verantwortlich für seinen Club: Getränkeeinkauf, Dekor, Finanzen, Musik. Bezahlen muss er zwei Sicherheitsmänner, eine Kassiererin zwei Thekenkräfte und manchmal einen DJ. „Wenn ich also keine 300 Gäste habe am Wochenende, die viel trinken, komme ich ins Minus.“ Gut sei das Geschäft gewesen, als das Zouti in Umkirch zwischenzeitlich dichtgemacht hatte. Aber jetzt, da das „Le Baron“ dort residiere, sauge ihm diese Konkurrenz wieder Gäste ab.



Fellows als Schule

Eines Tages, sagt Obeh, will er nach Nigeria zurückkehren und in Benin-City einen richtig großen Club aufmachen. "Club K. Fellows ist für mich wie eine Schule. Ich lerne hier, wie man so einen Laden führt." Und er empfiehlt uns zum Abschied einen Discobesuch in Lagos: "Man kann sich nicht vorstellen, wie es da abgeht, wenn man noch nicht dort war. Die Leute tanzen wie verrückt. Keiner geniert sich. Es ist der Wahnsinn. Beim Partymachen können die Deutschen noch einiges lernen." L, Alter.

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