Nachtmacher (11): Corin Fischer

David Weigend

Es gibt im Raum Freiburg zwischen 300 und 400 Menschen, die von der Technospielart Goa fasziniert sind. Einer von ihnen ist Corin Fischer. Er organisiert selbst Goapartys draußen im Wald. Bei fudder erzählt Fischer unter anderem, warum diese Partys offziell nicht geduldet werden und welche Goastyles bei ihm einen "Brainfuck" auslösen.



Als Corin Fischer sagt, er habe Flugangst, und sei deshalb noch nie in Goa gewesen, röhrt ein Passagierflugzeug durch den Himmel des Stühlingers. Corin nimmt einen Zug an seiner Zigarette und betrachtet den Kondensstreifen über ihm. "Aber ich werde auf jeden Fall mal nach Goa fliegen, und wenn ich dafür Valium schlucken muss."


Natürlich sitzen wir draußen. Es wäre idiotisch, in einem Keller zu hocken und über Goa zu reden. Denn Goa, jene hartweiche, psychedelische Spielart des Techno, wirkt am besten im Wald, im Mondschein, an der alten Panzerschanze am Rhein oder auch am Opfinger See.

Corin erzählt: "Morgens, die Sonne geht auf. Es ist ganz windstill, der See absolut glatt. Morgenröte, es geht kein Lüftchen. Das Ufer spiegelt sich im Wasser. Einer legt Goa auf, drei Leute trommeln dazu. Vielleicht kennst du das. Es entsteht ein Wahnsinnsrhythmus. Du kannst nicht still sitzen. Du breitest einfach die Arme aus und fliegst davon. Dafür brauchst du gar keine Drogen. Es ist einfach dieser Vibe von Natur, Menschen, hartem Beat und flächigem Sound im Hintergrund."



Vielleicht kennst du das. Da erzählt einer von seiner Leidenschaft, Goa, und man fragt sich: ist dieser Nachtmacher Corin Fischer der Erich von Däniken unter den Freiburger Partyveranstaltern? Der esoterische Barfußtänzer auf dem Technotrip?

Diese Vorstellung trifft nicht ganz zu, auch wenn Corin, 26 und gelernter Koch, einräumt, esoterisch angehaucht zu sein. Es existierten da gewisse Kräfte, an die er glaube. "In "Dune - der Wüstenplanet" von David Lynch gibt es Krieger, die zerbrechen einen Stein mit der Gewalt ihrer Stimme. CHA! Wenn 100 Leute während einer Goaparty gleichzeitig ein positives Empfinden haben, dann ist da was. Ein Prickeln, ein unfassbares. Das macht das Ganze sehr warm."

Corin Fischer ist vielleicht in erster Linie einer, der Menschen glücklich machen will. Die Goapartys organisiert er mit Freunden und er verdient dabei kaum etwas. Darum geht es ihm auch nicht. Er würde sich schon freuen, wenn er für seine "Hüttenzauber"-Reihe eine Ausschank-Genehmigung und das Okay des Umweltamts bekommen würde. "Aber eine 6000 Watt-Anlage auf dem Schauinsland, das kriegst du einfach nicht durch." Bis jetzt habe es auch nichts geholfen, dass er und seine Crew nach der Party jeden Kippenstummel auflesen und die Lichtung sauberer hinterlassen, als sie ursprünglich war.



Vergangenen Samstag, am 5. Mai, trafen sich wieder knapp hundert Goafans irgendwo im Wald hinter der Holzschlägermatte. Der Fez ging bis Sonntagmittag, "auch wenn eine Handvoll Verballerte sicherlich noch gern drei Tage weitergetanzt hätten." Fünf DJs legten auf, darunter auch der Basler Dani W. Hätte Corin den Freiluftvibe offiziell angekündigt und nicht über Flüsterpost, wären sicherlich mehr Leute gekommen. Doch das ist nicht so einfach. "Manchmal kündigen wir Partys im Internet an. Aber dann müssen wir damit rechnen, dass da gleich die Polizei hinterher ist."

Tatsächlich hat es bei einer Freiburger Goaparty vor geraumer Zeit eine Razzia gegeben, bei der sehr viele Drogen beschlagnahmt wurden. Naturgemäß hat dies das Klischee von Goapartys als Drogenumschlagsplatz bestätigt, leider. Wir sprechen hier von Cannabis und LSD. "Sachen wie "Liquid Ecstasy" sind in der Goa-Szene die absolute Ausnahme. Davon würde ich auch jedem abraten", sagt Corin. Seitdem eine Goaparty am Schönberg von 30 Polizisten gestürmt wurde, achtet er auf Gäste, die offensichtlich zu viel dabei haben und bittet sie, zu gehen.



Einmal, so erzählt er, habe er ausnahmsweise und ziemlich spontan in einem Keller nahe der Innenstadt ein Goafest organisiert. Corin steckte seinen Kumpels die Location und kurz nach Partybeginn bildete sich, schnatter schnatter, eine Riesenschlange vorm Eingang. Die Menschen standen an bis ins Granatgässle. Drinnen tropfte der Schweiß von der Decke und Corin spielte Progressive Goa, zwischendrein mal ne Full On-Scheibe, ein sackschneller Sound, den er eigenen Angaben zufolge selbst nicht lang hören könne, weil er sonst "nen Brainfuck kriegt."

Draußen im Gässle gröhlten mittlerweile um die 50 Leute herum und soffen Bier. Die Party eskalierte, die Polizei kam. "Ich unterhalte mich gerade mit einem Beamten, da schlappt einer mit ner riesigen Wasserpfeife vorbei, in die Party rein." Das Problem bei manchen Goahörern sei, dass sie irgendwann das Unrechtsbewusstsein in Bezug auf Drogenkonsum verlören.

Müsste man Goa malen, würde man rot und orange wählen. Warme Farbtöne  beherrschen das Hörbild, durchsetzt von harten, kalten, metallischen Beats. So hört sich das an auf Corins erster Goaplatte: Sven Väths 93er-Solodebüt "Accident in Paradise". Den ersten Liveact, den Corin sich ansah, waren die Israelis Infected Mushroom. "Die haben 99 gespielt, in der alten Stadthalle. Das war ausgerichtet für 8000 Leute. Gekommen sind 1500. Megabeschissen."



Dennoch ist Corin reingerutscht in die Goaszene, auch durch seine Moderationstätigkeit bei Radio Dreyeckland, und immer wieder erwähnt er die familiäre Qualität der Goafeste. Tatsächlich: die Vorstellung von Ökoravern, die am Lagerfeuer Fleisch braten und dieses im laxen Tauschhandel gegen Getränke anbieten, mutet an wie die Rückführung in den Naturzustand frei nach Rousseau.

Wie gesagt, Geld verdient Corin damit logischerweise kaum, schon gar nicht, wenn die Gäste seiner Partys Selbstversorger sind. Corin organisiert das Goading aus Idealismus. Sein Leben bestreitet er als Koch. Real, Cantina, Café Atlantik, Aspekt, Exil, Tacheles, Corin hat hier überall schon Schnitzel gebraten. Höhepunkte: Salate für Ulrike Folkerts und die Tatortcrew; für den Grafen von Fürstenberg hat er schon eine Crema Catalana zubereitet: "Man muss es 20 Mal machen, dann haut auch das Karamelisieren mit dem Bunsenbrenner hin." Full On.