Nach-dem-Konzert-Fotos: Verschwitzte Stars vor der Linse

Nadine Zeller

"You got thirty fucking seconds", knurrt Iggy Pop den Fotografen hinter der Bühne an. Matthias Willi zögert nicht lange. Dreißig Sekunden reichen aus, um diesen entscheidenden Moment einzufangen. Er drückt sechs Mal auf den Auslöser und lichtet den Kultrocker ab. Dann verschwindet Iggy Pop im Backstagebereich. Der Basler Fotograf Matthias Willi fotografiert Stars in einem besonderen Moment – direkt nach dem Konzert.

Sein Vorgehen hat Methode. Matthias Willi wartet  hinter der Bühne und bekommt die Stars frisch verschwitzt vor die Linse. Seine Fotoserie nennt sich „The moment after the show“. Das  Zeitfenster, das dem Basler Fotografen zur Verfügung steht, ist klein. Er muss die Stars abfangen, bevor sie in Bademäntel gehüllt in den VIP-Bereich verschwinden. Matthias Willi geht es um Sekunden. Um Augenblicke, in denen schweißnasse Strähnen ins Gesicht hängen und das Make-up verläuft. Erschöpfung,  Anspannung oder Gelöstheit stehen den Künstlern in diesem Moment ins Gesicht geschrieben. Vor seiner Linse standen schon Juliette Lewis, Iggy Pop, Brian Molko und Robert Trujillo. Seine Fotoserie wurde in Brasilien, Deutschland, Portugal und Amerika ausgestellt.

Auf die Idee kam er durch einen Zufall.  Ein befreundeter Musikjournalist, Olivier Joliat,  fragte, ob er Lust hätte, Juliette Lewis zu fotografieren. Vor dem Konzert hatte Matthias Willi  keine Zeit, also fragte er nach, ob es auch nach dem Konzert möglich wäre. Lewis sagte zu. Aus einer Notlösung entstand eine Fotoserie.

Willi ist seit neun Jahren Fotograf. Wenn er nicht Stars fotografiert, macht er auch mal Unterwäschefotos für eine Kaufhauskette. Irgendwie, sagt er, müsse er ja seine Backstagegeschichten finanzieren.

Die kosten ihn nicht nur Geld, sondern auch Energie. „Es ist extrem schwierig, das Vertrauen der Leute zu gewinnen“, sagt der 34-Jährige, „früher war es für Fotografen viel leichter, an Stars ranzukommen. Wenn man zum Beispiel an die Rolling Stones denkt –  von denen gibt es Fotos, die alles Mögliche dokumentieren: Drogenkonsum, Groupies, Abstürze. Das ist heute nicht mehr denkbar.“

Der beste Weg, um an Fotos zu kommen, sei aber immer noch der direkt über die Künstler. Das bedeutet für den Fotografen, dass er es irgendwie schaffen muss, hinter die Bühne zu kommen. Das gelang ihm bisher etwa sechzig Mal. Zugang zum Backstagebereich bekam Matthias Willi auch durch seinen Freund, den Musikjournalisten. Ein Interviewtermin ist da die halbe Miete. Nach dem Interview frage er, ob man nach der Show kurz ein paar Fotos schießen könne. Mittelgroße Bands sagten meistens zu.

„Während der Show schau ich mich hinter der Bühne nach einem geeigneten Hintergrund um. Es muss auf jeden Fall ein Ort in der Nähe der Bühne sein, denn ich muss die Künstler direkt nach dem Konzert erwischen“, sagt Matthias Willi. Ungeschminkt, verschwitzt und pur seien diese Momente.

„Als ich Robert Trujillo, den Bassisten von Metallica,  fotografierte, stand ich hinten auf der Bühne. Metallica gaben gerade ihre erste Zugabe und achtzigtausend Leute tobten. Da hab' ich Gänsehaut bekommen“, sagt Willi. „Zwischen der ersten und der zweiten Zugabe stand dann auf einmal Robert Trujillo vor mir, dann musste alles ziemlich schnell gehen.“ Im Hintergrund schrie die Menge nach der nächsten Zugabe. „Da denkst du dir als Fotograf: Wenn ich das jetzt versiebe, krieg ich keine zweite Chance mehr.“ Das Foto gelang. Es zeigt einen vor Kraft vibrierenden Robert Trujillo.

Und wie war die Begegnung mit Juliette Lewis? „Bevor ich sie fotografieren durfte, musste ich einen Vertrag unterschreiben, in dem drin stand, was alles nicht angesprochen werden darf. Etwa ihre Beziehung zu Brad Pitt oder Scientology.  Ansonsten war sie sehr nett und professionell“, erzählt Matthias Willi, „nach dem achten Bild hat sie dann aber die Augen verdreht“.

Die Begegnung mit Iggy Pop ist ihm auch noch gut in Erinnerung: „Bei ihm habe ich ganz schnell aufgehört zu fotografieren, als er schon nach sechs Fotos warnend seine rechte Hand gehoben hat. Für einen kurzen Moment war ich versucht, noch mal auf den Auslöser zu drücken. Aber ich weiß nicht, was er dann gemacht hätte“, sagt er grinsend.



Manche der Künstler seien aber auch sehr kooperativ. Brian Molko zum Beispiel,  der Sänger von Placebo. Der habe den Fotohintergrund selbst vorgeschlagen: gelbe Regenmäntel.

Festivals seien immer gut, um Fotos zu machen. Auf dem Montreux Jazz   Festival hat er Kid Rock fotografiert. „Der war extrem besoffen“, erinnert sich Matthias Willi. Abends nach dem offiziellen Teil gab es eine Jamsession, bei der ein sehr guter Jazz-Schlagzeuger spielte – bis Kid Rock auf die Bühne kam, mit einer Zigarre im Mund und einer Weinflasche in der Hand. „Der hat einfach die Jamsession gestört, indem er wie ein Wilder auf den Percussions rumgeklopft hat. Am nächsten Morgen hieß es, dass er noch nachts über den Balkon in irgendein Hotelzimmer eingestiegen ist und die Polizei ihn abführen musste.“

Fragt man Matthias Willi, welchen Star er am liebsten vor der Linse hätte, kommt seine Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Keith Richards.“

Mehr dazu:

 

Foto-Galerie: Matthias Willi - The moment after the Show

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.