Muslim Girls: "Wahrheiten hinter dem Schleier"

Marc Röhlig

Wie leben eigentlich junge muslimische Frauen in Deutschland? Sineb El Masrar, 28, Journalistin und Autorin in Berlin, weiß es. Aufgewachsen ist die Tochter marokkanischer Eltern in der Nähe von Hannover. Egal, ob Provinz oder Hauptstadt: Sineb hat viel gelernt über die Lebenswirklichkeit junger Musliminnen in Deutschland. In ihrem Buch "Muslim Girls" gibt sie ihnen nun eine Stimme. Marc Röhlig hat sich für fudder mit ihr unterhalten.



Dein Buch „Muslim Girls“ porträtiert junge deutsche Musliminnen. Aber eigentlich gibt es doch über die schon viel in den Medien zu lesen. Wieso brauchen wir noch mehr davon?

Sineb El Masrar: Weil unsere Lebensrealität einseitig dargestellt wird. Es gibt immer nur Betroffenheitsgeschichten, Opfergeschichten. Jeder verbindet mit jungen Musliminnen die Klischees: Kopftuch, Ehrenmord, Zwangsehe. Tatsächlich wachsen wir aber hier als deutsche Mädels auf – und sind daher genauso vielschichtig und überraschend. „Muslim Girls“ will genau das abbilden: Kopftuch, klar, aber eben auch Trägertop.

Also ein Imagebuch?

„Es ist ein Imagebuch. Aber nicht, um eine Lanze für Muslime zu brechen – sondern, um einfach mal die Realität darzustellen. Ich will die schlimmen Dinge nicht aussparen. Ich möchte sie nur in ein tatsächliches Verhältnis mit den vielen positiven Geschichten stellen. Es gibt nicht nur Schwarz – sondern auch Weiß und noch ganz viel dazwischen. Eine einseitige Stigmatisierung der jungen Muslimin führt nur zum Verfestigen von Vorurteilen.“

Was sind denn die Vorurteile, mit denen „Muslim Girls“ in Deutschland leben müssen?

Es lässt sich alles in der Annahme bündeln, dass wir nicht mündig sind und einer strengen Familie anhängen. Damit wird es für uns in allen Lebensbereichen schwer: Beziehungen aufbauen, Jobs finden, Wohnungen mieten. Immer denkt das deutsch-deutsche Gegenüber: Wenn ich ihr eine Chance gebe, stehen gleich ihre Schlägerbrüder auf der Matte. Dabei ist das albern. Eine Studentin mit Kopftuch muss sich anhören, sie brauche sowieso nicht in die Vorlesung, weil sie doch später nur Kinder bekommen müsse. Warum sitzt sie dann überhaupt im Hörsaal? Dass sie aus einer aufgeklärten, engagierten Familie kommt, die ihr den Weg zur Uni geebnet hat, kommt vielen Deutschen nicht in den Sinn.

Wir müssten uns also mehr füreinander interessieren, uns vom anderen überraschen lassen?

Auf jeden Fall. Es gibt einfach zu viele Fehlinformationen über Muslime hierzulande. Wer nichts mit uns zu tun hat, glaubt halt die Klischees aus den Medien. Und wenn er dann mal einen türkischen Macho die Straße langlaufen sieht, fühlt er sich sofort bestätigt. Klar, die schwarzen Schafe gibt es auch. Aber die sind eine Minderheit. Und das ist eigentlich der große Triumph, wenn man bedenkt, wie schwer man es uns allen über Jahrzehnte gemacht hat.

Wie sieht es bei Dir selbst aus: Musstest Du um Anerkennung buhlen? Wirst Du als   „anders“ abgestempelt?

Ich hatte das Glück, in einem kleinen niedersächsischen Provinznest aufzuwachsen. Da ist das längst nicht so ein Thema wie in einem Berliner Problembezirk. Allerdings musste auch ich lernen, dass ich immer das ausländische und nicht das deutsch-marokkanische Mädel bin. Wenn ich dann mal Intoleranz erfahre, durch eine dumme Bemerkung im Supermarkt zum Beispiel, dann lege ich das aber schnell ad acta. Wer sich solche Momente zu Herzen nimmt, würde mit der Zeit nur Wut aufstauen. Und das führt nicht selten dann auch zu Hass.

Du sprichst von „Deutsch-Deutschen“. Du selbst bist „deutsch-marokkanisch“. Wie lebt es sich mit zwei Identitäten?

Keine Ahnung, ich selbst habe nur eine Identität, die von zahlreichen Erfahrungen beeinflusst ist. Es sind andere, die mir eine zweite andichten. Ich fühle mich als Deutsche, gelte aber als Marokkanerin. Dabei bin ich nur hier sozialisiert und hier aufgewachsen. Okay, die marokkanische Kultur ist mir durch meine Eltern und viele Besuche in Marokko auch vermittelt. Aber ich stecke nicht zwischen verschiedenen Kulturen – die verschiedenen Kulturen bereichern mich und andere. Es ist wie ein Schatz, den man mit sich trägt. So wie einen Deutsch-Deutschen auch seine Auslandserfahrungen bereichern und ihn zu dem machen, der er heute ist. Das ist einfach so, wenn man Menschen und ihren Kulturen begegnet.

Die aktuelle Debatte über Zuwanderung und Leitkultur fördert diese Sichtweise leider nicht.  Glaubst Du, Multikulti ist gescheitert?

Na ja, wir müssen uns erst mal fragen: Was ist Multikulti? Hatten wir das überhaupt schon? Also wenn Multikulti heißt, es gibt viele verschiedene Ethnien in Deutschland, dann ist das schon mal Fakt. Und wenn es nun darum geht, ob wir mit- oder nur nebeneinander leben, so denke ich: Multikulti ist nicht gescheitert, es hat eine neue Ebene erreicht. Zuwanderer in der zweiten oder dritten Generation leben längst nicht mehr in eigenen Ballungsräumen. Die wollen raus, die sind Teil dieser Gesellschaft und möchten daher auch ihren Beitrag leisten. Wir haben Träume und Wünsche, wollen Leistung bringen, wollen Familie und einen guten Job. Auch zahlreiche „Muslim Girls“ wollen ihr Häusle bauen.

Bei all den „Muslim Girls“: Wo bleiben die Männer?

Was Träume und Partizipationswille angehen – das trifft genauso auf muslimische Frauen wie Männer zu. Allerdings wollte ich mit meinem Buch erst mal die Frauen in den Fokus nehmen. Jeder denkt, die haben keine Stimme, keine eigene Meinung. Keiner sieht, wie selbstbewusst sie aber sind. Also zeige ich es mit diesem Buch.

War das auch Deine Motivation hinter dem Projekt: Endlich mal mir und meinesgleichen eine Stimme geben?

Natürlich. Ich habe wirklich gefühlt: Jetzt muss ich mal Tacheles reden. Ich gebe seit vier Jahren das Magazin „Gazelle“ für die heutige Frauengesellschaft heraus – denn die ist ja, wie wir alle sehen, multiethnisch. Gerade durch meine Arbeit daran merke ich, wie viele Wahrheiten es über uns gibt. Dass diese Wahrheiten aber, im tatsächlichen Sinn, hinter dem Schleier verschwinden, weil sich die deutsche Gesellschaft nur auf die Klischees konzentriert – das hat mich wirklich betrübt.

Nun hälst Du das gedruckte Exemplar in den Händen. Wie hat es Dich persönlich verändert?

Eigentlich nicht besonders. In erster Linie aber erleichtert. „Muslim Girls“ ist ein Buch, das hoffentlich viele Anstöße für weitere Debatten liefert. Sowohl in der muslimischen Community als auch in der deutschen Gesellschaft – ich hoffe ganz besonders, dass meine Leser Gefallen am Dialog finden werden und endlich mehr miteinander zu tun haben werden.




Muslim Girls

Wer wir sind, wie wir leben
206 Seiten
Eichborn Verlag
14,95 Euro

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    [Bilder: Eichborn Verlag]