Begegnung

Muhterem Aras sprach mit Schülerinnen und Schülern über Heimat und Integration

Felix Lieschke

Niemand kann Integration besser beurteilen, als jemand der selbst integriert werden musste. Deswegen ging’s genau um dieses Thema beim Besuch von Landtagspräsidentin Muhterem Aras im Walter-Eucken-Gymnasium.

Muhterem Aras, Landtagspräsidentin Baden-Württembergs, weiß noch genau, wie es war, als sie mit zwölf Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Sie weiß noch genau, welche Probleme sie hatte, als sie das erste Mal in einer deutschen Schulklasse saß. Und sie scheut sich auch nicht davor, es weiterzugeben. An die Neuen, die Geflüchteten aus Syrien, Afrika und den vielen anderen Ländern, die in den vergangenen Monaten und Jahren nach Deutschland gekommen sind.


Geduldig sitzt sie am Montag im Walter-Eucken-Gymnasium zwischen Oberbürgermeister Dieter Salomon und Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und hört sich die Lebensläufe von denen an, die gerade am Anfang ihres Weges stehen.

Ihre Geschichte macht Mut

Seit 2015 nimmt das Walter-Eucken-Gymnasium Geflüchtete auf und integriert sie in die regulären Klassen. Rund 40 Schüler sind mittlerweile auf dem Wirtschaftsgymnasium. Und Schulleiterin Claudia Feierling wird nicht müde darauf zu verweisen, wie wichtig es für die Integration sei, dass die Schüler einen deutschen Abschluss erhalten.

Auch Aras war auf einem Wirtschaftsgymnasium. Ihre Geschichte macht Mut: Einwandererkind, fünf Geschwister, in der elften Klasse hat sie geheiratet – als kleine Rebellion gegen die eigenen Eltern. "Ein Freund war für meine Eltern damals nicht okay, aber ein Ehemann war in Ordnung", sagt sie. Die Ehe hält bis heute: 30 Jahre.

"Wenn Heimat, dann auch richtig." Muhterem Aras
Sie machte ihr Abitur, studierte Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim und gründete ihre eigene Steuerkanzlei. Mit den Ausschreitungen gegen Flüchtlinge zu Beginn der 1990er Jahre kam für sie ein Wendepunkt. Sie trat den Grünen bei, saß zwölf Jahre im Stuttgarter Gemeinderat und zog 2011 in den Landtag ein – als erste Muslimin. Im Mai 2016 wurde sie als erste Frau, erste Muslimin und erste Grüne zur Landtagspräsidentin gewählt.

Knapp 40 Jahre ist Aras jetzt in Deutschland, einen leichten Akzent hat sie sich trotzdem bewahrt. Der Umgang der Grünen mit Menschenrechten war es, der sie dazu ermuntert hatte, 1992 in die Partei einzutreten. Sie wollte etwas verändern, gestalten. "Wenn Heimat, dann auch richtig", sagt sie den Schülern. Trotzdem wollen die Schüler wissen, wie sie heute zu ihrer alten Heimat steht. Wie geht sie um, mit aktuellen Nachrichten aus der Türkei?

Appell an die Schülerinnen und Schüler, zur Wahl zu gehen

Kein Ton von Verständnis ist zu hören. Ein Dialog mit der Türkei sei weiterhin wichtig, sagt sie, aber ein Land, dass die Kriterien nicht erfülle, könne nicht in die Europäische Union aufgenommen werden. Aras spricht sich klar für islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen aus. Aber in deutscher Sprache und von Islamwissenschaftlern. Sie hat sich damals für eine Heimat entschieden, und das vermittelt sie den Schülern auch.

"Wir müssen als Gesellschaft Stopp sagen können", sagt sie, als das Thema Fremdenfeindlichkeit angesprochen wird. Sie appelliert an die Schüler, Lügen in sozialen Netzwerken "nicht auf den Leim zu gehen", Aussagen zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen. Auch dessen Quellen. Der Wahlkampf Donald Trumps "muss für uns eine Warnung sein". So einfach, wie sich manche die Welt derzeit machen, sei sie nicht, sagt sie, "die Welt ist viel komplexer". Deshalb appelliert Aras auch: "Der Brexit hat gezeigt, wohin es gehen kann, wenn nicht alle Menschen zur Wahl gehen."