Mr. Big im Z7: Götterdämmerung mit Bohrmaschine

David Weigend

Was dem FC Bayern sein Robery, ist dem Hardrockhörer sein Shebert: Billy Sheehan (links, Bass) und Paul Gilbert sind die Pfiffikusse der Shredderszene. Gestern Abend brachten sie, wiedervereint als Mr. Big, die Fans in Pratteln zur Verzückung.



Um kurz vor 21 Uhr zieht sich Eric Martin die Boleroweste über das grüne New York-Jets-Footballshirt, Paul Gilbert propft sich den Lärmschutzkopfhörer auf die Ohren, Billy Sheehan wirft einen letzten Blick ins Dianetikbüchlein und Pat Torphey schüttelt nochmal kräftig die Haarspraydose. Danach gehen sie auf die Bühne. Für die nächsten zwei Stunden wird alles so sein wie früher.




Die Veranstalter vom Z7 in Pratteln sprechen vom "Comeback des Jahres" und erstarren schon vorab in Ehrfurcht, indem sie den Besucher am Zapfhahn per Aushang wissen lassen: "Um die Nerven von Mr. Big zu schonen, haben wir auf den Einsatz einer Vorgruppe verzichtet."

Die Vorstellung ist möglich: Gilbert und Sheehan sitzen im Backstageraum, hören von hinten die Openerband, nehmen wir mal an: Gotthard, machen ein klägliches Zahnwehgesicht und Billy sagt zu Paul: "Oh dear, they should start to practise their instruments."

Abgesehen davon, dass diese Szene schon deshalb nicht zustande käme, weil die vier Mr. Bigs rüberkommen wie Nachbarn, die man ohne Umschweife zum Grillen im Garten einladen würde, impliziert der Z7-Aushang dann doch: Mr. Big sind in Sachen Saitenhandwerk groß, wenn nicht die Größten, und fast jede Vorband könnte sich im direkten Vergleich nur blamieren. Und daran, so wurde gestern Abend deutlich, ist was dran.



Mr. Big sind mächtige Vertreter des Hardrocks, die zwar hin und wieder in seichtes Popgewässer abdriften, aber sogar dies noch mit der Würde eines Sleazerockers hinkriegen, der schon einige nach ihm benannte Gitarrenmodelle im Schrank stehen hat. Im Falle Paul Gilberts ist das unter anderem eines mit zwei Hälsen.

Überhaupt ist Paul Gilbert Gott. Er kann alles und das mit Leichtigkeit, Souveränität und einer freundlichen Nonchalance, die im Rockbiz ihresgleichen sucht: Gilbert kann singen, er hat den Blues, eine Bohrmaschine zum Shreddern und einen derart sauberen Ton wie kein anderer, auch dann, wenn er den Highspeed-Picker gibt.



Ganz anders dagegen Billy Sheehan am Bass. Er übertreibt's ein wenig mit dem Spielen. Man erkennt vor lauter Tönen im Double-Tapping-Dschungel zuweilen überhaupt keine Struktur mehr. Klar ist er auch ein Meister seines Fachs, aber eben auch ein Monster. Dass er mit seinem Endlos-Solo einige Gähner im Auditorium verursacht, scheint ihn nicht weiter zu stören.

Intro-Redakteur Linus Volkmann vertritt in einem gerade veröffentlichten Pop-Essay die These: "Popkultur ist so obszön universell geworden, weil niemand mehr abdankt."

Mr. Big beweisen das Gegenteil. Sie danken zurecht nicht ab, weil sie immer besser werden. Universell waren sie eh schon immer. "Addicted to that Rush" knallt Gilbert noch explosiver aus den Boxen als 1989, in "Just take my Heart" vertont Martin noch schmonzettiger die unglückliche Liebelei eines College-Girls, als dies ohnehin schon auf der "Lean into it"-Tour vor 19 Jahren der Fall war.



Die Zugaben zeugen vor allem von Big sense of humor. Die Musikanten tauschen die Instrumente, covern Rockklassiker ("Riff Raff"!) und legen mit "Colorado Bulldog" eine weitere Schippe kühner Flottheit drauf. Oh, welch wohlgeratene Stunden! Das Publikum jubelt, Gilbert strahlt und vier Männer, die von Freiburg nach Pratteln fuhren, sind die glücklichsten "Shy Boy"s der Welt.