Morgens Piste, mittags Rutsche: Warum Freiburg wunderschön ist

Marius Buhl

Freiburg und den Feldberg trennen 45 Fahrminuten, 10 Grad Celsius und etwa 1000 Höhenmeter: Während oben noch immer Skilifte laufen, hat unten am Freitag das Freibad eröffnet. Unser Redakteur Marius Buhl war morgens Skifahren und mittags rutschen – nur die Kleidung hat er vertauscht.



Platsch! Wasser spritzt auf, das blaue Plastik unter mir rumpelt dumpf. Mit einem Sprung habe ich mich in die Rutsche des Strandbads katapultiert. Jetzt schlittere ich auf einem schmalen Wasserband dem Becken entgegen. Es ist der 10. April und heute hat das Freiburger Strandbad eröffnet. Da das Strandbad Freiburgs größtes Freibad ist – und Freiburg Deutschlands wärmste Stadt – könnte man auch sagen: Heute hat der Sommer eröffnet. Und ich bin sein allererster Rutscher.


Lange bin ich nicht mehr gerutscht. Rutschen – kann man das als Erwachsener überhaupt noch mit Stil?  Zuerst versuche ich es aufrecht. Doof komme ich mir vor, wie ich sitzend nach unten trödle, kartoffelsackig.  Dafür ist der Blick gut. Über den grünen Osten Freiburgs schaue ich nach oben. Dort, über den Schwarzwaldgipfeln, liegt noch Schnee. Ich sehe das, ich weiß es aber auch. Denn heute morgen war ich dort oben. Auf dem Feldberg. Mit Skischuhen, Ski, Stöcken, Mütze und Badehose.

27 Lifte hat die Skiregion Feldberg bereits geschlossen, sieben sind noch offen. Am Seebuck stehen drei davon, fahren kann man dort noch an diesem Wochenende. Die Schneedecke ist noch fest, oben drauf hat die wärmende Sonne den Schnee aber schon aufgetaut; der Skifahrer nennt das Firn. Und wenn du einem Skifahrer das Wort ’Firn’ sagst, dann bekommt der leuchtende Augen. Wenn nicht, ist er kein richtiger Skifahrer.  
Mich fröstelt ein wenig, wenn ich hier, während ich durch die erste Linkskurve der Rutsche schlittere, an den Feldberg denke. Ein wenig kalt war es da oben nämlich schon, so ganz ohne Hemd. Nach zwei, drei Fahrten musste ich mir einen Pullover überziehen. Die Badehose aber blieb – es hatte schließlich selbst dort – auf 1300 Metern – angenehme 15 Grad. Die Badehose sorgte, das kann man sich gut vorstellen, für irritierte Blicke. Spinnt der Mann? Mitnichten! Nichts ist beim Skifahren nerviger als das ewige Klamotten-Kuddelmuddel. Kratzige Skiunterwäsche, gefrorene Buffs – die Leiden des jungen Skifahrers entfallen, wenn man ’Oben Ohne’ fährt.

Wovon ich aber abraten kann: Skikleidung im Schwimmbad. 25 Grad sind schlicht zu warm für derlei Scherze.  Hier, in der Rutsche, kann ich die Ski aber ohnehin nicht dabei haben, das hat der Bademeister untersagt. Es wäre aber auch doof: vom fluffigen Firnschnee auf die dünn bewässerte Hartplastikrutsche. Schnell werde ich auch ohne Ski. Ich habe mich nämlich der Länge nach hingelegt, nur noch Fersen und Schulterblätter berühren die Rutsche. Im Fernsehen haben sie mal gesagt, das sei die schnellste Rutschposition. Sie fühlt sich auch würdevoller an, gar nicht mehr wie ein Sack Kartoffeln, eher wie ein Georg Hackl des Sommers.

Aus der ewigen Linkskurve schlittere ich in eine nach rechts. Wasser spritzt, die Rutsche ächzt. Wie verrückt das ist, Skifahren und Rutschen an einem Tag. Es ist, als ob der Sommer dem Winter die Hand reichen würde und ihm sanft, aber bestimmt sagt, dass seine Zeit gekommen ist. In keiner anderen Stadt dieses Landes ist das spürbar, dessen bin ich mir sicher.

Noch einmal rutsche ich nach rechts, fast fliege ich aus der Rutsche. Jetzt kann ich das Wasser sehen. Zweifel überfallen mich: Es ist April, wie warm wird das Wasser schon sein? Platsch! Fontänen spritzen in die Luft, ich tauche unter. Mir stockt der Atem, mir schockgefrieren die Blutbahnen. Es ist nicht kalt, es ist eisig, klirrend,  schneidend. Ein schlimmer Gedanke überkommt mich: Ist das etwa unbeheiztes Wasser, direkt aus der Dreisam?

Ich entfliehe dem Becken und frage den Bademeister. Er lächelt und sagt nur eine Zahl: „11,8 Grad“. Und wo kommt dieses Wasser her, Herr Bademeister? Sein Blick schweift über den grünen Freiburger Osten, nach oben. Schmelzwasser, na toll.

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