Mittwochabend im Koki: Der Film einer Freiburgerin über Straßenverkäufer in Santiago de Chile

Alexander Ochs

"Wenn du in Deutschland arbeitslos wirst, verfällst du in Depressionen. In Chile springst du in einen öffentlichen Bus und erzählst den Passagieren solange Witze, bis du genug Geld für dein Abendessen beisammen hast." Das wurde der Freiburgerin Sarah Moll erzählt. Grund genug für die Regisseurin, genau darüber einen Film zu drehen. "Buscando la plata"- auf deutsch "Knete besorgen"- läuft am Mittwochabend im KoKi.



Sarah, du zeigst in deinem Dokumentarfilm, wie sich die Menschen in Santiago de Chile mit Einfallsreichtum und Humor über Wasser halten, indem Sie zum Beispiel im Bus Witze erzählen oder Eis verkaufen - alles illegal natürlich. Wie kamst du auf die Idee für den Film?

Sarah Moll: Nach meinem Regiestudium in der schwäbischen Barockstadt Ludwigsburg hatte ich vor allem Fernweh und Lust, in einen anderen Kulturkreis einzutauchen. Ausgestattet mit einem kleinen Budget und Stipendium habe ich mich für acht Monate in einem Zimmerchen in Santiago de Chile eingemietet, an der Hauptverkehrsader, befahren von unzähligen qualmenden Bussen.

Ein Chilene riet mir in den ersten Tagen: „Wenn Du diese verrückte Stadt verstehen möchtest, dann nimm den Bus“. Ich befolgte seinen Rat und verbrachte den größten Teil meiner Zeit in ihnen, fasziniert von den Menschen, die ich dort traf.

Der Bus in Santiago ist in keiner Weise mit der deutschen Variante zu vergleichen. Die Busfahrer fahren zum Beispiel im rasanten Tempo Wettrennen gegeneinander. Durchgeschüttelt im Takt billiger Disko-Musik, die aus den scheppernden Lautsprechern dröhnt, bemerkst du, dass der Haltegriff lose ist und die Fensterscheibe neben dir ein Ornament aus Rissen. Wie zur Beruhigung kleben Heiligenbilder an der Fahrerkabine, darunter der Spruch „Gott ist mein Kopilot“. Es ist eine Art Improvisationstheater auf Rollen, dessen Darsteller, die Straßenverkäufer, in rasanter Geschwindigkeit auf- und abtreten.

Im Bus erfährt man viel von der Gesellschaft, sie fahren von den staubigen, elenden Vororten Santiagos in die Reichenviertel mit ihren glänzenden Hochhäusern, englischem Rasen und weißen Springbrunnen. Hungrig nach Eindrücken habe ich im Bus die Stadt von einem Ende zum anderen durchquert und gemerkt: Das ist der Ort, an dem ich drehen möchte.

Wie schwierig war es, in den Bussen zu drehen? Brauchtest Du Genehmigungen?

Die meisten Busfahrer fanden es gut, wenn wir ihre bunt dekorierten Busse dokumentierten. Schwierig war eher, unser Equipment bis zum Drehende zu behalten. Wir fuhren durch die ärmsten Viertel der Stadt, wo auch Überfälle auf Busse stattfinden.

Eine weitere Herausforderung war es, unsere Straßenverkäufer zu einem verabredeten Zeitraum und verabredeten Ort wieder zu treffen. In Chile gibt es die Redensart „Si dios quiere, nos vemos“ (So Gott will, sehen wir uns). Oft standen der Kameramann und ich mit Equipment an einem verabredeten Ort, warteten und warteten – und keiner kam. Da hieß es Geduld haben und versuchen, unsere Protagonisten irgendwo auf der langen Busstrecke wiederzufinden.

Funktioniert das für deine Protagonisten wirklich? Kommen sie so über die Runden?

Die meisten Straßenverkäufer kämpfen um ihr tägliches Brot. Die Straße ist das Auffangbecken der Zu-kurz-Gekommenen in Chile. Wer keinen Zugang hat zu Bildung oder von seiner Rente nicht leben kann, steigt in den Bus und erzählt solange Witze, bis er genügend Groschen für sein Abendessen zusammen hat. Die fahrenden Händler gelten als Bodensatz der Gesellschaft, als Vogelfreie, ständig in Bewegung und auf der Hut vor der Polizei. Doch mit diesem Status geben sie sich nicht länger zufrieden.

Können wir von der Lebenseinstellung deiner Protagonisten etwas lernen?

Mich haben die chilenischen Straßenverkäufer einfach mit ihrer Energie, ihrem Humor und Einfallsreichtum beindruckt, mit dem sie ihre sehr prekäre Lebenssituation Tag für Tag bewältigen. Der Film ist eine Ermutigung und zeigt: Veränderung ist möglich.

Hast du schon ein neues Projekt im Kopf?

Ich organisiere gerade die bundesweite Kinotour, im April und Mai läuft „Buscando la plata“" in 15 deutschen Städten im Kino. Weitere Projekte schiebe ich gerade an, mehr dazu in Bälde!

Trailer: Buscando la plata

Quelle: Vimeo
 



Zur Person


Sarah Moll
, geboren 1977 in Freiburg, hat 1999 ihre Ausbildung zur Mediengestalterin in Bild und Ton beim Saarländischen Rundfunk abgeschlossen und arbeitet seitdem freiberuflich als Autorin und Regisseurin. 2005 absolvierte sie den Diplomstudiengang Regie Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Im Rahmen des Baden-Württemberg-Stipendiums arbeitete sie ein Jahr als Filmemacherin in Santiago de Chile. Seit 2012 leitet sie zusammen mit Sabine Willmann die AG DOK Südwest (Berufsverband fernsehunabhängiger Autoren, Regisseure, Produzenten sowie Filmschaffenden) in Baden-Württemberg.

Mehr dazu:

Was: Buscando la plata - Vorführung in Anwesenheit der Regisseurin
Wann: Mittwoch, 26. Februar 2014, 19:30 Uhr
Wo: Kommunales Kino, Urachstraße 40