Kommunales Kino

Mithu Sanyal spricht heute über die Tiefengrammatik von sexueller Gewalt

Anika Maldacker

Sie forscht über Vergewaltigung und deren Ideengeschichte: die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal. An diesem Dienstag spricht sie zum Thema "Rape revisited: Die Tiefengrammatik der sexuellen Gewalt" im Kommunalen Kino. fudder sprach vorab mit ihr.

Wieso haben Sie den Titel "Rape revisited: Die Tiefengrammatik der sexuellen Gewalt" gewählt?

Mithu Sanyal: Ich möchte die Ideengeschichte der Vergewaltigung erzählen, nicht die Kulturgeschichte, weil sich das oft so anhört, als wäre Vergewaltigung eine kulturelle Errungenschaft, wie eine Motorsäge. Es soll darum gehen, dass die Art und Weise wie wir über Vergewaltigung sprechen nicht individuell und persönlich ist, sondern durch gesellschaftliche Überzeugungen geprägt ist. Ich wollte herausfinden, woher diese Überzeugung kommt.

Ihr Vortrag trägt den Titel "Die Tiefengrammatik der sexuellen Gewalt". Gibt es eine Logik hinter sexueller Gewalt?

Mit dem Begriff der Grammatik gehen nach meinem Verständnis auch gewisse Regeln einher. Der Begriff der Grammatik geht auf eine Philosophin zurück, die das "The grammar of sexual violence" genannt hat. Sie fragt sich, wieso wir Positionen vergeben, bevor wir die Geschichte kennen. Wir gendern sexuelle Gewalt: Ein Mann tut einer Frau sexuelle Gewalt an. Der Mann ist Subjekt, die Frau Objekt. Wir gendern aber auch Gefühle: Eine Frau hat Angst vor einem Mann. Männer sprechen über die Angst um ihre Mutter, Schwester. Mit dieser gesellschaftlichen Vorüberzeugung gehen wir an das ganze Thema ran. Bis 1997 konnten nur Frauen Opfer sein und Männer Täter. Dabei wissen wir, dass nicht nur Männer Täter sein können. Aber wir gendern auch Sexualität. Männliche Sexualität ist aktiv und aggressiv, die Sexualität der Frauen passiv. Das geht auf die Sexualforschung des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Für Freud war die männliche Libido die einzig aktive. Helene Deutsch sagte in den 1950er-Jahren noch, dass die Vagina ein passives Organ ist. In meinem Vortrag schlage ich einen relativ großen Bogen darüber, wo unsere Vorstellungen herkommen, worauf wir uns beziehen und woran wir uns abarbeiten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und Rassismus?

Wir gendern sexuelle Gewalt nicht nur, sondern ethnisieren sie auch. Das war schon immer so, der Vergewaltiger ist der Fremde. Das ist im Grunde gut, weil es heißt, dass wir Vergewaltigung ablehnen. Aber statistisch lässt es sich nicht tragen. Seit Köln heißt es oft, dass Vergewaltigung viel von Fremden begangen werden. Diese Fragen erreichen mich bei Vorträgen oft. Man muss das dann dekodieren, aber auch Ängste ernst nehmen. Das ist eine schwierige Gratwanderung. Es ist aber so, dass die meisten Vergewaltigungen intraracial sind. Die Medien beachten aber meist die Fälle, in denen ein dunkelhäutiger Mann eine weiße Frau vergewaltigt. Das ist statistisch aber nicht belegt. Aber natürlich sind die Einzelfälle ernst zu nehmen.

Dr. Mithu Sanyal, 48, ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Der Vortrag findet im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus vom 14.-30. März statt.

  • Was: Rape revisited: Die Tiefengrammatik der
    sexuellen Gewalt, Vortrag und Diskussion
  • Wann: Di, 12. März, 19 Uhr
  • Wo: Galerie im Kommunalen Kino, Urachstraße 40
  • Eintritt: 3 €