Mit der Polizei im Discozug

David Weigend

Vor einigen Jahren ist es im Regionalexpress 31151 zwischen Herbolzheim und Freiburg vermehrt zu Schlägereien gekommen: Jugendliche, die betrunken von der Disco heimfuhren, rasteten aus. Seitdem patroulliert in diesem "Discozug" die Polizei. Wir haben sie eine Nacht lang begleitet.



Am Sonntagfrüh um 1.08 Uhr hält in Herbolzheim der Regionalexpress 31151. „Discozug“ nennt ihn die Polizei, da etliche Unter-18-Jährige um Mitternacht die Diskothek „Atlantis“ in Herbolzheim verlassen müssen und dann in diesen Zug steigen, um nach Hause gen Freiburg zu kommen oder andernorts weiterzufeiern. Vor sechs Jahren kam es im Discozug vermehrt zu Auseinandersetzungen.


Angetrunkene Jugendliche beleidigten und schlugen sich. Manchmal attackierten sie auch andere Fahrgäste. Mädchen wurden dumm angemacht, Sitze aufgeschlitzt, die Notbremse gezogen. Deshalb patrouillieren Beamte des Bundespolizeireviers Freiburg schon seit 2004 im Discozug. Ihre Anwesenheit ist zur Normalität geworden.

Um 0.15 Uhr stellt Polizeioberkommissar Eric Abt (42) den Einsatzwagen am Bahnhof von Herbolzheim ab. Eine warme Juninacht, jungen Leute verlassen die nahegelegene Disco. Abt beginnt den Kontrollgang mit seinen Kollegen Matthäus Kleiser (44) und Eva Bergler (22). Unter ihren Stiefeln knirschen Glassplitter.



Viele Flaschen gehen beim Trinkgelage am Bahnhofsgebäude zu Bruch. Die Jugendlichen haben schon am Mittag ihre Rucksäcke mit Alkoholika gefüllt und bunkern den hochprozentigen Vorrat im Gebüsch. Vorm Discobesuch glühen sie vor, danach trinken sie weiter.

„Die Aggressivität unter den Jugendlichen hat zugenommen, gerade, wenn Alkohol im Spiel ist“, sagt Abt. Die Hemmschwelle, jemanden anzupöbeln oder sich in eine Schlägerei einzulassen, sei in den vergangenen Jahren stark gesunken. „Viele Jugendliche provozieren auch eine Auseinandersetzung mit uns, um sich in der Clique zu beweisen.“ Der Polizeioberkommissar zeigt seine Ausrüstung: Dienstpistole, Pfefferspray, Teleskopschlagstock, Schutzweste, Handschließen, Handschuhe, Taschenlampe. Ist das wirklich notwendig beim Umgang mit Jungs, die teilweise noch nicht mal Bartwuchs haben? Abt lächelt bitter. In sechs Jahren Discozug habe er schon einiges erlebt. Zum Beispiel Schlägereien mit abgebrochenen Flaschen und 15 Rabauken, die sein Dienstfahrzeug aufschaukelten, als er darin die Personalien eines Rowdys aufnehmen wollte.

Schürfwunden, ein verdrehtes Knie, ein Biss in den Finger, manchmal zeugen solche Spuren an Abts Körper von einer Nachtschicht. „Man gewöhnt sich daran, aber man stumpft auch ab. Ein dickes Fell braucht man schon. Ich musste auch lernen, mich einbremsen“, sagt Abt. Es seien nicht nur Söhne und Töchter aus sogenannten Problemfamilien, die Stunk machen: „Das geht quer durch alle Schichten und Nationen. Die Gewalttäter werden immer jünger, weil auch das Partymachen und der Alkoholkonsum immer früher beginnen. Schon 14-Jährige bereiten uns Riesenprobleme

Heute ist es relativ ruhig am Herbolzheimer Bahnhof, was auch daran liegen mag, dass sich dort am 4. Juni ein schlimmer Unfall ereignete. Ein 17-Jähriger hatte morgens um 4.30 Uhr an der Bahnsteigkante mit Kollegen herumgealbert, als ein Güterzug mit 160 km/h einfuhr. Zuerst wurde ein Arm, dann der ganze Körper des Jungen mitgerissen. Er verunglückte tödlich.



Nun stehen dutzende von Kerzen auf dem Asphalt am Bahnhofshaus, gelbe Rosen liegen daneben, Fotos des Verstorbenen und Zettel mit der Aufschrift „Kevin, I miss you so much!“ Abt sagt: „Es geht auch darum, dass wir die Jugendlichen vor Mutproben warnen, die zu solchen Unglücken führen können

Ein paar Schritte weiter sitzen der 16-jährige Mickey und seine vier Freunde auf den Treppenstufen. Sie sind nicht gerade begeistert über die Anwesenheit der Polizei. „Das nervt!“, sagt einer. „Sie kontrollieren und durchsuchen uns, obwohl wir hier nur rumsitzen.“ Mickey sagt: „Ach, mir ist das egal.“



Was sie heute noch vorhaben? „Nichts besonderes“, sagt ein junger Deutschrusse neben Mickey. „Wir treffen uns hier und trinken. Viel mehr kann man hier nicht machen, wenn du noch keine 18 bist.“ In diesem Moment kommen drei Jungs mit aufwändigen Gelfrisuren aus der Disco. Sie schlendern vorbei, spucken aus und mustern die Treppenhocker, die Augen verkniffen. Ärger? „Manchmal mucken hier welche auf und es kommt zu Schlägereien“, sagt Mickey. „Unnötig Stress machen wir nicht. Aber wenn die uns blöd anmachen und wenn es sein muss, dann wehren wir uns eben

0.45 Uhr, ein Güterzug rauscht durch. Etwa 60 Jugendliche stehen und hocken am Bahngleis. Zeit totschlagen, ratschen, saufen, Handymusik aufdrehen. Warten auf den Discozug. Ein Mädchen liegt am Gitter, die Augen geschlossen. Die Polizeibeamtin Eva Bergler geht in die Hocke, tippt die Liegende an. „Alles klar, hab bloß e weng viel getankt“, sagt die 17-Jährige. Ihre Freundinnen passen auf sie auf. Als der Discozug kommt, nehmen sie die Nachtschwärmerin in ihre Mitte und steigen ein. Die Polizistin steigt in den Dienstwagen und fährt parallel zum Zug mit, falls randalierende Jugendliche unterwegs herausgebracht werden müssen. Erik Abt und seine beiden Kollegen betreten den Regionalexpress.

Im letzten Waggon steigen zwei weitere Polizisten zu. „Falls die Situation eskaliert, wären wir mit zwei, drei Mann unterbesetzt“, sagt Abt. Mit prüfendem Blick geht er nun durch die Doppelstockwagen, als der Zug Fahrt aufnimmt. Abt sieht junge Männer, die offenbar zum Junggesellenabschied unterwegs sind, er riecht süßliche Alkoholmischungen, die ein Vierersitz-Trupp aus Eistee-Tetrapaks trinken, er hört das „Disco Pogo Dingelingeling“-Gegröle von fünf angeheiterten Mädchen, die in Emmendingen aussteigen; er registriert auch einen Striezel, der seinem Kollegen zuruft: „Füße runter, benimm dich! Polizei kommt

Es passiert nichts Beunruhigendes während der 23-minütigen Fahrt nach Freiburg. Manche Reisende sind ausgelassen, aber keiner schlägt über die Stränge. Für eine erhöhte Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, wie von Abt beobachtet, gibt es zumindest in dieser Nacht keine Anzeichen.



Abt kontrolliert routinemäßig die Ausweise zweier jung aussehender Burschen, es gibt jedoch nichts zu beanstanden. Immerhin, die präventiv-abschreckende Wirkung der Patrouille ist unübersehbar. In Freiburg steigen die Beamten der Bundespolizei aus. Unbewacht fährt der Discozug weiter nach Basel, da der Großteil des Partyvolks den Regionalexpress verlässt. Die einen gehen schlafen, die anderen fangen jetzt erst an zu feiern. Letztere wird Abt bald wieder sehen, seine Schicht dauert bis um 6 Uhr früh. „Dann stehen die Nachtschwärmer am Mc Donald's und warten auf den ersten Zug nach Hause.“ Manche warten auch darauf, dass die Fäuste fliegen. Es sieht nicht danach aus, dass Herrn Abt die Arbeit ausgeht.

(Fotos: Janos Ruf)

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