Michael, leidenschaftlicher Gamer mit Behinderung

Stephan Petersen

Michael Prall blickt konzentriert auf den Monitor. Seine Augen verraten, dass die Nacht kurz war, er hat lange gezockt. "German Truck Simulator" heißt sein Lieblingsspiel, das Daddeln am Computer ist seine Leidenschaft. Damit ist er einer von 25 Millionen Deutschen, die sich regelmäßig mit PC- und Videospielen beschäftigen. Mit einer kleinen Besonderheit: Michael Prall ist von Geburt an geistig und körperlich behindert.



Ein Blick in das Zimmer von Michael Prall im AWO-Wohnheim Freiburg-Littenweiler verrät, dass es sich bei ihm um einen technikaffinen Menschen handelt. Ein Fernseher mitsamt DVD-Player sowie eine Musikanlage gehören zum Inventar. Überall stapeln sich DVDs und CDs in den Regalen. In der Mitte seines Reichs thront auf dem Schreibtisch der PC, an dem er gerade daddelt. Immer wieder huscht ein Lächeln über das bärtige Gesicht, wenn irgendetwas im Spiel besonders gut klappt oder aber auch völlig daneben geht. Michael nimmt es mit Humor.

Michael hat durch seine Behinderungen Probleme sich zu artikulieren. Einfacher fällt ihm die Kommunikation mit dem Computer. Nachdem er einen Internetzugang erhalten hatte, wollte er auch die Möglichkeiten des World Wide Web nutzen. Allerdings gab es da ein Hindernis: Er hatte niemals richtig schreiben gelernt. Doch er war ehrgeizig und seine Betreuerin Renate Donaubauer unterstützte ihn. Mittlerweile kann er dank eines Worterkennungsprogramms E-Mails schreiben, seinen Facebook-Account pflegen und das Video-Portal YouTube nutzen.

Am liebsten jedoch spielt er am PC. In der virtuellen Welt des „German Truck Simulator“ ist er nicht auf seinen Rollstuhl angewiesen, sondern kutschiert als Lkw-Fahrer Waren über Deutschlands Autobahnen. Ein aktueller Auftrag führt ihn auf die A1 zwischen Bremen und Hamburg. In der Elbe-Stadt soll er seine Ladung löschen. Wie im richtigen Leben steht er dabei unter Zeitdruck. Also drückt Michael aufs Gas. Zu schnell darf er indes nicht sein, da ein Übertreten des Tempolimits eine Geldstrafe nach sich zieht.



Mit viel Geschick manövriert er seinen Laster über die virtuelle Autobahn. Da es Michael schwerfällt, seine Hände zu öffnen, bewegt er die Maus mit geschlossener Faust. Die Pfeiltasten, die für die Steuerung des Lkw genutzt werden und zugleich die wichtigsten Tasten sind, wurden nachträglich erhöht. Auf diese Weise kann er sie besser bedienen. Umliegende Tasten wurden außerdem abgedeckt, damit er sie nicht versehentlich berührt. Schließlich hätte ein Bedienungsfehler auf der Autobahn sofort weitreichende Folgen.

Michael lacht auf und zeigt auf den Monitor: Bei all der Hektik hat er vergessen, seinen Lkw unterwegs zu betanken. Nun steht der Koloss durstig am Straßenrand. Anders als in der Realität gibt es im Spiel jedoch rasche Hilfe. Gegen Bezahlung einer Gebühr darf Michael die Fahrt mit einem nun wieder vollgetankten Lastwagen fortführen. Eigentlich müsste er als Chef des Speditions-Unternehmens solche Touren gar nicht mehr allein erledigen. Da seine Firma genügend Gewinn macht, konnte er erst kürzlich einen Fahrer einstellen. Doch die Möglichkeit, selbst hinter dem Lenkrad zu sitzen, möchte sich der Chef nicht nehmen lassen.

Einschränkungen existieren in der virtuellen Welt nicht

Genau diese virtuelle Freiheit ist es, die Michael wie Millionen andere Menschen an PC- und Videospielen fasziniert. Wie ein Schauspieler kann der Gamer in eine andere Rolle schlüpfen und diese ausprobieren, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Persönliche Einschränkungen existieren in der virtuellen Welt eines Games nicht mehr.



Gerne würde Michael regelmäßig arbeiten gehen. Bisher hilft er einmal in der Woche beim Hausmeister seiner ehemaligen Schule aus oder stellt Holzspielzeuge in einer Werkstatt her. Doch das ist ihm zu wenig. Am liebsten möchte er, ähnlich wie im Spiel, Botengänge erledigen. Das hängt mit einer weiteren Leidenschaft von ihm zusammen: seinem großen Freiheitsdrang. Er unternimmt immer wieder allein oder mit Begleitung Ausflüge innerhalb von Freiburg oder fährt mit dem Zug in umliegende Orte. Seine Freude an diesen Ausflügen wird allerdings gelegentlich getrübt, wenn Straßenbahnfahrer ihm die Mitfahrt verweigern und dies mit Zeitdruck begründen oder sein altersschwacher Rollstuhl an einer Bordsteinkante hängenbleibt. Insbesondere die Fahrten mit der Deutschen Bahn gestalten sich häufig schwierig, da viele Bahnhöfe immer noch nicht barrierefrei sind.

Gleiches gilt übrigens auch für die Games. Michael demonstriert dies an einem anderen Spiel. Die Textfenster sind viel zu ausführlich und zu kompliziert. Darüber hinaus lässt sich die Tastatur nicht frei konfigurieren. Dies ist normalerweise ein großer Vorteil gegenüber Konsolenspielen: Auf der Tastatur kann der Gamer festlegen, wo sich welche Funktionen befinden sollen. Auf diese Weise passt er die Steuerung seinen Bedürfnissen an. Doch längst nicht bei jedem Spieleentwickler ist dies die Regel. Der Spieleindustrie sind die Bedürfnisse von behinderten Gamern kaum bekannt. Die produzierten Spiele richten sich an die nicht behinderte Masse. Sandra Uhling von der Initiative Game Accessibility: „Es fehlt das Bewusstsein für dieses Thema.“

Da die Mehrzahl der Mainstreamspiele hohe Anforderungen an die Fähigkeiten und Sinneswahrnehmungen stellt, sind behinderte Gamer oft auf selbstgebastelte Eingabegeräte und die Hilfe anderer angewiesen. Anpassungen wie ein leichter Schwierigkeitsgrad, klar definierte Aufgaben oder Untertitel wären nützlich. Menschen wie Michael Prall würde damit das Fahren über virtuelle Autobahnen deutlich erleichtert werden.



Computerspiele sollten auch für Menschen mit Behinderung frei zugänglich und vor allem individuell einstellbar sein, findet Sandra Uhling (Bild rechts) von der Initiative für Game Accessibility. Stephan Petersen hat mit ihr über  Einschränkungen beim Zugang in virtuelle Welten und ein fehlendes Problembewusstsein der Computerspiele-Industrie

Was bedeutet der Begriff Game Accessibility?

Sandra Uhling: Spieler haben unterschiedliche Fähigkeiten. Somit kann es vorkommen, dass Spieler mit und ohne Behinderungen vor Barrieren stehen. Bei Game Accessibility geht es darum, diese Barrieren zu vermeiden. Das Ziel ist es, dass Spieler sich ein Computerspiel an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen können, wenn sie dies möchten. Dabei wird ebenfalls darauf geachtet, ob die eingesetzten Game Accessibility Features eine Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit mit sich bringen.

Was sind typische Barrieren?

Spieler können visuell, auditiv, motorisch, kognitiv und sprachlich eingeschränkt sein. Für Spieler mit einer Sehschwäche ist es etwa wichtig, dass der Kontrast angepasst und wichtige Spielelemente vergrößert werden können. Blinde Spieler können auch einige Computerspiele sehr gut nutzen, wenn die wichtigen Informationen über Sound oder Text  –  dieser kann dann ertastet oder vorgelesen werden –  vermittelt werden und sie mit Tastatur gespielt werden können.
Manche Menschen mit kognitiven Einschränkungen benötigen mehr Zeit zum Überlegen und Handeln. Für sie sind einfachere Schwierigkeitsgrade und Trainingsmöglichkeiten wichtig. Andere benötigen einfachere visuelle Informationen oder Karten der Spielwelt, die bei der Orientierung helfen. Generell sind diese Hilfen auch sehr nützlich für Anfänger oder für Spieler, die wenig Zeit zum Trainieren haben und einfach nur das Spiel und die Story genießen möchten.

Warum sind Computerspiele für die behinderten Spieler wichtig?

Computer- und Videospiele gehören heute zur Alltagskultur. Daran möchten Spieler mit Behinderungen natürlich auch teilhaben. Die Bedeutung von Computer- und Videospielen wächst, sie werden auch zunehmend in der Rehabilitation oder beim Lernen verwendet. Durch den demografischen Wandel gibt es zudem immer mehr Silver Gamer, also Spieler aus der Generation 50Plus. Da zugleich viele Menschen mit Behinderungen älteren Jahrgängen angehören, gibt es hier einen steigenden Bedarf.

Warum achten Spieleentwickler nicht vermehrt auf Game Accessibility?

Es ist viel zu wenig über die Situation von Betroffenen bekannt. Nur wenige weisen die Firmen auf diese Problematik hin. Dadurch fehlt natürlich das Bewusstsein für dieses Thema. Außerdem gestaltet sich die Umsetzung oft schwer. Durch die besonderen Eigenschaften, wie Interaktivität und Herausforderung des Spielers, ist das Vermeiden von Barrieren nicht gerade einfach. Hinzu kommt noch die Vielfalt der unterschiedlichen Genres und Spieleplattformen. Es fehlen praxistaugliche Informationen darüber, wie Barrieren vermieden werden können. Ein weiteres Problem ist, das viele Projekte zu klein sind und Game Accessibility nicht berücksichtigt werden kann.

Mehr dazu:

http://igda-gasig.org/" titel="">
  • http://igda-gasig.org/" titel="">International Game Developers Association: Game Access SIG
   

Fotos: Dominik Kleine

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