Methodos: Die Abi-Selber-Macher

Martin Jost

2007 organisierte eine Gruppe Freiburger Abiturienten zum ersten Mal das Abi im Alleingang. Im März geht der dritte Jahrgang im Verein "Methodos" seine Prüfungen an. Routine? Eine etablierte kleine Schule? Oder immer noch ein Abenteuer für die Selber-Macher? Martin war mit im Unterricht.

Mittwochmorgen, 9 Uhr in Freiburg. Knappe sechs Wochen bis zum schriftlichen Abi. Alia, Jaska, Eva und Florian haben zwei Stunden Geschichte vor sich. Ihr Lehrer Ulrich Winterhager hat graues Haar und trägt einen großen goldenen Ohrring und einen schwarzen Rollkragenpullover. Er lehnt lässig auf seinem Drehstuhl und blättert im Geschichtsbuch hin und her. Ein bisschen frotzeln die Vier mit ihm darüber, ob er einen Lieblingsschüler habe. Nach dem Palaver kommt er zur Sache: „Was wollt ihr heute von mir?“

„Untergang von der DDR“, kommt als Antwort.

„Das ist keine gute Frage“, sagt der Lehrer. Er lässt die vier ein bisschen raten, was er meint. Auf zweierlei möchte er hinaus: die Rettung des Genitivs und eine Diskussion – kann man sagen, die DDR sei in sich zusammen gestürzt?

„Keine Ahnung“, sagt Alia.

„Das dürfen normale Schüler sagen“, stichelt Ulrich Winterhager, „ihr nicht!“

Was ist hier anders als in deiner Schule? Die Schüler sind nur zu fünft. Marie ist heute krank. Sie nennen ihren Lehrer Uli. Und sie haben ihn selbst eingestellt und bezahlen ihm ein Honorar. ‚Methodos‘ heißt der Verein, in dem sie sich zusammen geschlossen haben und ihr Abitur organisieren. In der Regel von 9 bis 17 Uhr arbeiten sie gemeinsam in ihrem Raum im Haus der Jugend. Ihren Tagesablauf und ihr Lernen organisieren sie selbst.

Aber wenn sie sich ein- bis zweimal am Tag von einem Lehrer unterstützen lassen, sind sie alle top vorbereitet. Wissensfragen gehen ins Detail: Lag Leipzig im ‚Tal der Ahnungslosen‘? Wie sahen in der DDR die Wahlzettel aus, wenn es Einheitslisten gab?

„Das Unterrichten ist überhaupt nicht dasselbe wie an einer konventionellen Schule“, sagt Ulrich Winterhager. „Diese Schüler erarbeiten den Stoff selbst und verwenden mich als Experte für offene Fragen und Zusammenhänge. Sie sind unheimlich selbstständig. Ich ziehe jeden Tag meinen Hut vor denen.“

Naja, sprachlich würden sie sich nicht immer präzise ausdrücken. Daran arbeite er aber mit ihnen, schließlich müssen sie in der Prüfung ihr Wissen auch genau wiedergeben.
Abi ohne Schule

Prüfung? Wo kommt man denn an eine Abiprüfung, wenn man der Schule den Rücken gekehrt hat? Schleicht man sich an einer staatlichen Schule mit rein?

Nicht nötig, denn Baden-Württemberg hat einen offiziellen Weg zum Abi für „Schulfremde“ geschaffen. Wer bis Mai des angepeilten Abisommers 19 wird, kann sich bis zum vorhergehenden Oktober beim Regierungspräsidium anmelden. Die Prüfungen nehmen dann die Lehrer eines damit betrauten Gymnasiums – in diesem Jahr in Kenzingen – ab. Im Schnitt 30 Lernende melden sich im Regierungsbezirk Freiburg jedes Jahr zum Abitur für Schulfremde an.

„Bei Einführung dieser Regelung wurde vor allem an Schüler gedacht, denen auf dem Weg zum Abschluss etwas dazwischen kam – beispielsweise, dass sie ein Kind bekamen“, sagt Alfons Bank von der Abteilung Schule und Bildung des Regierungspräsidiums. „Das externe Abi ist nicht schwerer oder leichter als das normale. Aber sich das Wissen im Alleingang anzueignen, erfordert eine hohe Disziplin.“



Die Disziplin der ‚Methodos‘-Schüler ist offensichtlich groß. Um nichts anbrennen zu lassen, haben sie sich weniger Ferien und längere Lerntage verordnet als ihre Altersgenossen gewohnt sind. An Weihnachten hatten sie eine Woche frei. „Bis zu den Schriftlichen mache ich keine Ferien mehr“, sagt Alia. Sie ging zuletzt auf eine Waldorfschule, an der sie Einiges auszusetzen hatte. Vor allem musste sie sich von den Lehrern alles sagen lassen. „Ich war zu Besuch auf einem Fest in der 12. Klasse, aus der ich abgegangen bin. Da kam es mir vor wie im Kindergarten. Hinterher sagten die Lehrer: Du stellst den Tisch zurück und du die Stühle und du räumst das auf!“

Vermissen sie nichts aus der Schule, in der einem alles aufbereitet wird?

„Nichts!“, sagt Florian, der früher ebenfalls die meiste Zeit auf Waldorfschulen war.

Eva, bis zum Realschulabschluss auf einer freien Schule und danach ganz kurz auf einem Gymnasium, zählt auf: „Man konnte den Kopf abschalten. Alles war entspannter. Wir hatten weniger Verantwortung.“ Das meint sie aber nicht nur positiv.

„Früher haben wir immer den Lehrern die Schuld gegeben“, sagt Alia. Von ihrer Schwester höre sie die Beschwerde: „Die Lehrer haben uns überhaupt nicht unter Kontrolle!“ Als müsste man die meiste Energie in der Schule darein investieren, die Dompteurskunst der Lehrer herauszufordern. „Bei ‚Methodos‘ sind wir für alles selbst verantwortlich. Aber es macht auch mehr Spaß. Wir können eigene Ideen umsetzen.“

Wie den von ihr initiierten Workshop in kreativem Schreiben. Bei den anderen musste sie die Werbetrommel dafür rühren. „Die sehen es jetzt als positiv für die Öffentlichkeitsarbeit.“ Denn der Workshop ist offen für Teilnehmer von außen. Nach einem Tag der offenen Tür wollen ‚Methodos‘ auch auf diesem Weg Schüler für ihren Weg zum Abitur begeistern. Florian, Alia und Jaska schließen in diesem Sommer ab. Wenn keine Neuen dazustoßen, sind Marie und Eva bis 2012 allein zu zweit.

Nicht nur lernen, sondern auch organisieren

Früher Nachmittag. Von 12 bis 14 Uhr hatten die ‚Methodos‘ Englisch mit Maria Maier. Jetzt gähnen und strecken sie sich und packen ihre Stullen und Joghurt aus. Dann wenden sie sich wie ungefähr jeden zweiten Tag organisatorischen Aufgaben zu.

Über welche E-Mail-Verteiler soll die Einladung zum Schreib-Workshop gehen? Wer geht mit ins Theater, wo eine Woche lang alle Stücke zu den Abithemen laufen? Wer antwortet dem Musiklehrer, der seine Unterstützung angeboten hat? Dieses Jahr macht zwar keiner Musik, aber vielleicht ja in den nächsten Jahrgängen?

Kassenwart Eva gibt den Kontostand bekannt. Haftpflicht geht noch ab. Eine Lehrerin hat eine Doppelstunde abgerechnet, die Eva nicht in ihrem Kalender hat. Die anderen auch nicht. Eva will später per E-Mail nachfragen, ob das ein Versehen war.

Lehrer bezahlen, 150 Euro Raummiete an das Jugendbildungswerk – woher kommt das Geld? Die Schüler bzw. ihre Eltern zahlen monatlich 150 Euro in die Vereinskasse. Bleibt ein Defizit von 11.000 Euro im Jahr, das durch Sponsoren und Spender gedeckt werden muss. In puncto Spendenakquise muss noch was passieren dieses Jahr. Auch gibt es Altlasten. Schüler aus vorhergehenden Jahrgängen sind Beiträge schuldig geblieben, aber sind gerade im Ausland und schwer zu erreichen.

Eva will mit einem Rechtsanwalt den üblichen Schülervertrag überarbeiten, damit er „wasserdichter“ wird.

Eigenverantwortung ist nicht nur angenehm.
„Letztes Jahr haben wir noch zusammen gelernt, da ist es schwer, die Leute an ihre Schulden zu erinnern“, sagt Alia. Und Eva antwortet: „Aber Lehrern erklären müssen, warum ihr Honorar später kommt, ist auch nicht schön.“

Die ‚Methodos‘ haben das Gefühl, neben dem Pauken unwahrscheinlich viele praktische und organisatorische Fähigkeiten zu erlernen. „Schade, dass das im Abi nicht gefragt wird“, sagt Alia. Aber: „Das Organisatorische ist ein guter Ausgleich zum Lernen.“

Florian sagt: „Ich schiebe Vereinsarbeit manchmal sogar vor, wenn ich gerade keine Lust auf Lernen habe.“

Ausgleich und Abwechslung im Lernalltag sind wichtig, weil für Freizeit und Ehrenämter außerhalb von ‚methodos‘ wenig Zeit bleibt. „Die machen wenig andere Dinge zur Zeit“, beobachtet Ulrich Winterhager. Bei den Schülern an seiner alten Schule in Denzlingen, wo er bis zu seiner Pensionierung 2009 unterrichtete, war das anders. „Die hatten alles andere im Kopf außer Schule. Die Außenaktivitäten hatten den wichtigsten Stellenwert.“

Gar keine Freizeit gönnen sich die Fünf aber auch nicht. Zum Beispiel Jaska geht oft tanzen. „Ich muss mich bewegen neben dem Lernen.“
Lernen ohne Druck von außen

Wie weiß man ohne Schule, wann man genug gelernt hat? Ohne staatliche Lernpläne als Checkliste geht es nicht. Auch offizielle Schulbücher benutzen sie bei ‚methodos‘ neben anderen Materialien. Aber welche Themen sie vertiefen und wie schnell sie den Stoff absolvieren, müssen sie selbst steuern.

„Wo sie im Lehrplan stehen, schauen sie selbst“, sagt Ulrich Winterhager. „Ich habe sie am Anfang gefragt, ob sie das im Griff haben.“ Außerdem haben die Schüler ihn und die sieben anderen Lehrer um Probeklausuren gebeten. „Sie haben mir ihre Lösungen Aufgabe für Aufgabe vorgelesen und sich mündliches Feedback geben lassen. Vom Niveau her lagen sie weit über den Oberstufenschülern, die ich kannte. Ich war von den Socken und habe ihnen gesagt: Ihr braucht doch gar nichts mehr!“

Klausuren schreiben die ‚Methodos‘ meistens Donnerstagnachmittag, wenn die Musikschule ihren Raum braucht, der von mehreren Jugendgruppen benutzt wird. Für eine realistische Übung gehen sie in die Universitätsbibliothek, wo man still arbeiten muss und keine Ablenkung hat. Zu Hause würde es nicht funktionieren. Das haben sie am Anfang des Schuljahres gemerkt, als sie noch keinen Raum gefunden hatten und sich zwei Monate in ihren Stuben oder Küchen daheim trafen: „Da hat man mehr so auf dem Sofa herum gelegen als konzentriert gelernt.“, sagt Alia.

‚Methodos‘ ist in seinem vierten Jahr und 2011 macht der dritte Zug sein Abitur. Das Projekt lebt weiter – aber habe sich auch stark verändert seit seinem Start, sagt Sophia Wälde. Die heute 24-Jährige hatte ihr Abitur gerade in der Tasche, als sie mit der ersten Generation von Schülern ‚Methodos‘ startete. Sie war als Begleiterin angestellt, die die Gruppe moderierte und viele organisatorische Aufgaben wahrnahm. Die jetzige Gruppe wollte ohne Begleiterin arbeiten und stattdessen viele Strukturen, die früher keinen Namen hatten und immer wieder diskutiert wurden, im Verein fester verankern.

Sophia Wälde beobachtet das Projekt jetzt sehr neugierig aus der Entfernung und überlegt im Rückblick: „Will man, dass es eine Kontinuität gibt? Die Schüler können das eigentlich nicht leisten, weil sie nach ihrem Abschluss gehen.“ Sichert der Verein die Struktur? Wie wird Wissen über das Ausgestalten von Lehrerverträgen, Versicherungen und Spendenakquise weitergegeben?

Sophia Wälde hätte gern weiter für diese Kontinuität gesorgt, deshalb hat es sie auch persönlich geschmerzt, dass ‚Methodos‘ ohne seine Begleiterin weiter macht. „Aber die Entwicklung passiert organisch.“ Das Projekt werfe auch die Frage auf: „Inwieweit muss jede Generation sich neu erfinden?“

Die ‚Methodos‘ lernen nicht einfach für ihre vier schriftlichen und acht mündlichen Prüfungen. Sie halten einen Verein am Laufen, finanzieren sich, sind Arbeitgeber und lösen Probleme, die andere 18- und 19-Jährige gar nicht haben. Danach wollen sie vielleicht noch ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren und wahrscheinlich alle studieren. Aber wie steht es denn bis jetzt um ihren Lebenslauf?

„Hinter dem selbstorganisierten Abitur steht ja, dass jemand in jungen Jahren Verantwortung trägt und eine wichtige Entscheidung mit Konsequenz trifft“, sagt Roman Ringwald, Ausbildungsleiter bei der Freiburger Sparkasse, die in den letzten beiden Jahren zu den Sponsoren von Methodos‘ gehörte. „Das zeigt Reife, besonderes Engagement, Selbstvertrauen und Mut. Ich würde mich auf das Einstellungsgespräch mit so einem Bewerber freuen.“    

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