Menschen, Tiere, Emotionen - das WM-Tagebuch (6)

Rudi Raschke

Gestern abend durfte ich im Nürnberger Frankenstadion Holland gegen Portugal erleben. In den Nachrichten ist es heute DAS Skandalspiel. Für mich war es der intensivste Kick seit Jahren. Und es gab weit mehr Superlative als die 12 Gelben und 4 Gelb-Roten Karten.



Die besten Fans: Gegen die lärmigen Portugiesen, die in der Südkurve vor sich hin brodeln, setzen die Holländer vor allem ihr Brüll-Orange ein. Nichts neues, aber immer wieder beeindruckend: Unter 8.000 Menschen finden sich in ihrem Fanblock vielleicht drei Gestalten, die nicht orange leuchten.


Meine Kostüm-Lieblinge: Batman & Robin stehen in der Halbzeitpause vor mir in der Bierschlange und unterhalten sich mit ihren Nebenleuten über Fußball, als trügen sie das gewöhnlichste Stadion-Outfit der Welt. Nennt mich einen Sonderling, aber auch ich war in Oranje im Stadion (siehe unten). Ein Land wie die Niederlande darf nicht im Achtelfinale rausfliegen - wobei diese Sehnsucht sich eher auf vergangene holländische Fußballkunst bezieht. Die zeitgenössische erwies sich gestern leider als zu schwach.

Die Nieten des Tages: Leider schafft es die FIFA bei so einem Match nicht, einen Schiri mit guten Augen, gutem Gehör und etwas Kommunikationsgeschick auf den Platz zu bringen. Was sie stattdessen hinbekommt: Völlig übertriebene Einlasskontrollen, die dem sog. “Ambush-Marketing” gelten, einer Art Guerilla-Werbung. Konkret heißt das, dass unzählige Fans ihre Holland-Hüte abgeben müssen, weil die von Heineken verschenkt wurden und Heineken nicht Budweiser ist.

Die rührendsten Szenen: Der traurige Zehnjährige, der zwei Plätze neben uns sitzt, im orangefarbenen Plüschlöwenkostüm nach dem Abpfiff; die niedergeschlagen rum liegende holländische Mannschaft, die ewig braucht, bis sie zu ihren Fans trottet; die aufziehenden Tränen in meinen Augenwinkeln, als Holland zu “Football’s coming home” aus diesem Turnier verabschiedet wird; überhaupt dieses ständige Gänsehaut-mit-Schlottern-Gefühl: die zweite Halbzeit habe ich im Stadion empfunden wie ein 45-minütiges Orkan-Unwetter - oder wie kollektive Peitschenhiebe für 41.000 Leute. Am Ende wusste ich nicht, ob der Abpfiff erleichternd war oder es noch ewig hätte weiterkrachen können.

Die sportlichen Erkenntnisse: Highspeed-Fußball ist in ein neues Stadium eingetreten - Holland schaffte es fast nie, seine rasant nach vorne geschleuderten Flügelläufe schlau weiterzuverarbeiten; Portugal besitzt eine der drei Mannschaften im Turnier, die wie ein hochkarätiges Vereinsteam eingespielt sind;

Die Live-Erkenntnis: Dieses Spiel musste im Stadion gesehen werden - auch wenn ich nur dank SMS aus Freiburg über Figos Kopfstoß und Ronaldos Oberschenkel-Wunde informiert war. Am Ende gab es keine Spielszene mehr, die so unverfänglich war, dass sie in Zeitlupe auf die Videowand im Stadion gekommen wäre. Als ich dort auf die Uhr geschaut habe, bekam ich einen Schock: Die holländische Hatz war bereits in der Schlussminute angekommen. Nach meinem Gefühl war höchstens die 70. angebrochen. Ein besseres Kompliment kann man einem Spiel nicht machen.

Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke (links) ist der Autor unseres Tagebuch-Blogs, das wir während der WM auf fudder führen werden. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy