Meine Meinung zum Sat.1-Video: Sexismus ist ein Problem der Gesellschaft – nicht der Flüchtlinge

Jule Markwald

Das Frühstücksfernsehen hat ein Kamerateam in die Freiburger Innenstadt geschickt. Angeblich fühlen sich immer mehr Frauen nachts unsicher und bedroht. fudder-Autorin Jule Markwald fragt sich: Warum kommt das Thema gerade jetzt zur Sprache?

Ein Kamerateam interviewt eine Gruppe Frauen, die in der Freiburger Rathausgasse stehen. Eine der Frauen sagt: "Man wird halt von solchen Männergruppen wie der da vorne häufig angepöbelt." Keine zwei Sekunden später brüllt einer der Jungs laut "Hure", dann rappt ein Möchtegern-Bushido in die Linse des Reporters. Mit den Worten "Iss meinen Schwanz" verabschiedet er sich in Richtung des nächsten Clubs. Die Kamera schwenkt zurück zu den jungen Frauen und der Satz "Kapiert ihr jetzt, mit was für einem Bullshit wir uns hier tagtäglich rumschlagen müssen?" steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Worum geht’s? Das Sat.1 Frühstücksfernsehen hat einen Beitrag über "Die neue Angst der Frauen" in Freiburg gedreht. Hier geht es zum fudder-Artikel.

Ich verstehe diese Mädchen so sehr. Jede Frau der Welt versteht diese Mädchen so sehr. Wir waren alle schon an ihrer Stelle. Wir mussten uns alle schon so viel Blödsinn anhören, in dem traurigen Wissen, dass wir uns damit noch glücklich schätzen dürfen. Wenn es ganz blöd läuft, dann wird aus der Pöbelei nämlich Grabscherei. Oder direkt eine Vergewaltigung. Wir wissen das. Wir kennen das.

Plötzlich können wir über Gewalt gegen Frauen sprechen

Nur warum ist das Thema jetzt auf einmal so aktuell? Warum werden gerade so viele Pfeffersprays, Taser und Taschenalarme verkauft wie nie? Ein Flüchtling hat in Freiburg eine junge Studentin getötet. Und plötzlich können wir über Gewalt gegen Frauen sprechen. Aber eben nur mit einer ganz kleinen Prise "Wir sagen nicht direkt, dass wir von Ausländern sprechen, aber Sie wissen schon, dass wir grade diese Ausländer meinen, oder?"

Sexismus ist kein neues Problem, kein Problem das erst mit Booten über das Mittelmeer nach Deutschland kam. Es ist das Problem einer – immer noch – sexistischen Gesellschaft.

Das Bundeskriminalamt veröffentlichte letztes Jahr eine Statistik zur Kriminalität von Zuwanderern. Nicht nur, dass Zuwanderer insgesamt deutlich weniger kriminell waren als Deutsche – die Zahl der Sexualdelikte lag nur bei insgesamt 1,3 Prozent.

Jede Frau macht diese Erfahrungen irgendwann mit

Abends wegzugehen sei nicht mehr so wie früher, sagen die jungen Frauen im Video. Vielleicht sind sie noch jung und machen gerade erst exakt die Erfahrungen, die jede Frau Anfang bis Mitte zwanzig irgendwann macht. Das erste Mal auf offener Straße angepöbelt werden, das erste Mal angegrabscht werden, das erste Mal mit im Hals klopfendem Herzen vor einem Türsteher stehen und sagen "Du, der Typ da hinten hat mir grade an den Hintern gefasst, kannst du den bitte rausschmeißen?". Das erste Mal mit Entsetzen von einer Freundin oder Bekannten hören, die unterwegs angegriffen wurde.

Und jedes Mal, jedes einzelne verdammte Mal auf dem nächtlichen Heimweg die Kopfhörer abnehmen um auf Schritte hinter einem zu lauschen. Kommt da wer? Bin ich heute Nacht dran? Warum hab ich das letzte Bier noch getrunken und warum habe ich diese verdammten High Heels an? Ist es das, was mich das Leben kostet? Dass ich einmal knöchelabwärts so aussehen wollte wie Kim Kardashian?

Auch ich habe ein Pfefferspray

Ich verstehe die jungen Frauen im Videoclip gut. Ich habe auch immer ein Pfefferspray dabei und einen Zehner für das Taxi nach Hause im Geldbeutel. Aber das habe ich seit bestimmt fünf oder sechs Jahren. Lange bevor es den Begriff "Nafri" gab. Ungefähr seit dem Abend, an dem mich ein älterer deutscher Mann in einen Hauseingang im Stühlinger drängte und zwei türkische Jungs aus einem Dönerladen stürzten und ihn verscheuchten. Warum ich jetzt die Herkunft der jeweiligen Männer erwähnen musste? Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!
  • Die Statistik zur Kriminalität von Zuwanderern gibt es direkt auf der Webseite des Bundeskriminalamts als PDF zum Download.