Meine Meinung: Warum ich Pilgern total super finde

Marius Notter

Pilgern hat nichts mit Rosenkranz, Weihrauch und Askese zu tun - das jedenfalls behauptet fudder-Autor Marius Notter, der als Ministrant schon zweimal nach Rom gepilgert ist. Worum es dem 20-Jährigen dabei ging, hat er für uns in Worte gefasst:



Ich bin zweimal nach Rom gepilgert - 2006 und 2010, beide Male im Rahmen einer internationalen Ministrantenwallfahrt. Beim zweiten Mal waren außer mir noch über 50.000 andere Ministranten aus Ländern wie Ungarn, Frankreich, Österreich, der Slowakei und der Schweiz dabei. Meine Reisegruppe bestand aus 50 Ministranten im Alter von 13 bis 23 Jahren - unter ihnen ein Rollstuhlfahrer. Wir kamen aus allen Gemeinden der Seelsorgeeinheit und kannten uns teilweise schon vorher. Trotzdem hat sich bei all den Veranstaltungen, Ausflügen und Erlebnissen eine neue Art der Gemeinschaft entwickelt.


Und das macht das Pilgern für mich so besonders: das einzigartige Gemeinschaftsgefühl, die unvergleichliche Euphorie.

Zum Beispiel beim Eröffnungsgottesdienst der Erziözese Freiburg in der Kirche St. Paul vor den Mauern. In einer Ecke spielte ein Typ Gitarre, in einer anderen zockten Jugendliche Karten, wieder andere teilten ihre Malzeit miteinander, nicht wenige erholten sich von der anstrengenden nächtlichen Busfahrt. Die 10.000 jungen Menschen aus der Erzdiözese Freiburg, die sich hier versammelt hatten, wuchsen zusammen. Was uns gemein war: Wir waren alle Ministranten und wollten alle etwas erleben.



Es ist nicht so, dass ich ansonsten alleine zuhause rumsitze. Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinen Freunden. Wir treffen uns fast täglich, reden bei einer Zigarette auf der Terasse darüber, was uns beschäftigt, oder rekonstruieren, was am vergangenen Wochenende alles passiert ist. Wir haben alle einen unterschiedlichen Alltag. Wenn wir uns abends treffen, schalten wir ab - bei unseren neuesten Lieblingstracks und einer Runde Lan-Zocken.

Pilgern funktioniert anders. Beim Pilgern werde ich eine Woche lang aus meinem Alltag herausgerissen und in eine spirituelle Welt integriert, die es nur während dieser Zeit gibt. Es ist nicht das vertraute Gefühl ewiger Freundschaft wie mit meinen Jungs von daheim. Ich habe den Kopf frei, lasse mich auf andere Menschen ein, will vom Alltag nichts wissen. Für mich spielen in dieser Woche nur diejenigen eine Rolle, denen ich dort begegne.

Mit kirchlichen Lehren hat das kaum etwas zu tun. Bei der Papstaudienz waren zum Beispiel 50.000 Ministranten bei 40 Grad auf dem Petersplatz - ausgestattet mit Fahnen ihrer Seelsorgeeinheit, ihres Bundeslandes oder Landes. Ein Nickerchen zu halten, war nichts Verwerfliches, und viele hat die Predigt des Papstes nicht sonderlich interessiert - mich auch nicht. Ich habe mich stattdessen mit Leuten unterhalten, die ich gerade erst kennengelernt hatte oder mich mit Mitschwitzenden auf Wassersuche begeben.

Benedikt XVI. hatte in dem Moment etwas von einem gealterten Popstar, der ein Gratiskonzert gibt, bei dem sich alle wohlfühlen, aber keiner richtig zuhört. Mir hat das gezeigt, dass sich bei vielen jungen Christen dieselbe Liberalisierung vollzogen hat wie bei mir. Jene Liberalisierung, der die Institution Katholische Kirche hinterherhinkt.



Wenn ich mich nicht zu 100 Prozent mit der Kirche identifizieren kann: Warum pilgere ich dann überhaupt?

Mir geht es eben nicht um Beten und Bußgang. Rosenkranzexzesse oder ein Besichtungsmarathon, bei dem ich eine Kirche nach der anderen abhake, stehen bei mir nicht auf der Tagesordnung. Im Gegenteil: Ich packe meinen Rucksack, um eine Woche mit anderen Menschen zusammenzukommen, Spaß zu haben und mich auszutauschen.

Dass ich das gemeinsam mit anderen Ministranten mache, scheint paradox. Dass die katholische Kirche die Rahmenbedingung für diese Erlebnisse schafft, spielt keine Rolle. Das läuft beim Pilgern nebenher mit oder wird ganz ausgelassen. Ich lebe meine eigene Art des Glaubens. Ob das dem gemeinen Hobby-Atheisten gefällt oder nicht, ist mir egal. Wer glaubt, dass sich alle jungen Pilgerinnen und Pilger an kirchliche Dogmen wie "Kein Sex vor der Ehe" oder Kondom-Verbot halten, der ist eben genauso im Gestern hängen geblieben wie all jene, die diese Dogmen befolgen.

Zur Person



Marius Notter, 20, kommt aus Buchholz und hat vor einem Jahr Abitur gemacht. Danach absolvierte er einen halbjährigen Freiwilligendienst in Belfast, worüber er seinen ersten fudder-Artikel verfasste. Im Herbst will er sein Studium an der Uni Freiburg beginnen - wahrscheinlich Politikwissenschaft und Geschichte. Wenn Marius nicht pilgert, organisiert er mit FetepetetePartys im Elztal.

"Meine Meinung"

Mit "Meine Meinung" will fudder Menschen eine Plattform bieten, um ihre Meinung zu einem Thema, das in Freiburg debattiert wird, dazulegen. Es handelt sich bei dem Beitrag um die Meinung des jeweiligen Autors, nicht um die der Redaktion.

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[Bilder 1 bis 3: Marius Notter; Bild 4: Benedikt Nabben]