WM 2018

Meine Meinung: Während der WM sollte nicht nur gefeiert, sondern auch protestiert werden

Anna Lob

Zum offiziellen Start der WM in Russland ruft fudder-Autorin Anna Lob dazu auf, sich mit dem Gastgeberland auseinanderzusetzen – das menschenrechtlich alles andere als vorbildlich ist. Sie sagt: "Fußball hat total viel mit Politik zu tun."

Hach ja, endlich wieder WM-Zeit. Zu Hause werden Spielpläne aufgehängt, Public Viewings organisiert und in den Läden tummelt sich Deutschland-Klopapier, neben Deutschland-Eis und anderen Produkten in Schwarz-Rot-Gold. Mal ehrlich: Wer braucht sowas? Naja, anderes Thema.


Von mir aus schwenkt die Fahnen, hängt euch Blumenkettchen um den Hals und malt euch Fähnchen ins Gesicht - hab ich auch schon gemacht. Aber: bei den nächsten zwei Weltmeisterschaften ist angesichts der Austragungsorte zumindest ein schlechtes Gewissen angebracht.

Russland und Katar: Menschenrechtstechnisch keine Vorbilder

Mindestens so viel Energie, wie zur die Vorbereitung auf die WM verwendet wird, könnte man auch dazu nutzen, um sich mit dem diesjährigen Gastgeberland zu befassen: Russland. Oder noch besser mit dem nächsten Gastgeberland: Katar. Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Menschenrechtstechnisch sind beide Länder nicht vorbildhaft unterwegs.

Im Amnesty International Journal vom Juni 2016 ("Foul - Sport und Menschenrechte") macht die Menschenrechtsorganisation darauf aufmerksam, dass in Russland Menschen aus Strafgefangenenlagern zum Bau der Stadien eingesetzt werden, um Lohnkosten zu sparen. Darüber hinaus bemühte sich die russische Regierung bei Sportevents in der Vergangenheit – wie etwa den Olympischen Spielen in Sotschi – bereits intensiv darum, politische Widersacher vorsichtshalber verhaften zu lassen. Damit diese bloß keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn so viele ausländische Medien am Start sind.

Katastrophale Arbeits- und Lebensbedingungen

Von der allseits bekannten und von der FIFA erfolgreich ignorierten Zwangsarbeit beziehungsweise Sklaverei für den Stadienbau in Katar mal ganz zu schweigen. Hier werden Arbeiter aus anderen Ländern geworben, die dann ihre "Reisekosten" abarbeiten. Ihnen werden die Ausweise abgenommen, sie haben keine Chance mehr, das Land zu verlassen, bis ihre horrenden "Schulden" abgearbeitet sind. Die Arbeits- und Lebensbedingungen sind absolut katastrophal und unmenschlich.

An dieser Stelle ist dann Platz für die "Aber Fußball hat gar nichts mit Politik zu tun" - Kommentare.

Und darauf folgend dann mein ausdrückliches "Blödsinn!". Fußball hat total viel mit Politik zu tun. Gerade in Deutschland, wo kein anderer Sport eine derartige Popularität genießt. Politiker machen sich beliebt, wenn sie darüber sprechen, die Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu verfolgen. Und wenn sich zwei deutsche Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren lassen, führt das zu wochenlangen Diskussionen. Ich kann verstehen, wenn sich Menschen nicht die Freude am Spiel nehmen lassen wollen, aber ich kann es nicht verstehen, wenn man bewusst blind bleiben möchte für alles, was im Namen dieser Sportart auf der Welt passiert.

Was kann man tun? Zeichen setzen!

Und das ist nun mal eine ganze Menge Schlechtes. Die Frage bleibt natürlich, was man als Nicht-Fifa-Präsident da ausrichten kann. Und die Antwort lautet: Zeichen setzen.

Damit ist nicht direkt ein Boykott gemeint, aber man kann sich informieren und die ein oder anderen Tatsachen beim gemeinsamen Public Viewing mal einstreuen. Es geht darum, zu sensibilisieren und die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhöhen. Denn Aufmerksamkeit erzeugt öffentlichen Druck und der kann Veränderung bewirken. Damit in Zukunft nicht nur einige Menschen sondern alle Freude am Fußball haben können.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist auf jeden Fall auch die "Sports and Rights Alliance" - ein Verband aus NGOs, Sportverbänden und Gewerkschaften, die versucht, die Organisatoren sportlicher Großevents dazu zu bewegen, alles menschenrechtsfreundlich zu gestalten. Hoffnung macht außerdem das neu gegründete Zentrum für Sport und Menschenrechte in Genf, das auch vom Internationalen Olympischen Komitee und der FIFA unterstützt wird.

Nichts desto trotz bleibt abzuwarten, ob sich in naher Zukunft etwas ändern wird - deswegen kann man ruhig - zwischen dem ganzen Torjubel - mal fragen wer die eigentlichen Verlierer einer Fußball-WM sind. Sicherlich nicht die Mannschaften.
Hier findest du eine ganze Zeitschrift zum Thema Sport und Menschenrechte: Foul! Sport und Menschenrechte


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