Meine Meinung: studiVZ ist die DDR des Internets

Martin Jost

"Der Letzte macht das Licht aus." Das geflügelte Wort kursierte nach der Öffnung der Mauer in der ehemaligen DDR und beschreibt auch die Stimmung in ihrer digitalen Schwester, dem "Studi-Verzeichnis". Wer seinen Bewohnern nichts bietet und im kapitalistischen Wettrennen abstinkt, der ist bald komplett entvölkert.



Der Wind heult, die Straßen sind staubig. Tumbleweeds rollen vorüber. Putz platzt von den Wänden. Wer ruft, erhält zur Antwort Schweigen. Niemand will mehr hier sein. Alle sind fort. Wir sind im studiVZ.


Womit Marx Recht hatte: Die Geschichte verhält sich zyklisch. Alles wiederholt sich. Soziale Netzwerke sind der Ort, wo unser digitales Leben am stärksten dem alten, das wir aus der Anfasswelt gewohnt sind, gleicht. Daher mag mir hier das Simile mit dem sozialen Netzwerk als Land im Internet erlaubt sein. Wenn social communities Länder im Internet sind, dann ist studiVZ die DDR in der Schwebezeit zwischen 1989 und ’90. Revolution erfolgreich, aber alte Verfassung noch in Kraft und der Anschluss an Restdeutschland noch nicht beschlossen.

Überdeutliche Gemeinsamkeiten

Die Parallelen sind aufdringlich: Kirschrote corporate identity. Kleine Bevölkerung, abgeschnitten vom Rest der Welt. Die Bewohner sehen keine Chance auf soziale Karriere und reisen massenhaft nach Facebook aus. Mit ihren studiVZ-Credits können sie dort zwar nix kaufen und ihre Freunde müssen sie sich auch neu suchen, aber dafür stehen ihnen hier alle Möglichkeiten offen. Inklusive Seelenverkauf auf dem freien Markt.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Michail Gorbatschow hat aus der Geschichte gelernt, dass die Zitierer das Zitat machen und nicht der Zitierte. StudiVZ hätte aus der Sache mit der Wende lernen können, sich rechtzeitig zu öffnen, seinen Bewohnern Außenkontakte zu erlauben und ihnen zu Hause mehr zu bieten. Jetzt bleibt dem kleinen roten deutschen Netzwerk nur noch, seine Nutzer zum besten Preis an Facebook zu verticken oder unterzugehen. Und mit dem Finger auf das Nordkorea des Internets zu zeigen: „Ping ist noch viel verschlossener als wir!“



Zur Person


Martin Jost studiert Geschichte und Englisch, nebenher arbeitet er als freier Journalist und Computerhiwi. Er besitzt eine Geburtsurkunde der Deutschen Demokratischen Republik, deshalb darf er sagen, was er hier gesagt hat.



Mehr dazu:

[Bild 1: xkcd. Randall Munroe hat eine Karte mit sozialen Netzwerken als Länder gezeichnet. Der Witz: An der Fläche lassen sich die Nutzerzahlen im Verhältnis ablesen.]