Meine Meinung: Floskeln sind verbaler Müll

Paula Kühn

"Wie geht’s?" "Was machst du so?" "Woher kommst du?" Uninteressierte höflich gestellte Fragen, auf die es uninteressante höfliche Antworten gibt. Floskeln nerven, findet fudder-Autorin Paula Kühn.

Ein erster Blick, schüchtern, fast ein bisschen unsicher. Dann ein Lächeln. Etwas ändert sich in der Mimik des Gegenübers. Das Herz schlägt schneller. Ich atme ein, atme aus: "Hallo!" Die erste Hürde des Kennenlernens ist geschafft. Ich lächle, ein bisschen befangen vielleicht, aber das ist schon okay, schließlich weiß ich noch gar nicht, wer der andere ist.

"Ich antworte brav, stelle brav die nächste Frage."

Nur, dass er irgendwie interessant und spannend ist. Und dann kommt sie, die Frage, die alles kaputt macht: "Und was machst du so?" Wie eine Wand, die plötzlich vor der Nase auftaucht, schiebt sie sich zwischen mich und meinen Gesprächspartner. Ich antworte und stelle brav die nächste Frage. Irgendwann wird es langweilig. Ich entschuldige mich halbherzig und gehe davon. Denn: Diese höflich gemeinten, pseudo-interessierten Floskel-Fragen kann ich nicht ausstehen.

Hätte man statt dieser Frage, deren Beantwortung keinen Menschen interessiert, nicht die Spannung noch weiter auskosten können? Hätte man nicht aushalten können, dass man es eigentlich kaum aushält? Hätte man die stille Frage: "Wer bist du?" nicht noch etwas im Raum stehen lassen können, statt den Luftballon mit der Nadel gleich zu Beginn schon platzen zu lassen?

Was ist aus dem guten alten Smalltalk geworden?

Ich will nicht zum hundertsten mal darüber reden, wie schwierig es sein muss, als Schauspielerin Texte auswendig zu lernen oder zum tausendsten Mal erklären, wo ich ursprünglich herkomme. Was ist aus dem guten alten Smalltalk geworden? Was ist passiert mit Fragen, wie "Was hörst du für Musik?", "Welche Bücher magst du?", "Was ist deine Lieblingsfarbe?"

Stattdessen: Höfliche Fragen, höfliche Antworten - tote Gespräche! Das nervt. Und nicht nur das: Es macht Flirts kaputt, verhindert Freundschaften und schleicht sich als langweiliger Beziehungskiller in den Alltag sich eigentlich liebender Paare. Kurz: Floskeln müllen den Zwischenraum zwischen zwei Menschen zu, bis sie sich gegenseitig gar nicht mehr sehen können.

Die Frage "Woher kommst du?" kann auch beleidigend sein

Klar: Jeder ist mal unsicher, jeder weiß mal nicht, was zu sagen ist. Das ist doch vollkommen normal, kein Grund, gleich das Gespräch kaputt zu machen, indem man Fragen stellt wie: "Woher kommst du?" Schon mal aufgefallen, dass diese Frage unter Umständen ganz schön beleidigend sein kann? Sie reduziert einen auf Haut- und Haarfarbe oder auf den Akzent, den man spricht. Und steht einem ständig im Weg, wenn man zum Beispiel, wie ich, als Deutsche in Wien lebt.

Statt nämlich über Filme, Politik, Liebe oder was auch immer zu reden oder auch einfach mal das Prickeln der Stille auszukosten, redet man ständig nur über das Land, aus dem man ursprünglich kommt. Oder aus dem man auch nicht kommt. In dem man nur irgendwelche Vorfahren hat, mit denen man gar nichts mehr zu tun hat oder aus dem man adoptiert wurde und an das man nur konfuse Kindheitserinnerungen hat, wenn überhaupt.

Bitte keine Lückenfüller-Fragen

Also Leute, seid mutig! Stellt Fragen, die wirklich interessieren. Redet über Musikgeschmack, Weltansichten, bevorzugte Kleiderläden. Kostet die Stille aus, die manchmal bis zum Platzen unangenehm zwischen euch steht. Sie ist doch nur Ausdruck dafür, dass ihr euch für einander interessiert und eben gerade deshalb alles richtig machen wollt. Sprecht, über was auch immer und sei es die Fliege, die gerade auf der Nasenspitze des Gegenübers gelandet ist.

Aber bitte bitte nicht diese dummen Lückenfüller-Fragen!

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