Meine Meinung: Esst eure Lasagne auf!

Martin Jost

Es ist Pferd im Fleisch. Nachdem in Fertiglasagne Stücke von den falschen Tieren aufgetaucht sind, wird nur das Wort "Skandal" noch ärger totgeritten als Wortspiele um den Super-G.A.U.L. Und jetzt fordert ein CDU-Entwicklungspolitiker, die Pferdelasagne an Arme zu verschenken. fudder-Autor Martin Jost, Vegetarier und Ressortleiter Selbstgerechtigkeit, findet: Esst euer Pferd doch selber!



Ich genieße es wirklich nicht besonders, euch bei einem Lebensmittelskandal nach dem anderen zusehen zu müssen. Schadenfreude ist ein unanständiges Gefühl, und ich schäme mich für meine Häme. Aber vielleicht müsst ihr die Lasagne einfach auslöffeln, die ihr euch selbst eingebrockt habt.


Ihr esst Tiere, na gut. Ich bin kein politischer Vegetarier. Wenn ich Tierkadaver nicht so unappetitlich fände, würden mich die ganzen guten Argumente wahrscheinlich auch nicht vom Fleischessen abhalten. Geschenkt.

Aber ihr wollt jeden Tag Fleisch essen und zwar so billig, dass die eigentlichen Kosten irgendwo anders hin abgewälzt werden müssen: zukünftige Generationen, Menschen in Entwicklungsländern, Niedriglöhner bei uns. Ihr habt mit Absicht Fleisch in eurem Essen. Ich würde mit euch fühlen, wenn es vergammelt wäre oder überdurchschnittlich antibiotisch. Aber jetzt habt ihr Stücke von einem anderen Tier in eurem Essen als ihr dachtet?

Das ist doch kein Skandal!

Entschuldigung, aber die moralische Strecke von 'Kühe essen' zu 'Pferde essen' ist aus meiner Perspektive – stellt euch einfach vor, ich schaue vom Mount Everest der Selbstgerechtigkeit auf euch herab – nicht mehr zu erkennen. Das wäre so wie: XY hat seinen Nachbarn erschossen. Das ist unfein, aber wirklich schockiert hat mich, dass er keinen Waffenschein besaß.

Der Bundestagsabgeordnete Hartwig Fischer findet, Bedürftige – zum Beispiel Klienten der Tafeln – sollen die Pferdelasagne essen statt dass man sie wegwirft. Das Argument: Es handelt sich um qualitativ einwandfreies Fleisch. „Ich appelliere an die Branche, die eingezogen Lebensmittel nicht aus vorauseilendem Gehorsam und Panikmache zu vernichten“, lässt Fischer sich in einer Pressemitteilung zitieren.

Die Aufregung ist groß, der Mann habe wohl nicht mehr alle Pferde auf der Koppel. Ich finde, die Forderung ist unsensibel und völlig daneben vorgetragen. Aber an sich nicht so dumm.

Das modernisierte „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen“ ist deshalb zynisch, weil Hartwig Fischer Menschen mit zu wenig Geld für gutes Essen zumuten will, etwas zu essen, wofür mündige und freie Konsumenten sich zu fein sind – und was Pferdemetzger als Spezialität verkaufen würden. Wer arm dran ist, ist nicht so frei in seiner Entscheidung, was er isst, wie normale Konsumenten. Jetzt, wo ihr wieder wisst, was drin ist, könnt ihr es doch kaufen!

Ich finde, es steht jedem zu, Lasagne mit Pferd zu essen oder nicht zu essen – wenn das Etikett dann mal der Realität entspricht. Ich muss nicht verstehen, warum mit einiger Beliebigkeit Kühe okay, Pferde tabu, Hühner okay und Hunde wiederum tabu sind. Die Hottehüs haben nun einmal für euch ins Gras gebissen. Wenn wir sie wegschmeißen, sind sie ganz umsonst gestorben. Gebt euch einen Ruck und esst das Zeug einfach auf!

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[Bild: dpa]