Auslandswahn

Meine Meinung: Ein FSJ zuhause bringt dich weiter als ein Selbstfindungstrip in Australien

Claudia Förster Ribet

Ganze Horden frisch gebackener Abiturienten zieht es Jahr für Jahr nach Australien. Sie wollen sich selbstfinden und mutig sein. Quatsch, findet unsere fudder-Autorin. Richtig mutig ist, wer anderen hilft. Auch in Deutschland gibt es Leid und Ungerechtigkeit.

Lisa in Australien ist auf Jodel und Co. mittlerweile zum Running Gag geworden und hat eine ganz neue Rubrik von Witzen begründet. Das Bild von der durchschnittlichen Abiturientin mit dem Allerweltsnamen Lisa, die in Australien eine ach so prägende, horizonterweiternde Selbstfindungsreise unternimmt, spiegelt eine ganze Generation wider. Eine Generation, in der fast schon ein Zwang zum nachabiturlichen Weltbereisen und Individualisieren herrscht.


Vielleicht liegt es ja am G8 und der Angst, sich festzulegen, dass fast alle Jugendlichen heute nach dem Schulabschluss ein sogenanntes Gap Year einbauen. Im Prinzip ist es ja auch eine gute Idee, sich nicht von der Schulbank in den Hörsaal zu katapultieren, sondern etwas vom wirklichen Leben mitzubekommen. Reisen kann da durchaus hilfreich sein, das möchte ich gar nicht herunterspielen. Wohlbemerkt: Reisen, also Rucksacktouren ohne Handy oder Übernachten bei Einheimischen, deren Sprache man nicht spricht. In diese Rubrik fallen drei Monate Australienurlaub, geprägt von Mietauto-Roadtrips mit ehemaligen Klassenkameraden (die sich natürlich auch in Australien selbst finden) und Hostelfreundschaften mit Abertausenden anderer deutscher Lisas, aber sicher nicht.

Langweilige Jobs für Bondi Beach

Dass diese Art von "Reise" ein besonders repräsentatives Bild der wirklichen Welt da draußen zulässt, wage ich stark zu bezweifeln. Ganz davon abgesehen, dass die restlichen Monate der Lisas meist mit langweiligen Fabrik- oder Kellnerjobs verbracht werden, um sich das Luxusleben auf Bondi Beach leisten zu können. Nicht zu schweigen vom persönlichen Fußabdruck, der durch Langstreckenflüge exponentiell wächst.
Lohnt sich ein Freiwilligendienst? Drei Freiburger FSJler erzählen

Hier findet sich eins der größten Paradoxa unserer Generation: Ist es nicht ziemlich doppelmoralisch, sich auf der einen Seite Sorgen um die Zukunft der Erde zu machen und sich über die Zustände in Dritte-Welt-Ländern zu beklagen, nur um seine wertvolle Zeit dann mit anderen Deutschen in einem der sichersten und westlichsten Länder der Welt zu verbringen – und sich später für seinen Mut und seine Reife in den Himmel zu loben? Man trifft kaum Leute, die ihre Selbstfindungs-Australien-Tour nicht akribisch auf Instagram in Szene gesetzt haben oder die ihre Englisch-Skills und persönliche Reife nicht mit jedem zweiten Satz erwähnen. Das Schlimme ist, dass eine Weltreise in den Köpfen sich zu einem Symbol für Mut und Unabhängigkeit manifestiert hat. Man muss sich fast schon schämen, wenn man das Land nach dem Schulabschluss nicht für mindestens zwei Monate verlassen hat – dann hat man sich ja nicht getraut, ist zu langweilig, hat sich nicht weiterentwickelt.

Leid und Ungerechtigkeit warten nicht nur auf anderen Kontinenten

Dieses Denken ist meiner Meinung nach falsch. Warum wird persönliche Reife von so vielen ans Ausland gekoppelt? Die wahren Helden, die meiner Meinung nach Anerkennung für ihren Mut verdient haben, sind junge Leute, die einen Freiwilligendienst machen, zum Beispiel ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Ob das im chilenischen Kindergarten oder im Altenheim im Nachbardorf ist, macht da eigentlich gar keinen großen Unterschied. Im Gegenteil: Eine der eindrücklichsten Lektionen, die ich in meinem Gap Year gemacht habe, ist, dass Leid und Ungerechtigkeit nicht nur auf anderen Kontinenten warten, sondern direkt vor der eigenen Haustür.

Man muss nicht einmal die Stadt verlassen, um Kinder zu finden, die zu Hause misshandelt werden. Obdachlose oder demente Alte, für die sich keiner interessiert. Oder Menschen mit Behinderung, die mit Sonde ernährt werden und erfolgreich vor der Öffentlichkeit versteckt werden. Auch diese Menschen haben es verdient, dass sich um sie gekümmert wird, auch wenn sie nur im langweiligen Freiburg, Emmendingen oder Müllheim leben. Und das ist gar nicht schwer: Mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr hat man unglaublich viele Möglichkeiten, die wahre Welt außerhalb seiner Blase kennenzulernen und sie vielleicht ein bisschen besser zu machen. Man wird für schwierige Themen wie Gewalt oder den Tod sensibilisiert, kann persönlich reifen und stößt vielleicht sogar auf seinen späteren Traumberuf.

Jeder kann etwas ändern

Nebenbei lernt man das Arbeitsleben, sich selbst und andere gleichgesinnte Jugendliche kennen – und einen Vorteil für die Studienbewerbung gibt es noch dazu. Man geht durch Höhen und Tiefen, knüpft auf den FSJ-Seminaren Freundschaften fürs Leben und verändert seine Sicht auf die Gesellschaft und die Welt vielleicht für immer. Und genau das ist für die heutige Gesellschaft, die oft als egoistisch bezeichnet wird, wichtig: Einen Blick dafür zu bekommen, dass die Probleme eben nicht nur weit weg liegen, sondern jeden betreffen. Und dafür, dass jeder etwas ändern kann.

Meine Meinung ist ganz klar: Ein Freiwilligendienst vor der eigenen Haustür kann einen viel weiterbringen als jede noch so beeindruckende Australienreise.

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