Meine Meinung: Das Problem sind nicht die Bänderer, sondern die Spießbürger, die sich darüber aufregen

Sergio Schmidt

Der Umgang mit den Bänderern zeigt, was in unserer Gesellschaft schiefläuft, sagt Sergio Schmidt. Der 21-Jährige bezieht in einem Gast-Beitrag Stellung zur inzwischen deutschlandweiten Diskussion über die Bänderer in Freiburg.

Von Weltverbesserern, Geschäftsmenschen und dem Spießbürgertum

Um was geht es bei einem Beitrag mit dieser Überschrift? Linke Krawalle in Frankfurt? Nein, nein. Viel einfacher und harmloser. Ich rede von der etwa im März medial aufgetretenen Situation von Bänderern in der Freiburger Mensa Rempartstraße. Dort stehen Studierende am Geschirrabgabeband und nehmen sich die Essensreste ihrer Mitstudierenden.

In einem Beitrag des SWR heißt es, die Bänderer wollen ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen. In einem fudder-Beitrag wird ein Bänderer als Jäger inszeniert, weil er sich beim Bändern scheinbar wie einer fühlt. Beides wirkt lächerlich, denn wer Essensreste anderer von einem Band nimmt, ist bestimmt kein Jäger und wer einem nicht gewinnorientierten Betrieb wie der Mensa das Leben schwerer macht, wird weder den Kapitalismus stürzen, noch die durch diesen verursachte ungerechte Verteilung der zu genüge vorhandenen Lebensmittel. Dennoch freue ich mich über die - wenn auch etwas naive - Protestaktion der Studierenden.

"Besser das, als eine frustrierte Generation, die sich nur um das Eigenwohl sorgt (...)"


Besser das, als eine frustrierte Generation, die sich nur um das Eigenwohl sorgt, weil jeder Protest durch die Kälte der Politiker und Juristen, durch die überfordernde Komplexität unserer Lebenswelt weggespült wird. Eine Rationalität und zugleich Irrationalität mit der sich die Mensa auf juristische Komplikationen beruft. Der rechnende Geschäftsmensch weiß: diese "Weltverbesserer" können mich Kopf und Kragen bei einer Klage kosten. So wird versucht, die Initiative der Studierenden mit Abdeckungen der Bänder oder Trennwänden zu verhindern.

Das ist es, was mich so rasend macht. Die Angst vor dem unwahrscheinlichen Fall, das Klammern am Gesetz, ein Gesetz was dafür gedacht ist, unser Leben zu optimieren, aber durch fehlende Flexibilität anfängt unser Leben zu bestimmen. Ein Gesetz, das guten Menschen verhindert, Gutes zu tun.

"Diejenigen, die sich von Resteessern in der Mensa in ihrem Spießbürgertum bedroht fühlen, stehen für unsere wahren Probleme."


Viel schlimmer als naive "Gutmenschen" und in Sorge gelähmte Geschäftsmenschen sind aber die Spießer, die kein Wertebild neben ihrem erlauben, denen Eigentum wichtiger ist, als Güte, die ihren Mantel lieber verbrennen, als ihn mit jemand anderem zu teilen. Diejenigen, die sich von Resteessern in der Mensa in ihrem Spießbürgertum bedroht fühlen, stehen für unsere wahren Probleme. Denn sie Gönnen niemandem etwas, ihr leben dreht sich um sie selbst und ihre
austauschbaren Werte, welche sie aber für absolut halten.

Werte, wie Ehre und Anstand, Werte, die es nur geben kann, solange es jemand gibt, den man als ehrenlos und anstandslos bezeichnen kann. Aber eins kann ich euch sagen: Ehrlichkeit ist respektlos. Und wer diese Welt wirklich verbessern will, der muss an Werte glauben, die das Schlechte nicht brauchen, um zu existieren, an den unantastbaren Wert jedes Menschen.

Vielleicht verstehen einige, warum dieser Konflikt mich so in den Wahnsinn treibt. Nicht wegen ein paar Mülltonnen Essen, die weggeworfen werden, nicht wegen ein paar unreflektierter Weltverbesserer, vielleicht sogar nur Selbstdarstellern. Nicht wegen der bösen bösen Mensa, die versucht, ihren Protest zu verhindern. Sondern weil diese ganze Situation im Mikromaßstab wesentliche Probleme in unserer Gesellschaft und unserem System widerspiegelt. Aber wie im Großen sieht sie keiner, weil jeder nur seine eigene Perspektive im Blick hat.
Meine Meinung

In der Rubrik "Meine Meinung" schreiben in unregelmäßigen Abständen immer wieder Gast-Autoren bei fudder über Themen, die sie bewegen.

Zur Person

Sergio Schmidt, 21, Junges Freiburg, sitzt im Freiburger Gemeinderat als Teil der JPG-Fraktion. Er studiert Germanistik und Philosophie an der Uni Freiburg.