Meine Meinung: Das bunte Haus in der Wiehre muss bunt bleiben!

Brigitte Rohm

In der Wiehre steht ein Haus, ein kunterbuntes Haus. Und da es nun einmal da ist, sollten wir uns daran erfreuen, anstatt uns in Grundsatzfragen zu verstricken, findet fudder-Autorin Brigitte Rohm.

Geschieht etwas Außergewöhnliches wie derzeit in der Wiehre, sind die unvermeidlichen Reaktionen: Lagerbildung, leidenschaftliche Appelle für das Besondere, Rufe nach Erhalt der Normalität und vor allem die Frage "Was, wenn das alle machen würden?"


Es machen aber nicht alle. Das Haus an der Kirchstraße, dessen Fassade der Graffiti-Künstler Tom Brane in einen farbenfrohen Traum für Entenliebhaber verwandelt hat, ist etwas Besonderes. Dennoch geht bei den Gegnern die Angst um, dass die Aktion Nachahmer inspirieren könnte.

Als nächstes folgen bestimmt Herakut und Inzoolo

Schreckensvisionen werden gemalt, in denen jeder in Zukunft sein Haus verschönert, wie es ihm beliebt, und Heerscharen von Street Art-Künstlern systematisch ihre Farbtöpfe über denkmalgeschützten Gebäuden in der Wiehre auskippen. Wahrscheinlich heuern als nächstes die direkten Nachbarn Herakut an, um ihre Wände mit kleinen Mädchen und süßen Rehkitzen bemalen zu lassen. Und der Alte Wiehrebahnhof wird sich mit einem knalligen Zahnradmotiv von Inzoolo richtig gut in die neue Ästhetik des Stadtviertels einfügen.

Ja, Denkmalschutz ist wichtig, und die Gründe, warum Gebäude geschützt werden, sind vielfältig und haben nicht immer etwas mit deren Ästhetik zu tun – es genügt beispielsweise, wenn ein Bau besonders charakteristisch für seine Entstehungszeit ist. Das Erscheinungsbild der Wiehre als Ganzes mit der Fülle an Häusern aus dem 19. Jahrhundert gilt es daher sicherlich zu bewahren.

Pragmatismus ist besser als Prinzipienreiterei

Das Baurechtsamt beharrt darauf, dass es im Denkmalrecht keine Ausnahmen geben dürfe. Aber eigentlich sollte es hier nicht um eine Frage des Prinzips in Sachen Baurecht und Denkmalschutz gehen, sondern um den einen konkreten Fall eines speziellen Hauses in der Wiehre, das inzwischen zu einem lieb gewonnenen Kunstwerk geworden ist, und darum, wie man jetzt darauf reagiert, da es nun einmal da ist. Zumal es sich nicht um aggressiven Vandalismus und einen irreparablen Schaden handelt, sondern um eine reversible, künstlerische Neugestaltung der Fassade: Das Kunstwerk beschädigt nicht die Architektur, und ob man das Graffito heute übermalt oder in einigen Jahrzehnten, spielt für die Bausubstanz keine Rolle.

Für den Erhalt der Bemalung spricht nicht nur die Begeisterung vieler Freiburger, insbesondere der Sympathisanten in der Nachbarschaft, sondern auch ein gesunder Pragmatismus. Denn eine Übermalung des Hauses würde nicht nur Branes Kunstwerk zerstören, sondern höchstwahrscheinlich auch einen ewigen Kampf anstoßen, bei dem das Gebäude immer wieder zugetaggt werden würde: Graffitikunst gegen Baurechtsamt, David gegen Goliath, Enten gegen Tristesse. Bevor es soweit kommt, lassen wir für den Moment doch lieber die Enten gewinnen. Und die Kunst.