Meine Meinung: Bleibt doch bitte in den Semesterferien hier!

Lena Prisner

Haaalllooo! Ist da wer? Noch irgendjemand? Irgendein Student? Nein. Die sind alle nachhause gefahren. Was Studenten angeht, ist Freiburg leer. fudder-Autorin Lena Prisner stinkt das. Sie fordert: Bleibt doch bitte in den Semesterferien hier!



Mitte August, Sommer – doch Freiburg wird immer leerer. Zumindest Studenten sind nicht mehr viele da. Klar, das Semester ist längst vorbei, seit Ende Juli ist vorlesungsfreie Zeit. Hausarbeiten, Praktika oder Sommerjobs stehen auf dem Programm. Doch: Warum, liebe Freiburger Studenten, möchten so viele von euch all das nicht im geliebten Freiburg tun?


Gerade dieses Jahr war der Winter bitter und lang. Wie oft habt ihr euch gewünscht, dass sich doch bitte endlich der Frühling zeigen möge. Während ihr Zeit in der Unibibliothek verbracht, euch hinter der ständig beschienenen Fensterfront wie in der Sauna gefühlt und euch Gedanken über die (Un-)Gerechtigkeit des Wettergotts gemacht habt, kam der Sommer. Doch kaum war die letzte Klausur geschrieben, kaum wurde der Hörsaal verlassen, mussten die bereits gepackten Koffer nur noch hochgehoben werden und schon ging für euch die Reise los. Die Heimreise.

Es gibt sicher Studierende, die sich jetzt überhaupt nicht angesprochen fühlen, zum Beispiel sind gerade Juristen, Mediziner und Psychologen dafür bekannt, auch in den Semesterferien fleißig in der Bibliothek zu arbeiten oder Praktika am Studienort zu machen. Ich allerdings, als Anglistikstudentin, habe das Gefühl, dass ich bald ganz alleine bin, in Freiburg.

Wie heißt das Phänomen, das so viele direkt nach Abschluss ihrer Semesterleistungen in die gute alte Heimat zieht? Warum kehren so viele an genau den Ort zurück, vor dem sie noch vor wenigen Jahren so schnell wie möglich flüchten wollten?

Meine Vermutung lautet: Bequemlichkeit. Und Nostalgie. Wie schön es doch ist, sich um nichts kümmern zu müssen. Bemuttert zu werden. Wenn der Kühlschrank sich auf magische Weise von selbst füllt, und man für dessen Inhalt nicht mal blechen muss. Wenn man keinerlei Verpflichtungen hat, außer dem gepflegten Vor-sich-Hinvegetieren, und wenn man davon genug hat, dann wird zur Abwechslung mal was gegessen. Und die Nostalgie? Nur zu gut kenne ich das von mir selbst: Ich war lange nicht in der Heimat und auf dem Weg dorthin packt mich die Vorfreude. Ich stelle mir alles ganz genau vor: Es ist Sommer, beglückt schreite ich die Straße entlang, bis ich das Haus meiner Jugend entdecke, dort mit offenen Armen willkommengeheißen werde. Die Vögel zwitschern, es riecht nach Grillkohle. Und es wartet eine schöne Zeit.

Aber was ist aus dem geliebten Freiburg geworden? Aus all den Tagen, an denen ich mich von der Bibliothek an die Dreisam gewünscht habe, und jetzt, wenn es möglich ist, flüchte ich? Dabei ist Freiburg im Sommer nicht gerade ein unattraktiver Ort, da es doch der wärmste Deutschlands ist. Festivals, Sommernachtskino, Cocktails schlürfen, das Bier im Bächle kühlen, die Stadt von oben im Kastaniengarten genießen – oder einfach raus ins Grüne, zum Beispiel zum Schauinsland. Abkühlung ist durch die Dreisam (der wohl erfrischendste Weg) und zahlreiche Freibäder und Seen direkt vor der Tür. An besonders heißen Tagen freut man sich abends über den Höllentäler, der durch die Ecken und Winkel Freiburgs zieht.

Ich will Familienbesuche gar nicht abwerten. Aber den ganzen Sommer lang? Wenn ich ehrlich bin, legt sich die anfängliche Vorfreude recht schnell, und dann ist, es sei denn man kann eine Großstadt seine Heimat nennen, ziemlich schnell „nix los“.

Ich dachte immer, nicht zu Hause studieren bedeutet, einen neuen Ort zu seinem Zuhause zu machen. Sollte der Studienort nicht mehr sein als ein Studienort, sondern vielmehr ein Ort, an dem man sich auch außerhalb der Studienzeit wohlfühlt? Und: Macht es uns wirklich glücklich, die Hälfte unseres neuen, eigenen Lebens damit zu verbringen, im alten herumzulungern?

Ich habe viel mehr Lust auf einen Freiburger Sommer.

Zur Person



Lena Prisner
, 21, studiert Anglistik und Kognitionswissenschaft an der Uni Freiburg. Ursprünglich kommt sie aus Bad Vilbel bei Frankfurt. Statt nachhause zu fahren, verbringt sie ihren Sommer gerade als Praktikantin in der fudder-Redaktion, gerne aber auch an und in der Dreisam, im Sommernachtskino oder im Wald.

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[Foto 1: Günter Menzl - Fotolia.com; Foto 2: Manuel Lorenz]