Mein Kind ist schwul! Warum das Coming Out auch für Eltern nicht immer einfach ist

Friederike Günter

Trotz zahlreicher gesellschaftlicher Veränderungen erleben viele Schwule und Lesben auch heute noch Ablehnung, wenn sie sich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen. Vor allem Eltern tun sich oft schwer nach dem Coming-Out. Doris Eisele kann ihnen helfen: die Müllheimerin leitet eine Elterngruppe für Eltern mit schwulen und lesbischen Kindern.



Seit 2000 weiß Doris Eisele, dass ihr Sohn David schwul ist. Davor hätte sie beschworen, dass sie Homosexuellen offen gegenübersteht. Als sich ihr eigener Sohn dann outete, merkte die Müllheimerin aber, wie schwer ihr es fiel diese Tatsache zu akzeptieren. Sie wandte sich mit ihren Sorgen an „befah“, den Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen. Dort erhielt sie die nötige Beratung und Unterstützung, um die Homosexualität zu akzeptieren. Heute leitet sie eine Elterngruppe für Freiburg und Umgebung für andere Eltern und berät selbst Eltern, deren Kinder schwul oder lesbisch sind. Auch ihr Mann Konrad berät mittlerweile andere Eltern.


„Wir bieten in erster Linie Hilfe für ratsuchende Eltern an. Sie können Kontakt per E-Mail oder Telefon aufnehmen oder ihre Fragen im Forum der befah-Seite posten,“ erklärt Doris Eisele ihre Aufgabe. „Es gibt keinen Gruppenzwang bei uns. Niemand muss in unseren Gesprächskreis kommen oder sich öffentlich zu seinem homosexuellen Kind bekennen. Wir behandeln jeden Kontakt vertraulich und anonym, wenn das gewünscht wird. Eltern sollen nur wissen, dass sie nicht allein sind mit ihren Fragen.“ Die Beratung geht dann von Besuchen bei Eltern, über E-Mail-Beratung, bis zu einem vertraulichen, unverbindlichen Gespräch. „Das liegt allein bei den Kontaktsuchenden.“ Am häufigsten werden sie im Internet kontaktiert, Telefongespräche sind selten, aber es kann schon mal vorkommen, dass die Schwester eines jungen Schwulen anruft und der Mutter den Telefonhörer in die Hand drückt, damit diese sich dann mit Frau Eisele von Mutter zu Mutter unterhalten kann.

In so einem telefonischen Gespräch informiert das Ehepaar oft erst über grundlegende Dinge und räumt auch mit Vorurteilen auf. Eltern fühlen sich oft völlig allein mit ihren Gefühlen und sind erstmals vor den Kopf gestoßen, wenn sich das Kind outet. „Auch wenn man sein Kind liebt, liegt man dann nachts wach und fragt sich 'Mein Gott, was habe ich falsch gemacht',“ erklärt Doris Eisele. Solche Gedanken sind bei Eltern häufig. Das geht manchmal auch so weit, dass Eltern bei den Eiseles anrufen und nach Möglichkeiten der Therapie für ihr Kind fragen. „Dann erklären wir ihnen, dass Homosexualität keine Krankheit ist, nichts mit der Erziehung zu tun hat und daher auch keine Heilung oder Korrektur benötigt. Wir müssen vielen Eltern klar machen, dass sie lernen müssen, die sexuelle Neigung ihres Kindes zu akzeptieren, wenn sie weiterhin eine enge Beziehung mit ihm haben möchten.“



Auch in der Jugendarbeit sind sie engagiert. Sowohl in Lörrach bei den RainbowStars, als auch in Freiburg bei den Rosekids geben sie öfter eine Art Elternabend. „Leider kommen dort meist nur die Jugendlichen hin, die Erschreckendes über die Reaktionen ihrer Eltern berichten. Da verprügelt der Vater den Sohn, weil er ihm gesagt hat, dass er schwul ist. Aber besonders Jugendliche wünschen sich, von ihren Eltern akzeptiert und verstanden zu werden und leiden sehr unter deren Ablehnung,“ erzählt Konrad Eisele.

Wie wichtig die Arbeit ist, zeigen Fälle in den USA, wo sich in den vergangenen Monaten mehrere Jugendliche nach anti-homosexuellem Mobbing das Leben genommen hatten. Der amerikanische Kolumnist Dan Savage rief das Projekt It gets better ins Leben, um solche Schicksale in Zukunft verhindern zu können. „Die Selbstmordgefahr unter jungen Homosexuellen ist um einiges höher als bei Gleichaltrigen,“ sagt Doris Eisele. Auch in ihrer Arbeit erlebte sie Fälle, bei denen Jugendliche so lange von ihren Mitschülern schikaniert worden sind, bis diese mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. „Eine intakte Familie ist sehr wichtig, um solche Tragödien zu verhindern.“

Sie appelliert aber auch an Schwule und Lesben, ihren Eltern erst mal Zeit zu geben, das Coming Out zu verdauen. „Viele erwarten beim Outing von ihren Eltern, dass sie gelöst und ruhig reagieren und vergessen dabei, dass sie selbst sehr lange gebraucht haben, ihre eigene Identität zu akzeptieren. Sie können nicht erwarten, dass ihre Eltern auf demselben Stand sind und müssen ihnen Zeit geben.“ Außerdem rät sie allen, direkt zu sein. „Versteckte Hinweise helfen nicht, stattdessen sollte man seinen Eltern direkt sagen was los ist.“ Das Ehepaar Eisele beschränkt sich nicht nur auf Einzelberatung, sondern will auch gesellschaftliche Veränderungen erwirken. „Wenn schon im Lesebuch homosexuelle Paare dargestellt würden, wäre das Thema viel präsenter und ein homosexueller Mitschüler oder Mitschülerin nichts Besonderes mehr.“ Dass sie noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, stellen sie dabei immer wieder fest. Mit deutlichem Frust erzählt Konrad Eisele vom letzten Jahreskongress des "befah" in Stuttgart „Alle Parteien haben ranghohe, heterosexuelle Politiker geschickt, außer die CDU, die einen homosexuellen Stadtrat geschickt hat. Dabei sollten sich gerade nicht-homosexuelle Menschen mit dem Thema auseinandersetzen.

Mehr dazu:



Befah - Gesprächskreis Eltern homosexueller Kinder in Südbaden
Treffen in Freiburg: alle 8 Wochen donnerstags von 15 bis 17:30 Uhr
Treffen in Müllheim: Alle 4 Wochen sonntags von 15 bis 18 Uhr Kontakt: 07631/5919
doriseisele@gmx.de