Mein Abschied von Freiburg (40)

Marie Schächtele

In wenigen Wochen wird unsere Praktikantin Marie Freiburg für längere Zeit verlassen. Ein Jahr lang wird sie in Compiègne wohnen, das liegt nördlich von Paris, um dort ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. Bevor sie aufbricht, nimmt sie uns mit auf ihre ganz persönliche Abschiedstour.



Es ist später Vormittag und ich trage meine Schuhe mit dem Pfennigabsatz. Denn bald werde ich diese Stadt hinter mir lassen und das nicht ohne mich gebührend verabschiedet zu haben.




Kopfsteinpflaster

Unter meinen Fersen spüre ich unregelmäßig das jahrhundertealte Kopfsteinpflaster und ehe ich mich versehe, stecke ich auch schon fest mit meinem Laufwerk, dort, wo der Teer sich aus den Lücken zwischen den Steinen entfernt hat.

Sofort erinnere ich mich an frühe Morgenstunden, wenn ich mit müden Füßen aus dem Agar stolperte und lockere die Riemchen meiner Sandalen, um meine Tour zu beginnen, die zu den Orten führt, die mir in Freiburg am meisten ans Herz gewachsen sind.



Krokodil

Neben mir höre ich das Rauschen von Wasser und blicke dem trüben Fluss hinterher, wie er um die Insel führt. Ich entdecke das Krokodil neben dem Feierlingbiergarten, das neugierig und hungrig seinen Kopf aus dem Wasser reckt und denke daran, wie viele Jahre es schon dort unten im Wasser schwimmt, denn immerhin befand es sich vor zehn Jahren in der gleichen Positur, als diese Stadt für mich noch um ein Vieles weniger bekannt war und ich mich mit kindlicher Freude für das gefährliche Tier begeisterte.

Die Vorstellung irritiert mich, dass es auch in zehn Jahren noch genauso schwimmen wird und das genauso jedes Mal, wenn ich zum Besuch wiederkomme.



Bächle

Ich gehe weiter auf meinem Spaziergang und gelange ans Bächle am Augustinerplatz. Um mich herum sehe ich die vergnügten Gesichter spielender Kinder und dann mich selbst vor mir, wie ich schon als Kind mit baumelnden Beinen am Wasser gesessen bin.

Also ziehe ich meine Schuhe aus und setze mich dazu, die angewinkelten Füße im Wasser, das mir nur noch wenig mehr Bein als die Füße bedeckt. Und ich warte, ob Bernhard kommt, der kleine Goldfisch, von dem eine bekannte Geschichte mir früher erzählte, er lebe im Bächle.



Baum auf dem Münsterplatz

Da kommt auch schon die Sonne hinter den Wolken hervor. Sie macht mir Lust, weiterzugehen. Ich überquere die Salzstraße und nehme das nächstgelegene Gässle, gerade hindurch zum Münsterplatz. Die Luft ist erfüllt von Stimmengewirr und dem Geruch nach frischem Obst, Käse, Brot und Wurst. Auf dem Pflaster höre ich das Klackern meiner Absätze und sehe von weitem schon die Krone des Baums auf der anderen Seite des Platzes, vor der Bibliothek.

Seitdem ich vor einigen Jahren in der Zeitung gelesen habe, dass dieser Baum nach esoterischen Ideen Energie geben soll, habe ich mich viele Male von ihm angezogen gefühlt. So auch jetzt. Ich setze ich mich auf die ihn rund umgebende hölzerne Bank und beobachte die Marktverkäufer, die Kunden und Touristen, wie sie auf dem belebten Platz zwischen den Ständen hindurchgehen und wechseln. Und bin dabei völlig entspannt.



Löwenapotheke

Ich mache mich weiter auf den Weg und erwarte bereits die nächste Pause an der Löwenapotheke. Ungezählte Minuten Wartezeit gelangen in meinen Kopf. Verabredungen zum Cafétrinken und zum Einkaufen mit meinen Freunden, die ich voller Vorfreude erwartet habe, oder so manche Aufregung vor Treffen mit weniger vertrauten Menschen. Gegenüber zeigt die Uhr am Bankgebäude zwölf.



Stadttheater

Heute wartet niemand auf mich. Ich schlendere die Bertoldstraße entlang und hole mir ein Eis am Stadttheater. Schokolade und Tiramisù. Wie oft im Sommer habe ich mir hier mit meinen Freunden den Tag versüßt, sei es mit einem Milchshake, sei es mit dem gewaltigen Europabecher zu besonders festlichen Anlässen.

Nostalgie ergreift mich bei dem Gedanken an die Zeiten, in denen wir, längst ausgewachsen, mit einem charmanten Lächeln für den Eisverkäufer das Kindereis orderten. Bis zu dem Tag, an dem wir schlicht nicht mehr durchkamen und scheiterten.



Auf der Haid

Die sich immer wieder als bewährt erfahrenen bequemen Stufen des Theaters laden mich zum Sitzen ein und ich knabbere an meiner Waffel. Es blendet die Sonne und ich muss blinzeln. Bald darauf bereit, meinen kleinen Ausflug fortzusetzen, öffne ich das Schloss meines Fahrrads und strample auf die Haid. Ich halte vor einem Mehrfamilienhaus. Komisch, dass mich hier niemand mehr kennt.

Bis vor einiger Zeit befand sich hier die Anschrift einer Freundin. Während ich vor gemeinsamen Unternehmungen in die Stadt auf sie wartete, beobachtete ich den Nachbarn von nebenan, wie er im penibel gepflegten Garten seine Zwerge sorgfältig richtete.



Mundenhof

Heute schwinge ich mich nach einem nur kurzen Blick zurück wieder auf meinen Sattel und fahre zum Mundenhof. Im wunderschönen Bambusgarten am Rande des Geländes wächst die Vegetation wilder. Der Bambus hat, seit den Zeiten, in denen das Gebiet angelegt wurde, an Höhe beträchtlich zugenommen. Seit damals habe ich hier viele Sommerabende verbracht, zu zweit oder mit mehreren. Aber niemals alleine.

Es riecht nach ZMF, Sommer und Verflossenem. Heute Abend werde ich an diesen malerischen Ort zurückkehren, auch wenn ich weiß, dass dann die Wehmut kommt.



Hauptbahnhof

Zuvor noch beende ich meine Tour in der Stadtmitte. Dort, wo das Leben pulsiert, am Hauptbahnhof. Wo die Bahnhofssprecherin ausruft, dass die Züge nach ganz Deutschland abfahren, nach Berlin, Hamburg, Dresden. Von wo aus ich schon viele Menschen verabschiedet habe, geschafft und erleichtert, auch traurig. Von wo aus ich mich schon viele Male an andere Orte aufgemacht habe, voller Aufregung. Sie war immer wieder. So auch jetzt.

Ich stelle mich mitten hinein und spüre den Kitzel. Sehe, rieche, höre und fühle mein Freiburg. Und habe Reisefieber.