Maxi bei der Trampermeisterschaft: Einmal Italien und zurück

Maria-Xenia Hardt

Ganz glauben kann ich es noch nicht, aber es ist tatsächlich wahr: Wir haben es geschafft, am Pfingstsamstag nach Italien an den Lago d’Orta zu trampen, sind noch im Hellen angekommen, haben unseren Triumph mit Dosenravioli und "Gin Lake" gefeiert, hatten mit fast 100 anderen Trampern einen gloriosen Sonntag am See und sind gestern per Anhalter zurück nach Freiburg gekommen. In Zahlen: Fast 1000 Kilometer. Zwölf Autos. Ein Bus. Ein Zug. Sieben Euro Fahrtkosten.

Als ich irgendwann Anfang Mai auf Couchsurfinggelesen habe, dass am Pfingstwochenende die „4. Deutschen Meisterschaften im Tampen“ stattfinden würden, musste ich erst mal lachen. Der deutschte Tramperverein Abgefahren e.V. lud nach Freiburg ein, wo man sich Samstagmorgens treffen würde, um das Ziel bekannt zu geben, es sollte an irgendeinen See gehen, zwischen 350 und 500 Kilometer in Richtung Süden.

Die längste Strecke, die ich bis dahin getrampt war, betrug ein paar Kilometer zum Pub. Aber die Idee war verrückt genug, um mich zu überzeugen. Also wurde nach dem Zelt gesucht, das noch originalverpackt irgendwo bei meiner Familie auf dem Dachboden lag, ich besorgte eine Karte des Alpenraums, packte Schlafsack, Isomatte, ein paar Klamotten, Dosenravioli und Regenjacke – man kann nie wissen – in meinen längst bewährten großen roten Rucksack und überredete Anne auf den letzten Drücker mitzukommen. Dann ging’s los.



Samstag, 8:30 Uhr, Augustinerplatz

Wir sind pünktlich, ein paar andere auch, insgesamt ist es noch relativ leer. Unsere Pappe ist unbeschrieben, wir wissen ja noch nicht, wo’s hingehen soll. Bis halb zehn trudeln die meisten Leute ein, das Uni TV macht einen Beitrag, irgendein Typ von irgendeinem Radiosender ist auch da. Wir freunden uns mit Marlen und Vivienne aus Cottbus an.

Anne und ich bekommen die Startnummer 17, nachdem Mitorganisator Thomas sich nochmal vergewissert hat, dass ich auch über 18 und damit startberechtigt bin. Um kurz vor halb elf wird das Ziel bekanntgegeben: Es geht an den Lago d’Orta in Norditalien. Auf unser Schild schreiben wir groß „Süden“ und klein darunter „Lago Maggiore“, der liegt nämlich genau neben unserem Ziel-See.

Samstag, 10:50 Uhr, Kronenbrücke

Irgendwie müssen wir aus Freiburg rauskommen, haben gehört, dass das eine der schwierigeren Sachen am Trampen ist. Wir sind mit Marlen und Vivienne unterwegs und die Wartezeit auf das erste Teilstreckenmitfahrangebot: 30 Sekunden. Sensationell!

Unser Fahrer Florian, geschätztes Alter: Mitte 40, ist früher selbst getrampt, hat in der Zeitung von den Meisterschaften gelesen und will unbedingt jemanden zur nächsten Autobahnraststätte Richtung Süden bringen. Anfängerglück

Samstagmorgen, viertel nach elf, erster Rasthof südlich von Freiburg

Am Rasthof ist jede Menge los. Wir sprechen ein Rentnerpaar an – eigentlich nicht die klassischen Zielpersonen, wenn es ums Trampen geht. Aber wir haben wieder Glück: Sie sind auf dem Weg zur Tochter in Zürich und nehmen uns mit, weil wir so nett sind. Da sieht man’s mal.
Sie lassen uns kurz hinter der Schweizer Grenze raus.

Samstag, 12:15 Uhr, Rasthof hinter der Schweizer Grenze

… und da stehen wir eine Stunde später immer noch. Mit uns am Rasthof sind noch drei andere Tramper-Paare, es fahren viele Autos vorbei, die sind aber entweder voll mit Kindern, Gepäck und Hunden oder ignorieren uns oder fahren freundlich winkend an uns vorbei. Na toll! Die Leute auf dem Rasthof anzusprechen hilft uns auch nicht weiter.

Irgendwann kommt eine chinesische Reisegruppe vorbei, wir finden uns im Blitzlichtgewitter wieder, halten den Daumen hoch in gut zwanzig Kameras. Leider ist der Bus schon voll. Irgendwann nimmt uns ein rauchender Geschäftsmann zusammen mit einem anderen Team mit zum nächsten Rasthof kurz hinter Basel. Hauptsache weg, wir haben gehört, dass einen Rasthof hinter uns weitere Paare stehen, einige sind auch schon an uns vorbeigefahren.

Samstag, 12:30 Uhr, Rasthof Pratteln Nord

Hier scheint die Lage nicht ganz so aussichtslos, zwei Paare sind schon weg gekommen, nach einer halben Stunde finden auch wir Platz in einem Auto bei zwei Schweizer Obercheckern, die in Richtung Luzern fahren. Sie sehen aus wie Hip-Hopper aus dem Bilderbuch, fahren ein Auto mit Lederbezügen und Kindersitz, reden Schweizerdeutsch, von dem wir kein Wort verstehen, im Radio läuft eine Magazinsendung zum Thema EHEC. Aber sie nehmen uns gut siebzig Kilometer mit, bis zum „Rastplatz des Todes“ kurz vor Luzern.



Samstag, 14 Uhr, Rastplatz des Todes

Bei unserer Ankunft waren schon vier andere Paare da, wir müssen warten, bis sie alle ein Auto gefunden haben, bevor wir dran sind; kurz nach uns kommen noch zwei Teams an. Es regnet, der Verkehr ist nur mittelmäßig und niemand kommt wirklich weg. Wir treffen Daniel, der sehr nett ist, aber leider in eine andere Richtung fährt. Ein anderes Team kommt im Camper einer Familie unter. Wir stellen fest, dass in der Schweiz zu viele Menschen Zweisitzer fahren.



Als Daniel nach zwanzig Minuten wieder vom Essen zurück kommt, stehen wir immer noch da. Er zückt zu unserer Überraschung sein Handy und eröffnet uns, dass er jetzt einen „kleinen Umweg“ fahren wird, um uns ungefähr 40 Kilometer Richtung Süden zu bringen. Wir sind mehr als dankbar.

Samstag, 15:15 Uhr, Rasthof Altdorf

Bis zum Gotthardtunnel ist es jetzt nicht mehr allzu weit, es ist windig und nicht ganz trocken, aber die Stimmung ist wieder besser, wir sind das einzige Team hier, gönnen uns eine Tüte Colorado. Inzwischen sprechen wir jeden an, der an uns vorbei läuft – man gewöhnt sich dran. Nach nicht allzu langer Zeit kehrt das Glück, das wir am Anfang hatten, zu uns zurück, in Person von Ilie, einem Rumänen, der auf dem Weg zu seinen Eltern nach Génova ist. Er fährt einen großen VW-Bus, der bis auf ihn selbst völlig leer ist.

Der Stau vor dem Gotthardtunnel, der uns morgens im Radio mit 12 Kilometern angekündigt wurde, hat sich so gut wie verflüchtigt. Anne schläft. Ich unterhalte mich mit Ilie über sein Leben, sein Englisch hat einen starken Akzent, er streut einzelne deutsche Wörter ein, aber man gewöhnt sich dran, nach einer Weile verstehe ich ihn ganz gut.



Er erzählt von seiner Frau, die diese Woche das dritte Kind bekommt, davon, dass man in Rumänien als Taxifahrer einfacher Geld verdient denn als Anwalt, von italienischen Kaffee und italienischen Menschen. Ein paar Sätze Italienisch lerne ich auch: „Sono tedesca. Sono en vaccanca. Vaffanculo“. Oder so. Kann ja jeder selber recherchieren, was das heißt.

Samstag, 17 Uhr, Rasthof Bellinzona

Wir halten an, Ilie wirft einen Blick auf die Karte und beschließt, uns noch bis zum Ziel-Campingplatz zu fahren. YEAH! Wir sehen Marlen und Vivienne am Rand stehen und sammeln sie auch noch auf. Andere Teams, an denen wir vorbeifahren, kommen erst Stunden später am Campingplatz an – wir haben am Ende nochmal einen richtigen Hauptgewinn gezogen.

Samstag, 19:04, Lago d’Orta, Camping Punta die Crabbia

Als neuntes Team von 51 kommen wir an, recht erschöpft, aber doch ziemlich glücklich. In leichtem Sommerregen machen wir ein Gruppenfoto, dann fährt Ilie weiter Richtung Süden.
Wir packen das Zelt aus und natürlich fängt es genau in diesem Moment an wie aus Eimern zu schütten. Drei Minuten später steht das Zelt – Rekordzeit, trotzdem ist der einzige Pulli, den ich dabei habe, klatschnass. Anderen ergeht es noch schlechter: Marlen und Vivienne stellen beim Auspacken des Zeltes fest, das gar keine Stangen dabei sind und verschieben den improvisierten Aufbau auf später.



Zum Schock der italienischen Kellnerin packen wir erst mal unsere Dosenravioli aus, zum Nachtisch gibt es Dosenpfirsich und Doppelkekse, was ein Luxus. Dann gehen wir runter zum See, um etwas Wasser zu schöpfen, den ganzen Tag habe ich mich nämlich schon auf einen schönen „Gin Lake“ gefreut. Der schmeckt ziemlich ekelhaft, beim nächsten Glas wird Lake dann doch durch Tonis ersetzt.

Bis Mitternacht und darüber hinaus kommen immer noch Teams an, mal vereinzelt, mal zusammen; an die Live-Ticker-Nummer kommt eine SMS mit der Nachricht, dass soeben fünf Teams (!) ein einem einzigen Camper die italienische Grenze überquert haben. Partystimmung.

Am Abend und natürlich auch am Sonntag noch werden Geschichten von der Reise ausgetauscht: Manche Teams haben nur einen einzigen Lift von Freiburg bis nach Italien gebraucht, sind bei einem schweigsamen Geschäftsmann im selbsteinparkenden Auto mitgefahren, wie etwa Phillip und Phillip, die einzigen, die an allen vier Meisterschaften teilgenommen haben, beim ersten Mal waren sie sechste, beim zweiten fünfte, beim dritten vierte, dieses Mal sind sie als dritte angekommen. Einer der beiden will von Italien noch weitertrampen – bis nach Australien.

Andere Teams haben eine Teilstrecke im Reisebus eines bayrischen Kegelvereins zurückgelegt. Ein Team wollte die italienische Grenze zu Fuß überqueren, wurde angehalten und auf Drogen durchsucht. Team 44 sei auch schon dagewesen, teilten die Granzbeamten mit, und es gäbe jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder sie rückten die Drogen sofort raus und würden schnell wieder hier weg kommen, oder man müsse sie durchsuchen und sie könnten den Sieg bei diesem komischen Rennen vergessen.



Selbst als wir am Sonntag zum Einkaufen in den nächsten Ort trampen, treffen wir noch verspätete Ankömmlinge, die in der Nacht am Lago Maggiore gecampt haben, weil sie irgendwo stecken geblieben waren. Die Siegerehrung lässt noch auf sich warten, weil der erste Preis auch noch „unterwegs“ ist.

Irgendwann sind aber alle angekommen, wir grillen, trinken, singen – und planen neue Abenteuer, irgendjemand wirft die Idee in den Raum, im nächsten Jahr „ganz entspannt“ mit vielleicht dreißig Leuten nach Israel zu trampen.



Erst mal müssen wir am Montag aber zurück nach Freiburg – trampenderweise, versteht sich. Die meisten Details habe ich vor lauter Erschöpfung schon wieder vergessen, ich kann mich dunkel an Angelo erinnern, der nur Italienisch sprach; daran zu dritt auf zwei Sitze gequetscht zu sitzen; an Christa, eine Deutsche, die seit 44 Jahren in Italien lebt und uns ein Stück mitgenommen hat. Bis zur ersten Autobahnraststätte in Bellinzona brauchen wir sechs Lifts und fünf Stunden.

[Ach ja, an dieser Stelle eine Bitte an alle Menschen in vollen Autos: Könnt ihr bitte aufhören uns zuzuwinken und entschuldigende Gesten zu machen? Es ist schon frappierend, dass Leute in leeren Autos einfach vorbeifahren und solche in vollen so tun, als würden sie uns natürlich mitnehmen, wenn sie denn Platz hätten. Kinder dürfen natürlich winken, keine Frage!]



Von Bellinzona kommen wir bis kurz vor Basel, lassen uns dann nach Basel an den Badischen Bahnhof fahren und nehmen von dort aus den Zug. Gegen elf abends sind wir zurück am Ausgangspunkt – Paula Modersohn Platz im Vauban.

Was bleibt? Ein Abenteuertrip nach Italien, ein Tag am See, die erste richtige Tramperfahrung, Bekanntschaft großartiger Menschen, ein paar Brocken Italienisch. Zusammenfassung: Es war legendär. Abgefahren.

Vaffanculo!

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