Maschinen gegen rechts: Der Motorradclub Kuhle Wampe

Severin Weigend

"Kuhle Wampe" heißt im Berlinerischen "Leerer Bauch". Auch in Freiburg gibt es ein, hüstel, Chapter, dieses linksalternativen Motorradclubs. Der kommt zwar ohne "Tittenjoe" aus, steht aber sofort auf der Matte, wenn sich irgendwo Nazis ankündigen. Ein Besuch in der Fabrik.



Manchmal scheint es, als hätten die Mitglieder der meisten Motorradclubs nicht viel mehr zu tun, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, Territorien abzustecken und Schutzgelder abzukassieren. Allerdings gibt es auch Motorradfreunde, die mit Krawall und Kriminalität nichts am Hut haben.


Etwa die Kuhle Wampe, ein bundesweit agierender Club, dessen Mitglieder eher auf der linken Spur fahren. Der Name dürfte, wenn überhaupt, Brecht-Fans von dessen Film „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ bekannt sein. Der Agitprop-Streifen wurde 1933 von den Nazis verboten und enthält kräftige Aussagen zu den Themen Arbeiterklasse, Solidarität, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Motorradfahren als Freizeitsport. "1978 haben wir den Film gesehen und da war uns klar: unser Club heißt Kuhle Wampe", sagt Bernd, der Gründungsvater der Freiburger Wampen.

Er sitzt im Vereinslokal, das sich auf dem Fabrikgelände in Herdern befindet. Unauffällig versteckt zwischen Restaurant, Kindergarten und Fahrradwerkstatt verrät eine Tür mit rotem Stern: Hier herrscht, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Motorrad-Clubs, Hierarchiefreiheit.



„Ich brauche keinen Motorradclub, wo's einen Tittenjoe gibt!“ erklärt mir Karli, der schon seit fast 20 Jahre dabei ist. Tittenjoe, damit meint er den Obermacker, der zuhältermäßig die Frauen anschleppt. „In anderen Clubs stürzen sie sich direkt von der Brücke, wenn der Boss das sagt. Hier gibt’s so was nicht.“

Jeder sei willkommen bei den Wampen. Im Laufe des Abends gesellt sich auch eine Studentin der Erziehungswissenschaften zu den harten Jungs. Die sind übrigens überwiegend zwischen 40 und 50, fast alle unter der Haube und Väter. Der Letzte, der zu Tür reinkommt, reicht auch stolz den Hochzeitspokal des Clubs weiter. Auf dem ist nur noch wenig Platz.



„Wir haben ein Problem mit dem Nachwuchs“, sagt Michael zu, „aber ich glaube, das geht mittlerweile jedem Club so.“

Die Kuhle Wampe e.V. ist nicht die Seniorenabteilung der Hells Angels. Man kooperiert schon seit 1978 mit der Antifa Freiburg und der KTS, organisiert Biker-Camps gegen NATO-Gipfel und wenn es gegen rechts geht, fahren die Wampen, wie im vergangenen Oktober, kollektiv nach Friedrichshafen, um die Demonstranten zu unterstützen.



„Dort ist die Neonazi-Szene relativ ausgeprägt", sagt Bernd. "Diese Strukturen sind nun auch im Zusammenhang mit dem Bombenleger aus Weil wieder ans Tageslicht gerückt. Wir fürchteten, dass in Friedrichshafen bis zu 2000 Neonazis aufmarschieren würden. Mit eigenen Augen habe ich nur knapp 400 gesehen.

Das Wichtige war, dass die Bürger der Stadt eine sehr gute Gegenbewegung auf die Beine gebracht haben. Sogar der CDU-Ortsverband hat einen expliziten Anti-Neonazi-Stand in der Innenstadt aufgestellt. Das hat uns erstaunt.“ Bernd ist der Meinung, wir hätten auch in Freiburg ein Faschistenproblem, das wir ständig übersehen.



Ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte von Kuhle Wampe fand statt am 14. September 2002, als zirka 20.000 Menschen in Freiburg auf die Straße gingen, um einen angekündigten NPD-Aufmarsch am Bahnhof zu verhindern.

Korso gegen Neonazis

Bernd erzählt: „Es war ein herrlicher Samstag. Antifa, DGB, die meisten Parteien im Stadtrat, alle zogen da an einem Strang. Wir trommelten einen großen Kreis von Motorradfahrern aus ganz Südbaden zusammen, die Kollegen von MC Linkskurve, MC Weingarten, Harleyclub Freiburg, außerdem 50 bis 60 Wampen von außerhalb. Wir bildeten einen Korso, 240 Maschinen stark, zwei Motorradpolizisten vorneweg als Eskorte.

Los ging es an unserem Clubheim in der Fabrik. Ich fuhr eine ziemlich große Yamaha TDM, meine 72er Honda hatte ich nem Kollegen geliehen. Wir fuhren die Habsburgerstraße hoch und zweimal über den Ring um die Innenstadt. Die Passanten fanden das klasse, wir bekamen viel Applaus.



Der Korso endete am Platz der Alten Synagoge. Dort nahmen wir an der Kundgebung teil. Walter Jens sprach damals auch. Dann sind wir zum Bahnhof gezogen, 20.000 Menschen, die IG-Metaller vorne weg. Die NPDler konnten gar nicht erst raus aus dem Bahnhof. Die wollten gerade anfangen mit ihren blödsinnigen Parolen a la: ,100 Mark mehr Kindergeld, aber nur für Deutsche.’ Aber als sie uns sahen, ging den Faschos die Muffe.

Spontan sind wir dann noch rübergefahren, auf die Westseite des Bahnhofs. Da haben wir uns mit unseren 240 Motorrädern aufgebaut. Denn über die Wentzingerstraße wollten die Faschos abhauen. Aber sie waren eingekesselt, bekamen dann einen Sonderzug und wurden in Riegel ausgespuckt.“



All das erfährt man kurz vor Beginn der adventlichen Lesestunde. Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, auf Trinkfestigkeit getestet zu werden. Stattdessen greifen die Wampen zum Buch, der Bierkonsum bleibt moderat. Gedichte im Ruhrpottdialekt, anarchistische Kurzgeschichten und der Atlas der Globalisierung werden angelesen und herumgereicht. Fast schon alles ein bisschen rührend, aber sehr unterhaltsam. Anschließend wichteln die Wampen sogar.



Politische Ideale und Maschinen, die Wampen lassen sich nicht lumpen. Zu angeblich günstigeren Preisen als der ADAC bietet die Kuhle Wampe zweimal im Jahr Sicherheitstrainings an. Und nach dem Engagement ziehen die Brechtschen Schwarzwaldschrubber am Gashebel: mindestens einmal im Jahr fahren sie ins französische Jura an den Doubs oder in die Vogesen. Wer weiß, vielleicht singen sie dabei das Solidaritätslied "Vorwärts, und nicht vergessen", wie damals im Film "Kuhle Wampe".

[Fotos: Kuhle Wampe Freiburg; Severin Weigend]

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