Festival

Mannheimer Maifeld Derby: Ein Spagat zwischen zwei Generationen

Simon Langemann

Auch in diesem Jahr locken angesagte Mittzwanziger und gut gealterte Alternative-Bands zum Mannheimer Maifeld Derby. Die Kontroverse um Kate Tempest bleibt aus.

Jason Williamson singt nicht, er pöbelt – in schroffem British English. Währenddessen beschränkt sich Produzent Andrew Fearn darauf, die minimalistischen Instrumentals von seinem Laptop abzuspielen. Einmal auf Play drücken, danach gelassen auf der Bühne herumhampeln. Die eine Hand an der Bierflasche, die andere in der Hosentasche. Das britische Electro-Punk-Duo Sleaford Mods scheint vor allem eines zu wollen: den Bruch mit sämtlichen Konventionen der Live-Musik.


Ein paar Meter weiter bringt die australische Band Parcels kurz zuvor mit viel Spielfreude ihren ansteckend gut gelaunten Funk-Pop auf die Bühne. Doch die hippen Wahlberliner stehen den Sleaford Mods nicht nur in Sachen Performance diametral gegenüber. Sie könnten auch ihre Söhne sein. Das ist das eigentliche Kunststück, das den Machern des Mannheimer Festivals Maifeld Derby seit Jahren gelingt: ein Spagat zwischen zwei Generationen.

Auch in diesem Jahr locken angesagte Mittzwanziger wie die Berliner Indie-Pop-Gruppe Von Wegen Lisbeth oder der Schweizer Liedermacher Faber ein studentisches Publikum aufs Maimarkt-Gelände. Demgegenüber stehen gut gealterte Alternative-Bands wie Teenage Fanclub, Stephen Malkmus & The Jicks oder Tocotronic für die in den 1990ern sozialisierten Fans. Und dazwischen gibt es jede Menge Neues zu entdecken. Umso bedauerlicher, dass die neunte Auflage des Festivals womöglich die letzte sein könnte: Veranstalter Timo Kumpf kündigte für 2020 zunächst eine Auszeit an. Die Chancen auf eine anschließende Fortsetzung stünden 50 zu 50.

Höhepunkt am Samstag ist der Auftritt von Kate Tempest. Die britische Künstlerin hat tags zuvor ihre dritte Platte "The Books of Traps and Lessons" veröffentlicht, für das sie mit dem Star-Produzenten Rick Rubin zusammenarbeitete. Nach zwei überwiegend HipHop-lastigen Platten lässt sie darauf ihr Dasein als Rapperin vorerst hinter sich – und kehrt zurück zu ihren Wurzeln als Spoken-Word-Künstlerin. Das Album ist eine Sammlung eindringlich erzählter Geschichten, unterlegt mit zurückhaltenden Instrumentals, über weite Strecken ohne Beat.

Das gilt auch für das Eröffnungsstück "Thirsty", in dem Tempest eine real erlebte Szene schildert, in der sie alleine und verzweifelt in einer Kneipe sitzt – und dann ihrer heutigen Partnerin begegnet: "So, I was sat there at the bar with my forehead on my wrist / Thinking I had given all I had in me to give / When I saw her / Cross the floor like a firework exploding in slow motion / She touched me on the shoulder / and I started to live." Ihren Auftritt in Mannheim eröffnet Kate Tempest mit ein paar aufwühlenden HipHop-Songs der Vorgängerplatte. Dann geht sie zu den intimen neuen Stücken über – und stößt auf ein für Festival-Verhältnisse erstaunlich aufmerksames Publikum.

In Deutschland löste Kate Tempest eine Kontroverse aus, weil sie 2015 eine Petition der Gruppe Artists for Palestine unterschrieben hat. Die Organisation steht der Bewegung BDS nahe, die sich für einen kulturellen Boykotts Israels einsetzt. Im September 2017 sagte Kate Tempest ein Konzert in der Berliner Volksbühne nach einem Shitstorm ab. "Ich war naiv, sogar komplett ignorant dahingehend, wie ein kultureller Boykott gegen die israelische Regierung in Deutschland gelesen würde", sagte Tempest, die selbst jüdischer Abstammung ist, jetzt im Interview mit der taz. Das Existenzrecht eines jüdischen Staates in Israel stelle sie nicht in Frage. "Ich bin nur mit der israelischen Siedlungspolitik nicht einverstanden."

Die öffentliche Debatte zum Thema BDS geht währenddessen weiter: Der Bundestag kritisierte die Argumentationsmuster und Methoden der Bewegung kürzlich in einem Beschluss als antisemitisch. 2018 geriet die Ruhrtriennale in die Schlagzeilen, weil sie die schottische HipHop-Band Young Fathers, die ebenfalls zum BDS-Unterstützerfeld gehört, erst ein-, dann aus- und dann wieder einlud. Der Musikjournalist und Autor Jens Balzer sieht Kulturschaffende in einem Dilemma: "Wer tut, als wäre nichts geschehen und BDS-Unterstützende weiterhin zu seinen Veranstaltungen einlädt, betreibt ebenso das Geschäft der Boykotteure wie all jene, die ihr Vorgehen mit Gegenboykotten beantworten – und sich damit auf jene toxische Spirale einlassen, die BDS nur noch mehr mediale Aufmerksamkeit zuführt", schreibt er in seinem Buch "Pop & Populismus".

Die Veranstalter lehnten ein kurzfristige Stellungnahme gegenüber der BZ aus Zeitgründen ab. Fest steht, dass die andernorts heftig geführte Debatte am Mannheimer Festival bisher vorbeigezogen ist: Kurz vor der Ruhrtriennale 2018 konnten die Young Fathers hier – mit Ausnahme eines Fan-Plakats mit der Aufschrift "BDS is a hate group" – unbehelligt auftreten.