Magic Mushrooms: So wirken halluzinogene Pilze

Michael Saurer

Sie sind in manchen Kreisen eine beliebte Modedroge: psychoaktive Pilze, Magic Mushrooms. Über ihre Wirkung, die teils schweren Nebenwirkungen und die Bezugsmöglichkeiten haben wir mit einem Plizexperten, einem Konsumenten und einem Psychiater gesprochen.



Zuerst sei es nur ein leichtes Kribbeln im Magen, fast unmerklich, sagt Hakim. "Doch nach einer halben Stunde geht’s los. Der Körper beginnt zu frösteln und plötzlich hat man das Gefühl, die Tapete versinkt in der Wand." Die Muster fangen an sich zu bewegen, zerfließen ineinander. Farben durchdringen den Raum, Vogelgezwitscher scheint auf einmal die Macht eines Symphonieorchesters zu entfalten, sämtliches Gefühl für Raum und Zeit scheint aufgelöst.


Erst nach rund drei bis vier Stunden komme das Gefühl für die Realität wieder zurück, der Pilztrip ist zu Ende. Hakim (Name geändert) schildert eindrücklich seine Erlebnisse. Alle paar Wochen konsumiert der 28-Jährige aus einer Gemeinde in der Nähe von Freiburg halluzinogene Pilze, sogenannte Magic Mushrooms. Diese führen in der Drogenszene eher ein Nischendasein, sorgen aber immer wieder für Schlagzeilen. Erst im Juni dieses Jahres hat sich der bekannte deutsche Poker-Profi Johannes Strassmann im Pilze-Rausch in Slowenien in einen Fluss gestürzt und ist ertrunken.

Das Gehirn wird regelrecht überflutet

Experten warnen ausdrücklich vor dem Konsum derartiger Biodrogen. Das Psilocybin, der Wirkstoff der bekanntesten psychoaktiven Pilze, beeinträchtigt die Rezeptoren im Gehirn, sagt Professor Ludger Tebartz van Elst, leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Freiburg. Rezeptoren sind spezialisierte Zellen, die für Sinnewahrnehmungen zuständig sind. Alle Informationen, die von außen auf uns hereinströmen, werden von ihnen verarbeitet, gefiltert und einsortiert. Fallen sie aus, wie es beim Konsum von Magic Mushrooms zum Teil geschieht, wird das Gehirn von der einströmenden Informationsmenge regelrecht überflutet – und kann sie nicht ausreichend verarbeiten.

Das Zeitgefühl geht verloren, langsam entgleitet der Sinn für die Realität. Halluzinationen stellen sich ebenso ein wie Synästhesien, Vermischungen verschiedener Sinneseindrücke. Plötzlich hat die Farbe Blau einen Geruch, ein Geräusch strahlt Wärme aus. Pilzexperte Georg Müller fasste einen Selbstversuch in einem einschlägigen Forum anschaulich zusammen: "Ich kam mir vor, als wäre ein Tornado durch mein Hirn gebraust."

Die Folgen sind nicht abschätzbar

Was sich lustig anhört, kann ernsthafte Konsequenzen haben. Durch den fehlenden Bezug zur Realität stellen manche Konsumenten ihr gesamtes Leben infrage, die Selbstmordneigung nimmt massiv zu. Hinzu kommt die Gefahr ernsthafter Psychosen bis hin zur Schizophrenie. Besonders Menschen mit psychischer Vorbelastung sind hier gefährdet. "Da geht man ein hohes Risiko ein", sagt Tebartz van Elst. Körperlich abhängig mache der Pilzkonsum zwar nicht, die direkten Folgen seien aber nicht abschätzbar.

Hinzu komme, so der Psychiater, dass viele Pilzkonsumenten bereits über umfangreiche Erfahrungen mit anderen Drogen verfügen. Magic Mushrooms seien in den seltensten Fällen die Einstiegsdroge. "Gerade diese Mischung macht das Ganze so gefährlich", sagt Tebartz van Elst. Auch in der Uniklinik gebe es hin und wieder Patienten, die auf einem Pilztrip hängengeblieben sind. Auch Hakim sind andere Drogen nicht fremd. Er raucht täglich Haschisch, auch mit anderen Rauschgiften hat er Erfahrung. Doch psilocybin-haltige Pilze seien auch für ihn ein besonderes Erlebnis.



Tatsächlich hat sich um die Pilze herum eine rege Fangemeinschaft gebildet – und nicht nur von einschlägigen Szenegängern. "Für mich hat der Pilz etwas Heiliges", sagt der Freiburger Biologe und Pilzexperte Helgo Bran über den Spitzkegeligen Kahlkopf (Psilocybe semilanceata, Bild 2), den hierzulande häufigsten Vertreter psilocybinhaltiger Pilze.

Man muss wissen, wo man suchen muss

Im Spätherbst geht Bran gerne mit Bekannten auf die Suche. Selten sei der Pilz nicht, sagt der Pilzforscher. Man müsse aber wissen, wo man suchen muss. Gerade bei Jugendlichen sei oft eine gewisse Naivität und Unkenntnis zu spüren. "Die laufen über die Wiese, sammeln dort irgendwas und denken dann, das seien Psilos", sagt Bran. In den meisten Fällen bleibe die erwünschte Wirkung danach aus, weil es sich schlicht um harmlose Düngerlinge oder Helmlinge handelt. "Die sind immerhin in der Regel nicht giftig", sagt Bran.

Das Sammeln gehört für Bran dazu. Bei Pilzen, die per Post aus Holland – wo psilocybinhaltige Pilze legal sind – unerlaubt nach Deutschland verschickt werden, würde ein wichtiger Teil des Gesamterlebnisses fehlen, sagt der Pilzexperte.

Pilze sind für die Polizei kein drängendes Problem

Legal ist das Sammeln aber nicht – jedenfalls wenn es mit dem Ziel erfolgt, den Pilz zu konsumieren. Denn der Wirkstoff Psilocybin fällt unter das Betäubungsmittelgesetz, wie Laura Riske von der Freiburger Polizei ausdrücklich betont. Der Besitz sei strafbar und könnte mit saftigen Geld-, bis hin zu Haftstrafen geahndet werden.

Ein drängendes Problem seien halluzinogene Pilze aber nicht, sagt die Polizeisprecherin. Im Vergleich zu anderen Drogen wie Haschisch oder Ecstasy sei die in den vergangenen Jahren sichergestellte Menge sehr gering. Dennoch sei die Polizei wachsam und würde derartige Drogen genauso ernsthaft verfolgen wie andere auch.

Hakim lässt sich davon nicht zurückschrecken. Die Pilze würden ihn entspannen und glücklich machen. Tatsächlich experimentieren einige Forschungseinrichtungen mit Psilocybin als Antidepressivum. In geringen Dosen und mit fachkundiger Begleitung könnte der Stoff betroffenen Patienten nachhaltig Linderung verschaffen. Hakim wundert das nicht. Die Pilze hätten seine Wahrnehmung verändert und ihn entspannter gemacht: "Ich nehme die Natur jetzt viel bewusster wahr als früher."

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