Lokführerstreik am Freiburger Hauptbahnhof

Aljoscha Harmsen

Bis einschließlich Dienstag wird es keine weiteren Streiks geben. "Das nächste Ultimatum für ein neues Angebot des Arbeitgebers ist kommenden Dienstag, 13 Uhr", sagt Thomas Gelling von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Heute früh hat die GDL gestreikt - ein bisschen. Betroffen war aufgrund einer einstweiligen Verfügung nur der Nah- und Regionalverkehr. Ein Report vom Freiburger Hauptbahnhof.



"14 Stunden arbeiten, dabei zwei Mal eine Viertelstunde Pause und danach nur neun Stunden Zeit zur Erholung: das ist brutal, das hält auf Dauer keiner durch", sagt einer der streikenden Lokführer. "Dabei haben wir Verantwortung für bis zu 1000 Fahrgäste." Sie fordern einen eigenständigen Tarifvertrag für das Fahrpersonal und bessere Arbeitsbedingungen.


"Es kann nicht sein, dass Kollegen mit zwei Kindern einschließlich Zulagen nur 1600 Euro Netto verdienen und dafür auf geregelte Arbeitszeiten und Privatleben verzichten",  sagt ein Kollege, der seit 26 Jahren als Lokführer arbeitet. 



Für die Bahnkunden gibt es heute am Streiktag kaum Einschränkungen. "Einige Züge, die von dem Streik betroffen wären, wurden von Vornherein aus dem Netz genommen", erklärt ein Kundenbetreuer der Bahn.
So wurde zwischen Titisee und Seebrugg Schienenersatzverkehr eingerichtet. Die Züge von Basel nach Offenburg fahren nur im Stunden- statt im Halbstundentakt. Da sind Pendler Schlimmeres gewohnt.

"Die Bahn hat schon im Vorfeld einen Notfallplan aufgestellt", erklärt  Bahnhofmanager Hans-Jürgen Vogt (Bild oben). "Der ein oder andere kommt vielleicht eine halbe Stunde später, aber für Freiburg gibt es so gut wie keine Beeinträchtigungen. Insgesamt ist Südwestdeutschland kaum von den Streiks betroffen."



"Das ist kein richtiger Streik", sagt Michel. "Die sollen die Franzosen fragen, wie das geht. Entweder alles bestreiken oder gar nichts." Michel wartet seit zwanzig Minuten auf die nächste Verbindung nach Seebrugg.

"Ich finde, es ist eine Unverschämtheit, dass den Lokführern verboten wurde, komplett zu streiken", sagt Markus. "Wenn man den Ärzten erlaubt zu streiken, wie kann man es dann den Lokführern verbieten?"

"Was wir heute machen, ist Flickwerk", sagt einer der Lokführer, "aber wir müssen ein Exempel statuieren." Dabei geht es den Streikenden nicht nur ums Geld. "Ich möchte wie ein normaler Mensch eine Dreiviertelstunde Pause am Stück, so dass ich auch mal im Sitzen essen kann."



Während die Lokführer Zettel an Passanten verteilen, tritt ein freundlich lächelnder Herr in schwarzem Nadelstreifenanzug und roter Bahnkrawatte zu ihnen. Nach einem kurzen Gespräch müssen die Streikenden den Bahnhof verlassen. Eine Stellungnahme bekommen wir nicht.

"Die Bahn hat von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht und uns als Streikende des Gebäudes verwiesen", sagt einer der Lokführer. Nachdem einer von ihnen mit einem Juristen telefoniert hat, der bestätigt, dass die Bahn das Recht hat, Streikende des Geländes zu verweisen, fügen sie sich der Aufforderung.

"Er kann ja nichts dafür. Die Anweisungen kommen direkt aus Berlin", nimmt einer der Lokführer den Vertreter des Bahnhofmanagements in Schutz.



Die Gewerkschafter telefonieren viel, während sie vor den Haupteingang geschickt werden. "In München und Frankfurt stehen sie auch vor der Tür", ruft einer von ihnen.

"Ich finde es schon traurig, wie mit uns umgegangen wird. Immerhin sind es die eigenen Angestellten, die hier vor die Tür geschickt werden."



Hinter den Eingangstüren steht Bahnhofmanager Vogt mit dem Handy am Ohr. Sein Blick richtet sich auf die Tür. Um 11 Uhr ist der Streik vorbei. Um 13.30 Uhr beginnt für manchen wieder der Dienst.

"Die Bahn richtet in meinen Augen mit ihrem Notfallplan mehr Unruhe an, als nötig", sagt eine Zugbegleiterin, die ebenfalls streikt.
"Die gute Kollegialität untereinander reißt vieles wieder raus, was seit einigen Jahren im Argen liegt. Aber wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, weiß ich nicht, wohin das noch führen soll."