Lohnt sich ein Freiwilligendienst? Drei Freiburger FSJler erzählen

Theresa Ogando

Sich nach der Schule sozial im Freiwilligendienst engagieren? fudder hat drei Freiburgerinnen und Freiburger getroffen, die von ihren Erfahrungen aus dem ersten halben Jahr bei Maltesern, Caritas und AWO erzählen.

Pavel Ivanov, 19, ist Rettungshelfer bei den Maltesern

"Bei der Kaffeemaschine finden alle zusammen", sagt der 19-jährige Pavel Ivanov und zeigt auf den Aufenthaltsraum der Rettungswache der Malteser. Dort sitzen ein paar Sanitäter in rot-blauen Uniformen, die entspannen oder auf den nächsten Einsatz warten. Pavel Ivanov macht seit August 2017 ein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Maltesern in Freiburg. Die Abwechslung gefällt dem FSJler: "Das ist völlig anders als eine klassische Büroarbeit. Wenn ich morgens umgezogen in den Wachraum komme, dann weiß ich nicht, was kommt."

"Meistens fahre ich dann doch Oma Erla zum Zahnarzt, aber es kann auch immer sein, dass wir als Ersthelfer zur Stelle sein müssen", sagt Pavel Ivanov. Als Rettungshelfer in einem Krankentransportwagen ist man für Verlegungsfahrten zwischen Krankenhäusern und für Hausarztfahrten zuständig. Wenn jemand die 112 ruft und es kein akuter Fall ist oder ein Krankentransporter näher am Unfallort ist als die größeren Rettungswagen, dann kommen die kleinen Wagen als Erste zu Hilfe.
"Fast täglich höre ich Geschichten, die mich berühren." Pavel Ivanov
Einen Notfall hat Pavel Ivanov schon miterlebt: "Wir sollten als Ersthelfer zu einem Obdachlosen, der bewusstlos aufgefunden wurde. Ich habe ihn reanimiert, bis Rettungswagen und Notarzt eintrafen", sagt er. Der FSJler kann viel Verantwortung übernehmen, aber er fühlt sich nicht überfordert, denn er immer mit einem ausgebildeten Rettungssanitäter im Wagen.

In der Garage zeigt Pavel Ivanov einen Krankentransportwagen. Der FSJler ist 1,96 m groß und steht gebückt darin. Fachmännisch zeigt er den Defibrillator, die Sauerstoffversorgung und den Notfallrucksack. "Die Leute, die wir transportieren sind krank, Fall x kann immer eintreten, darauf müssen wir vorbereitet sein", sagt er.

Stolz erzählt der 19-Jährige, wie er eine problematische Situation gelöst hat: "Wir haben eine schizophrene Frau transportiert, die laut geschrien hat. Normalerweise rufen wir in dem Fall die Polizei oder den Notarzt. Ich wollte es erst anders versuchen und ihr den Teddy, den wir eigentlich für Kinder im Auto haben, gegeben und mit ihr gesprochen - daraufhin hat sie sich beruhigt." Offenheit, Flexibilität und ein bisschen Mut - das sind Eigenschaften, die man für den Krankentransport braucht. "Fast täglich höre ich Geschichten, die mich berühren", sagt der 19-Jährigen. Nach seinem FSJ möchte er die Ausbildung zum Notfallsanitäter machen.
Die Malteser in Freiburg bieten FSJ-Plätze in den Bereichen Krankentransport, Erste Hilfe-Ausbildung und Schulsanitätsdienst an. Bewerben kann man sich jederzeit. Das FSJ dauert zwölf Monate mit der Option zur Verlängerung auf 18 Monate. Voraussetzung ist der Führerschein und mindestens ein halbes Jahr Fahrpraxis beim FSJ-Start. Bezahlt wird ein monatliches Taschengeld von 400 Euro.


Niels Etspüler, 24, macht ein FSJ auf der Orthopädie-Station im Lorettokrankenhaus

Niels Etspüler hat einen geregelten Zeitplan: Wenn er morgens kommt, geht er von Zimmer zu Zimmer und misst Blutdruck, Puls und Temperatur der Patienten, danach richtet er alles fürs Frühstück und verteilt es. Vormittags wäscht er die Beine der Patienten, verteilt Eisbeutel und zieht ihnen Thrombose-Strümpfe an.

"Es ist immer irgendwas", sagt Niels. Wenn an einem Tag viele Operationen stattfinden, hat Niels Etspüler Probleme damit, die To-Do-Liste abzuarbeiten. Am Freitag ist der FSJler als Bundessprecher der Caritas Südbaden im Bundestag und möchte unter anderem darüber sprechen, dass mehr Geld in soziale Bereiche fließen soll, damit zum Beispiel mehr Personal in Kliniken eingestellt wird.

"Ohne FSJler hätten Kliniken ein riesiges Problem, das sollte geschätzt werden."
"Das würde FSJler entlasten. Manche klagen über zu viele Überstunden und zu viel Verantwortung", meint Niels Etspüler. Ein Thema liegt im besonders am Herzen: Das Image der FSJler zu verbessern. Viele haben den Eindruck, dass FSJler unentschlossen sind und einfach nichts anderes bekommen haben. "Ohne FSJler hätten Kliniken ein riesiges Problem, das sollte geschätzt werden. Die Politik könnte das mit Werbekampagnen für den Freiwilligendienst unterstützen", sagt der 24-Jährige. Allein auf seiner Station sind fünf FSJler beschäftigt.
Niels Etspüler möchte Medizin studieren. Am FSJ gefällt ihm besonders, dass er Berufserfahrung sammeln kann. "Man hat sonst nie die Möglichkeit so einfach in ein Berufsfeld schnuppern und sich zu orientieren", sagt der 24-Jährige.

Ein Aufgabenbereich von Niels Etspüler ist es, die Patienten zu waschen, für viele ist das abschreckend. "Am Anfang ist es natürlich komisch, aber man gewöhnt sich daran", sagt Niels Etspüler lachend. Vor allem beim Bein waschen kommt der FSJler mit den Patienten ins Gespräch. Diese persönliche Ebene ist ihm wichtig und man lernt viel: "Man geht anders an Dinge ran und ist hilfsbedürftigen Menschen aufmerksamer gegenüber", sagt der 24-Jährige. Ein anderer positiver Aspekt des FSJs ist auch, dass neun Monate Freiwilligendienst den Abischnitt um 0,1 verbessern.
Der klassische Freiwilligendienst bei der Caritas dauert elf bis zwölf Monate, Beginn ist jeweils im September oder Oktober. Die Freiwilligen erhalten ein monatliches Taschengeld von 325 Euro plus 40 Euro verpflegungszuschuss.


Kara Schonert, 18, macht ein FSJ in der Inklusionsklasse der Loretto-Grundschule

Nach der zweiten großen Pause heißt es für die Kinder der 3B der Loretto-Grundschule: Kunst-Unterricht. Gemalt werden soll ein winterlicher See. In der Eulenklasse befinden sich drei Erwachsene: Eine Lehrerin, eine Sonderpädagogin und die FSJlerin Kara Schonert. Sechs der 20 Schülerinnen und Schüler haben eine Behinderung. Kara Schonert sitzt neben einem Jungen mit Trisomie 21 und unterstützt ihn. "Mathe und Deutsch haben die Inklusionskinder gesondert, bei den anderen Fächern wie Kunst und Musik lernen alle Kinder zusammen und ich arbeite begleitend", sagt die FSJlerin.

Der Drittklässler malt mit dem braunen Stift in den See. Ruhig fragt ihn Kara Schonert, wo Bäume wachsen. Mehrere Male benutzt der Junge die braune Farbe für den See, dann führt sie seine Hand beim Malen, sodass der Baum am Ufer steht. "Ich habe gelernt, geduldiger zu sein", sagt die 18-Jährige. Als der Junge weint, beruhigt Kara Schonert ihn. "Die Inklusionskinder sind emotionaler, manchmal fahren sie sich fest, dann ist es schwierig, sie aus der Stimmung rauszubekommen."

Am Ende der Stunde müssen alle Kinder aufräumen, der Junge, den Kara Schonert betreut, weigert sich und legt sich auf das Sofa. Die FSJlerin redet auf ihn ein, er schreit, aber am Ende hat sie es geschafft und er räumt seinen Platz auf. "Gerade am Anfang meines FSJs wusste ich in dem Fall nicht mehr weiter, dann habe ich die Sonderpädagogin zu Hilfe geholt", sagt Kara Schonert.

Sie erzählt auch von schönen Momenten: Von lachenden Gesichtern beim Tischtennis und dem ersten Bild, das sie geschenkt bekommen hat. "Es war ein Bild einer Drachenmaus", sagt Kara. Nach dem Unterricht betreut die FSJlerin zwei Mädchen in der Mittagsbetreuung. Zum Abschied umarmen und küssen sich vier Kinder in einem Kreis und helfen sich gegenseitig beim Anziehen. "Ich denke, die Regelkinder profitieren sehr von der Inklusionsklasse, für sie ist es normal, anderen Kindern zu helfen und alle als gleichwertig anzusehen", sagt die 18-Jährige.

Auch Kara Schonert hat schon viel gelernt: Mit Inklusionskindern umzugehen, Geduld zu haben und selbständig zu arbeiten. "In den ersten drei Monaten des FSJs habe ich meistens nach der Arbeit einen Mittagsschlaf gemacht - die Arbeit mit den Kindern kostet viel Energie. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt", sagt die 18-Jährige. Nach dem FSJ möchte sie weiter mit Menschen arbeiten, vielleicht im naturwissenschaftlichen Bereich.
Ein FSJ bei der AWO dauert in der Regel 12 Monate, mindestens jedoch 6 Monate. Einsatzstellen sind beispielsweise Kindertagesstätten, Seniorenzentren oder Jugendhäuser. Die Freiwilligen erhalten ein monatliches Taschengeld zwischen 320 und 480 Euro. Darüber hinaus erhalten die Freiwilligen zum Teil Verpflegung bzw. Geldersatzleistungen von den Einsatzstellen.