Literatur auf dem Handy: "Handyromane sind ein Versuchslabor"

Anne-Julie Maurer

In Japan sind sie ein riesiger Trend, in Deutschland dagegen noch fast unbekannt: Handyromane, kurze Geschichten mit temporeichen Plots, die speziell für das Lesen auf dem Handydisplay geschrieben werden. Anne-Julie hat mit Oliver Bendel, dem Autor des Handyromans "Lucy Luder und der Mord im StudiVZ", gesprochen.

 

Handyromane sind in Deutschland kaum bekannt - wie sind Sie dazu gekommen, selbst einen zu schreiben?

Ich habe vor einiger Zeit über den Hype der Handyromane in Japan gelesen. Die Autoren sind talentierte Außenseiter und junge Mädchen. Sie machen gegenwärtige, harte, schnelle Literatur. Letztes Jahr habe ich mit „Lucy Luder und der Mord im StudiVZ“ eine Detektivromanreihe begonnen. Diese hat einen temporeichen Plot, eine einfache, prägnante Sprache, kurze Sätze, knappe Dialoge. Als ich von den Handyromanen gehört habe, war mir sofort klar, dass Lucy aufs Handy muss. Das Handy ist ihre natürliche Umgebung.

In Japan sind es vor allem jüngere Autoren um die 20, die Handyromane schreiben. Sie haben die 20 schon überschritten, sich aber mit einer 20-jährigen Protagonistin und dem StudiVZ Themen ausgesucht, die auch eher ein jüngeres Publikum ansprechen.

Meine Heldin Lucy Luder ist 20. Ich bin 40. Als Dozent an Hochschulen habe ich viel mit der Welt von 20- bis 30-jährigen zu tun. Ich finde diese Welt sehr interessant. Da ich mich intensiv mit digitalen Medien beschäftige und diese für junge Menschen die Selbstverständlichkeit darstellen, die sie für mich geworden sind, gibt es weitere Berührungspunkte. Überhaupt hat das Alter im Leben und in der Literatur eine immer geringere Bedeutung. Ich bin mit 20-jährigen genauso befreundet wie mit 60-jährigen. Und All-Age-Literatur spielt eine immer größere Rolle.

Gibt es ein neues literarisches Genre "Handyblog"? Wenn ja: was fasziniert sie daran?

Die technischen Beschränkungen – etwa die Größe des Displays – können bestimmte literarische Formen entstehen lassen. So sind kurze, einfache Sätze typisch. Dialoge werden tendenziell vermieden oder bestehen wiederum aus knappen Sätzen. Die Plots sind meistens temporeich und schräg. Handyromane sind also nicht einfach eine weitere Form von E-Books, sondern tatsächlich ein eigenes Genre. Ich spreche auch gerne von „Underground Mainstream“.

Möglich wird dies unter anderem durch niedrige Investitionskosten der Anbieter. Sie können es sich erlauben, auf einen Schlag mehrere Bücher eines begabten Autors aufzunehmen, und auch solche Bücher, die sich scheinbar nicht an einen Massengeschmack richten. Dadurch sind Handyromane ein wichtiges Versuchslabor. Sie werden weder plötzlich das Niveau der Literatur heben noch ihren rasanten Niedergang verursachen. Aber sie werden zu einer schnellen, verrückten, abseitigen, harten, brutalen, erotischen, verspielten, verträumten, exotischen, experimentellen, gegenwärtigen, anspielungsreichen Literatur beitragen.



Worin liegt der Unterschied zu herkömmlichen Romanen, die Sie ja auch schreiben?

Meine Romane „Nachrückende Generationen“ und „Künstliche Kreaturen“, erschienen beim Leipziger Verlag Erata, sind klassische Romane, und sie sind hart, gegenwärtig, voller Anspielungen und Fallstricke. Ich mache keine Kuschelliteratur. Ich mache Kunst. Im Moment will ich die Idee der Handyromane ausreizen, die ebenfalls sehr gegenwärtig sind. Und demnächst schreibe ich zum Beispiel einen Entwicklungsroman. Alles hängt irgendwie zusammen. Die typisch deutschen Unterscheidungen zwischen E und U, richtig und falsch, normal und radikal, taugen nicht mehr.

Wie lang ist ein Handyroman ungefähr? Wie lange braucht man, um ihn zu lesen?

„Lucy Luder und der Mord im StudiVZ“ hätte als normales Buch circa 100 Seiten. Als Handyroman sind es 300 bis 600 Seiten, je nachdem, welche Schriftgröße man einstellt hat, und je nachdem, wie groß das Display ist. Manche brauchen zwei Stunden dafür, manche zwei Tage.



Wie viel Erfolg hatte ihr Handyroman?

Den ersten Band mit Lucy Luder habe ich einige Monate lang als kostenloses .pdf im Web bereitgestellt. Im Web gab es tausende Downloads. Einige haben mich angeschrieben und nach Nachschub verlangt. Das hat mich sehr gefreut. Der Premium-SMS-Dienst bei cosmoblonde wurde bisher allerdings kaum bemüht. Aber das Interesse nimmt gerade enorm zu.

Werden Sie in Ihren weiteren Handybüchern auch einmal Bilder einsetzen? Oder wird es immer nur beim Text bleiben?

Zunächst einmal bin ich Schriftsteller. Mein Material ist die Sprache. Allerdings kennen bereits die Lucy-Luder-Romane verschiedene Textsorten. So spielen Links und Wikipedia-Zitate eine wichtige Rolle. Meine neue Serie um die virtuelle Heldin Handygirl, die nächstes Jahr herauskommen soll, arbeitet mit Emoticons und ASCII-Art. Und tatsächlich kann ich mir auch vorstellen, Bilder, Videos und Avatare zu integrieren. Dazu muss ich aber erst die richtigen Partner finden.

Und nicht alles, was möglich ist, erscheint sinnvoll. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Datenmenge. Mein erster Lucy-Luder-Roman hat nur etwa 100 KB. Das ist gut für den Download und den Speicherplatz.



Ihre Hauptdarstellerin heißt Lucy Luder - finden Sie den Namen nicht etwas sexistisch?

Der Name ist ein ironischer Pornoname. Er sorgt zunächst einmal für Aufmerksamkeit über den Roman hinaus. Er bleibt hängen, förmlich kleben. Er hat aber auch wesentliche Funktionen für die Geschichte selbst. Lucy liebt ihren Nachnamen, und sie hasst ihn. Sie hasst ihn, weil sie ihn von ihrem Vater gewissermaßen aufgezwungen bekommen hat, wie ihre Mutter. Und sie liebt ihn, weil es ihr Name ist.

Lucy regt sich an einer Stelle des ersten Bands darüber auf, dass die meisten Frauen bei der Heirat ihren Nachnamen aufgeben. Sie würde ihn nie aufgeben. Das ist eine der vielen feministischen Diskussionen in dem Roman. Lucy Luder ist Feministin. Und das ist gut so.

Sprachlich lässt sich auch feststellen, dass recht viele Tabu-Wörter vorkommen und Sex und Drogen immer wieder eine Rolle spielen - finden Sie das angemessen für ein jüngeres Publikum?

Ich habe in meinen Lucy-Luder-Romanen versucht, möglichst harmlos zu schreiben. In meinen anderen Romanen geht es ganz anders zur Sache. So ist Literatur, so ist moderne Literatur. Moderne fiktionale Literatur ist Freiheit. Ich denke nicht nur an Houellebecq, sondern auch an Miller, Bukowski, Djian, Jelinek.

Die Lucy-Luder-Romane richten sich in erster Linie an Studierende. Ich sehe aber auch kein Problem darin, dass sie von Jüngeren gelesen werden. Die Sprache in dem Roman ist nicht drastischer als die Sprache vieler Jugendlicher. Warum sollen Jugendliche nicht ein Wort lesen, das sie selbst täglich gebrauchen? Man darf Wörter ruhig kennen. Man muss sie nur richtig einsetzen.



Die Literatur hat in Deutschland immer auch einen Bildungsauftrag gehabt. Wo sehen Sie diesen bei Ihrem Handyroman erfüllt? Oder sind Handyromane pure Unterhaltung?

Ich kenne diesen Bildungsauftrag nicht. Fiktionale Literatur ist eine Kunstform. Zweck von Kunst ist nicht unbedingt Bildung. Die Kunst, die bilden und erziehen will, misslingt meistens. Aber das Widersprüchliche und Kuriose ist, dass ich gerade bei meinen Handyromanen mit der genannten Regel experimentiere.

Die Lucy-Luder-Romane enthalten ausgewählte Wikipedia-Einträge, die wertvolles Wissen vermitteln. Und es gibt kunsttheoretische Diskussionen, etwa über den Produktionsprozess der Malerei. Mir ist wichtig, dass diese Ansätze den Geschichten selbst entspringen und nichts Künstliches sind. Lucy recherchiert bei ihren Fällen mit Wikipedia. Und sie beginnt sich ernsthaft für die Bildende Kunst und für die Literatur zu interessieren. Sie ist Jurastudentin, aber vielleicht sattelt sie am Ende der Reihe um. Von daher sind die Lucy-Luder-Romane keine pure Unterhaltung. Es sind aber auch keine Lernromane, um junge kluge Menschen noch klüger zu machen. Das wäre ja grässlich.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft mit den Handyromanen?

Zuerst einmal kommt bald der zweite Band der Lucy-Luder-Reihe mit dem Titel „Lucy Luder und die Hand des Professors“ heraus. Lucy macht nach ihrem ersten Fall Ferien in Zürich. Mit Paul, dem smarten Jurastudenten, der sie mehr oder weniger eingeladen hat. Alles verläuft ziemlich normal. Bis Lucy eines Tages in der Mensa bei einem Gespräch zwischen zwei Schweizer Studentinnen mithört. Es geht um eine kleine, haarige Hand, die Hand eines Professors, um den Missbrauch von Macht und um das Übel der Abhängigkeit.

Ich würde weiterhin gerne ungewöhnliche Formen der Literaturproduktion anregen. So möchte ich Talentscouting machen und mit jungen Autorinnen und Autoren zusammenarbeiten. Obwohl ich sehr schnell schreibe, werde ich es alleine nicht schaffen, die erforderlichen 50 bis 100 Bücher zu schreiben, die den Lesehunger auslösen und erst einmal befriedigen könnten. Aber ich habe unzählige Ideen für Serien und Plots und lasse mich auch selbst gerne inspirieren. Schreibwerkstätten, die offen für Malerinnen und Fotografen sind, fände ich cool, Netzwerke von Durchgeknallten. Und zwar auf hohem Niveau. Wer glaubt, professionell schreiben zu können und außergewöhnliche Literatur mag, kann sich gerne bei mir melden. Ich kann nichts versprechen, aber vielleicht kommt ja etwas Neuartiges zustande.

Mehr dazu:

Lucy Luders ersten Fall kann man bei Cosmoblonde über einen Premium-SMS-Dienst für 2,99 Euro herunterladen (je nach Provider können noch Gebühren für den Datentransfer anfallen).

Zur Person

Oliver Bendel wurde 1968 in Ulm geboren und studierte Philosophie, Germanistik und Informationswissenschaft. Heute arbeitet er in Deutschland und der Schweiz als Projektleiter an Hochschulen und ist Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen.

Sein erster Handyroman „Lucy Luder und der Mord im StudiVZ“erschien dieses Jahr beim Verlag Cosmoblonde, der zweite Teil der Serie, „Lucy Luder und die Hand des Professors“, und ein neuer Handyroman namens „lonelyboy18“ sollen Ende diesen Jahres bei Blackbetty erscheinen.