Literarisches Werkstattgespräch: Aussprechen und einstecken

Jonas Nonnenmann

Wie macht man das - einem fremden Publikum seine Geschichte vorzulesen und die anschließend dreinhagelnde Textkritik nicht persönlich zu nehmen? Anne Mayer, 25, hat am Donnerstag beim "Literarischen Werkstattgespräch" im Alten Wiehrebahnhof ihren Text zur Diskussion gestellt. Wie cool sie danach geblieben ist, haben wir mal beobachtet.



Vergangenen Donnerstag im Alten Wiehrebahnhof, abends gegen 21 Uhr: über Annes Text sind sich die Hobbykritiker so einig wie FDP und Linkspartei, wenn es um Steuererleichterungen für Reiche geht. Der Streitpunkt: Harold, Protagonist und Namensgeber des Textes, den die Freiburgerin gerade vorgelesen hat. Beim Literarischen Werkstattgespräch stellt sich Anne zum ersten Mal dem Urteil der Gäste – Literaturfans, von denen die Mehrheit selbst schreibt.


Beim Vorlesen wirkt die 25-jährige Psychologiestudentin ruhig und konzentriert, doch ab und zu zittern ihre Lippen ein wenig. Obwohl Anne schreibt seit sie 15 ist und schon öfter öffentlich vorgelesen hat, merkt man ihr doch ein wenig das Lampenfieber an. „Es waren viel mehr Leute da als ich erwartet habe“, sagt sie später.

Nach dem Vorlesen sagt erst einmal keiner was. Einige der Zuhörer sind noch mit dem Lesen des ausgeteilten Manuskripts beschäftigt, andere nippen still an ihrem Weinglas. Blätterrascheln.



Moderator Eberhard Bittcher meldet sich als Erster zur Wort. Er finde den Ansatz des Textes sehr gut, lobt er Anne, und auch ihre Sprache habe ihm gut gefallen. Dem widerspricht ein älterer Zuhörer. Der meint, dass der Humor zu sehr kommentiere. Dem Leser bleibe zu wenig zu rätseln, der Text sei zu oberflächlich. Ein weiterer Gast kritisiert ähnlich, nennt den Text glatt und effektheischend.

Allmählich macht sich dicke Luft im Raum breit. Eine Zuhörerin sagt, dass der Text nicht in angemessener Art und Weise bewertet werde: „Das kommt mir so vor wie die Geschichte, in der Mozart vorgespielt hat und seine Kritiker meinten, das seien zu viele Noten.“

Bei diesem Vergleich muss Anne lachen. Die junge Schriftstellerin ergreift Partei für ihre Kritiker und meint, sie nehme deren Bemerkungen nicht persönlich. Die Reaktion einiger Zuhörerinnen interpretiert sie, ganz Psychologiestudentin, als „eine Art mütterlichen Schutz.“ Sie meint das nicht mal sarkastisch. Hinterher sagt sie: „Ich fand es vollkommen unnötig, dass die sich so zerfleischt haben. Schließlich komme ich hierher, um ehrliche Meinungen zu hören.“

Aber ist jeder Text nicht immer auch eine persönliche Sache? Geht es überhaupt, Textkritik nicht als Angriff auf die eigene Person zu verstehen? Inzwischen schon, meint sie. Früher sei das anders gewesen: „Wenn mir jemand gesagt hat, dass ihm meine Texte nicht gefallen, dann hat das schon weh getan. Aber ich habe gleichzeitig immer auch einen Impuls bekommen, mich zu verbessern und zu verändern.“



Außerdem glaubt Anne, mit ihrem Schreibstil sowieso nur eine bestimmte Zielgruppe erreichen zu können. „Ich schreibe eher rotzig, manchen gefällt das nicht“, meint sie.  „Früher wollte ich schön schreiben, hochliterarisch wie Thomas Mann. Aber so etwas kommt einfach nicht aus mir raus, das hört sich dann lächerlich an.“ Obwohl sie es „total interessant“ fand, andere Meinungen zu hören, will sie ihren Schreibstil erstmal nicht ändern.

Anne wird auf ihre Art weitermachen, vielleicht auch bald in Zusammenarbeit mit anderen jungen Autoren. Während der Veranstaltung hat sie schon zwei Jungs kennengelernt, mit denen sie in Zukunft ab und zu über Texte reden möchte.
Vielleicht kommt sie damit ja ihrem Ziel einen Schritt näher, einmal bei einem Verlag zu veröffentlichen.

Mehr dazu:

Web: Literaturbüro Freiburg
Was: Literarisches Werkstattgespräch
Wann: Donnerstag, 26. Februar, 20 Uhr
Wo: Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Urachstr. 40
Eintritt: frei

fudder.de: Felicitas Hoppe in der Textwerkstatt im Wiehrebahnhof