Line Dance und Square Dance: Die Countrykids

Bianca Fritz

Sie tragen Cowboyhut und tanzen Line Dance. Wer jung ist und auf Countrymusik steht, braucht eine ganze Menge Mut zum Anderssein.



Hacke, Spitze, Sprung und Schnipsen, Schritt, Klatschen, Drehung. Wenn Christian, Christina und Linda tanzen, dröhnen nicht etwa fette Beats und lauter Sprechgesang aus den Boxen, sondern  fröhliches Banjo-Gezupfe, Akustikgitarren und die tiefe Stimme von Johnny Cash. Die drei Teenager sind die jüngsten Mitglieder des Country und Westernclubs Bad Säckingen. Und sind stolz darauf – egal, was die Klassenkameraden sagen.


Dienstagabend kurz vor halb acht. Vor einem Kellereingang in Bad Säckingen sitzt ein junger Cowboy. Den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen, die langen Haare zum Zopf gebunden, die Sonnenbrille dunkel, die spitzen Stiefel lässig ans Geländer gelehnt, wartet er in der Sonne. Nicht auf die nächste Schießerei etwa, sondern auf seine Tanzpartnerinnen.

Der junge Cowboy heißt Christian Baier und ist 15 Jahre alt. Seit einem Jahr kommt er jeden Dienstag zu diesem Keller um Line Dance zu lernen. Der Tanz besteht aus  festgelegten Schrittfolgen, die auf Countrymusik getanzt werden. „Nicht nur der Tanz, auch die Musik gefällt mir. Weil ich die Themen der Texte gut nachvollziehen kann“, versichert er. Sie handelten von Heimat, Familie, Sehnsüchten und Alltagsproblemen. Dass es hierbei zumeist ältere Amerikaner sind, die von ihrem Leben singen, stört Christian nicht im Geringsten. „Heimat ist für jeden dort, wo man sich zu Hause fühlt und die Leute kennt. Das muss doch nicht in den USA sein, für mich ist das hier!“

Dass Christian sich im Country und Western Club Bad Säckingen zu Hause fühlt, sieht man. Den Mann an der Bar begrüßt er mit Handschlag, die Mittänzerinnen mit einem breiten Grinsen, von der Tanzlehrerin lässt er sich sogar drücken. Beim Tanzen singt er auswendig mit. „Man kommt ja nicht nur wegen dem Tanzen hierher, sondern auch wegen der Leute“, sagt auch die 15-jährige Linda Runge. Dass fast alle dieser Leute mindestens 20 Jahre älter sind als sie, stört Linda überhaupt nicht: „Die sind doch lustig! Ich versteh mich super mit allen.“

Die Line-Dance-Lehrerin Rita Schneider weiß, dass nicht viele Jugendliche so offen sind. „Manche kommen als Kinder mit ihren Eltern hierher, im Teenageralter schwenken sie dann aber auf Hip-Hop um, weil sie denken Country sei etwas für alte Leute“, sagt sie. Dass dem nicht so ist, versucht die Lehrerin zum Beispiel in Schul-AGs zu vermitteln. Das Tanzen sei ein guter Einstieg in die Beschäftigung mit der Musik und der gesamten amerikanischen Kultur.

Am Interesse mangelt es nicht. Das zeigt ein Blick auf diverse Dorf-Countryfeste. Diese sind in Südbaden gut besucht – auch von den ortsansässigen Jugendlichen. Schließlich macht Countrymusik gute Laune, es wird viel getanzt und außerdem können Stiefel und Cowboyhut  sehr sexy aussehen. Nicht zuletzt hat sicher Shania Twain mit ihren erfolgreichen Mischung aus Pop und Country dafür gesorgt, dass das Image der Countrymusiker und ihrer Fans aufgepäppelt und verjüngt wurde.

Aber für ein wirklich cooles Image reicht es noch nicht. „Unser Verein ist zu alt“, sagt zum Beispiel Gisela Weggen vom Red River Countryclub in Lörrach. „Kommen, schauen und wieder gehen“, so fasst  auch Michael Strauß von den Breisgau Twirlers Freiburg seinen Kontakt mit dem jungen Publikum zusammen. Zu den Auftritten seiner Square- Dance-Truppe kämen zwar auch Junge, aber im Verein selbst fehle der Nachwuchs. Das jüngste Mitglied ist 26. Ähnliche Klagen hört man beim Square Dance Club Emmendingen. „Die Überwindung sich an einen Verein zu binden wird immer größer – erst recht wenn dort fast nur alte Leute sind“, mutmaßt Strauß.

„Ich mache diesen Tanz  gerade weil es nicht so viele machen“, sagt hingegen die 12-jährige Christina Scholz. Auf die Sprüche der anderen habe sie nie gehört. Linda und Christian nicken eifrig. „Egal,  wie die Klassenkameraden gucken, wenn wir bei Festen tanzen. Wir machen einfach, was uns Spaß macht.“ Sogar mit Cowboystiefeln in die Schule gehen? Christian grinst. „Warum eigentlich nicht? Mit meinen langen Haaren hab ich mich schließlich auch getraut.“



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Square Dance

Square Dance hingegen wird paarweise getanzt. Die Figuren bestehen aus vier bis 32 Schritten. Jeweils vier Paare stehen sich in einem Quadrat gegenüber und führen zur Musik Figurenfolgen aus, die von einem Caller gesprochen oder gesungen werden. Square Dancer tragen Kleidung im 50er-Jahre-Stil; die Frauen  beispielsweise einen schwingenden Petticoat. Line Dance und Square Dance werden hauptsächlich auf Countrymusik getanzt. Aber immer mehr Clubs tanzen die Tänze auch auf Popmusik.

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Line Dance

Beim Line Dance tanzt man meist in Reihen vor- und nebeneinander. Die Schritte wiederholen sich nach einer Folge von 16 bis 72 Schritten. Line Dancer tragen häufig Westernkleidung wie Cowboyhut und Stiefel.[youtube aLBGMzgxFOs nolink]