Life-Tracking: Datensammeln im eigenen Leben

Carolin Buchheim

Nicholas Feltron, 31 Jahre alt, Grafiker aus New York, hat im vergangenen Jahr 573 alkoholische Getränke getrunken, 333817 Songs in iTunes gehört und war vier Tage krank. Er hat elf Kleidungsstücke gekauft, siebenmal seine Wohnung geputzt und 1486 Fotos gemacht. Diese Daten hat er auf seiner Website feltron.com als Feltron Annual Report 2008 veröffentlicht. Es ist der Jahresabschlussbericht der Kleinigkeiten eines einzelnen Lebens, in wunderschön gestalteten Statistiken. Was Nicholas Feltron macht, tun immer mehr Menschen im Netz. Sie dokumentieren ihr Leben. Dieser Trend heißt Life-Tracking.



Für Nicholas Feltron ist  das Datensammeln im eigenen Leben Kunstprojekt und handwerkliche Fingerübung zugleich, sein allerliebstes Hobby. „Ich begann, meine Aktivitäten zu dokumentieren, als ich mich selbstständig gemacht habe und meine Arbeitsstunden für meine Kunden aufschreiben musste, um sie abzurechnen“, sagt  er.


Irgendwann hielt er viel mehr als nur seine Arbeitszeiten fest: Reisen, Konzert- und Museumsbesuche, Begegnungen mit anderen Menschen, Mahlzeiten und die Anzahl der getrunkenen Tassen Kaffee. Banalitäten die – zusammengenommen – ein Leben ergeben.

Aus Datenhäppchen werden Diagramme

Was Nicholas Feltron seit vier Jahren mit wachsendem Erfolg im Netz dokumentiert, ist mittlerweile ein Netztrend geworden: Life-Tracking nennt man das Nachverfolgen von banal anmutenden Lebensdetails.

Während bei   Angeboten wie dem Microblogging-Dienst Twitterund dem Musik-Portallast.fm die Masse der gesammelten Datenhäppchen noch ein angenehmer Nebeneffekt ist, gibt es inzwischen eine Vielzahl neuer Websites, bei denen es ausschließlich darum geht, die Splitter des Lebens zu sammeln und sie in verschiedenartigen Diagrammen visuell ansprechend darzustellen.

Die Datensammelei kennt keine Grenzen. Seine Mahlzeiten kann man auf Fitday eintragen, ihren Nährwert bestimmen und nebenbei vielleicht auch noch abnehmen. Traineo will beim Erreichen von Fitnesszielen helfen, während man auf Yawnlog den eigenen Schlaf dokumentieren und – es sind ja hektische Zeiten – sein Schlafdefizit berechnen kann.



Memiary (Bild oben) bietet als Tagebuch im Kleinformat für jeden Tag fünf Zeilen für Einträge. Das Browser-PlugInMeeTimer verfolgt, auf welchen Websites man seine (Arbeits-)Zeit im  Internet verschwendet. Auf Dopplrkann man  alle Reisen planen, deren CO2-Last ausrechnen und bekommt am Ende des Jahres auch noch einen  persönlichen Reisebericht im praktischen pdf-Format.

Natürlich kann auch die  Häufigkeit, Dauer und Qualität sexueller Aktivitäten im Netz dokumentiert werden. Bedposted (Bild unten) hat dabei Platz für diverse Partner, während es auf Bofferygleich noch ein soziales Netzwerk dazugibt. War die sexuelle Aktivität erfolgreich, können Eltern die Grundfunktionen ihres neuen  Babys – schlafen, essen, verdauen – mit dem TrixieTracker dokumentieren.



Neben diesen spezialisierten Angeboten gibt es auch Dienste, die es den Usern überlassen, welche Daten gesammelt und wie sie dargestellt werden, so wie Mycrocosmund das via Twitter bedienbare Plodt.

Die sowohl technisch als auch visuell beste Life-Tracking-Seite allerdings ist Daytum (Bild unten).  Einer der Mitbegründer: Nicholas Feltron. „Die Leute, die meine Annual Reports lesen, interessieren sich sowohl für die Daten als auch für das Design“, sagt Feltron. „Ich glaube, dass sie ein ähnliches Dokument auch gerne für sich selbst hätten. Das Sammeln und die Darstellung der Daten ist aber kompliziert.  Daytum macht die Sache leichter.“



Fakten gegen das Vergessen

Warum nutzen Menschen diese Dienste?

Zum einen ist es sicher die allgemein menschliche Lust am Sammeln. Und zum anderen natürlich – Memento mori – der Wunsch, dem Voranschreiten der Zeit  Einhalt zu gebieten, der Gegenwart  Ewigkeit zu verleihen.

Nicholas Feltron sieht noch einen weiteren Nutzen.„Diese Online-Tools ermöglichen Nutzern Selbstfindung, ohne mehr als ein paar Minuten Zeit am Tag in Anspruch zu nehmen.“ Er selbst sei zum Beispiel immer wieder schockiert, wenn er  merkt, dass er in jedem Jahr weniger Konzerte besucht.

Für ihn mache jedoch vor allem die Gesamtheit der Daten den Reiz seines Projekts aus. „Es ist eine kunstvolle Darstellung von Banalitäten.“

Mehr dazu:

  • fudder.de: Die Tagebuch-Fachfrau " Tagebücher können unglaublich unterschiedlich sein"