Liebenswerter Tattergreis oder Drogen-Opa? André Williams im Café Atlantik

Torpedo Tom

Was ist von einem Abend zu halten, bei dem die Erwartungen im vornherein schon so durchwachsen sind, dass man nicht weiß, ob man sich nun darauf freuen soll oder lieber das Schlimmste befürchten, um vielleicht doch noch positiv überrascht zu werden? Das Konzert von André Williams und Flash Express im Café Atlantik vergangenen Sonntag war definitiv so ein Fall. Tom war beim letzten Génériq-Festival-Gig in Freiburg und dem wohl letzten Auftritt von André Williams mit dabei.



André Williams ist eine lebende Legende; allerdings eine, mit der ich persönlich gar nicht so gut vertraut bin. Soviel wusste ich vorher: André Williams hat seine ersten Songs Mitte der 50er veröffentlicht, zwei Jahrzehnte dank Heroins auf der Strasse verbracht, um dann in den 90ern wiederaufzuerstehen und mit ein paar sensationellen, richtig dreckigen Garagesoulalben bei der Punkrockszene nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Was allerdings angesichts nach seiner Drogenkarriere noch von ihm übrig sein würde, blieb abzuwarten.


Als ich ankomme, spielt bereits die Vorband Comanechi. Eine geschätzte ein Meter grosse Trommlerin und Sängerin und ein Gitarrist, von dem, wegen seines Indiescheitels bis zum Schlüsselbein, nicht viel zu sehen ist. Ich bin zwar kein Riesenfan von White-Stripes-Verschnitten, aber einen charismatischen Einheizer geben sie allemal ab.

Das Publikum besteht neben ein bisschen Punk- und Indieszene vorwiegend aus Rock'n'Roll Fans, Musikern, Plattensammlern, Veranstaltern und Musikjournalisten. Die Mischung aus Gerüchten und Fanwissen über den heutigen Topact trägt weiter dazu bei, dass meine Erwartungen gemischt bleiben. Mit André Williams sei frühestens in einer Stunde zu rechnen, er sei heute etwas schwach auf den Beinen, habe aber in der Uniklinik jegliche Medikamente verweigert und strikt auf Kokain bestanden, lautet die erste Meldung aus anscheinend gut unterrichteter Quelle.

Als nächstes spielt The Flash Express, die später auch als Backingband für Williams fungieren wird. Bluesrock auf Speed. Auch Hendrix-Gitarrensound ist eigentlich keine heimliche Leidenschaft von mir, aber dieses Trio bläst mich um. Ass tight, wie man in unseren Kreisen sagt, alte Showhasen, der Abend könnte doch noch was werden.

1956 schrieb André "The Bacon Fat", eine äußerst amüsante Parodie auf die damaligen Teenagertänze. Während im Studio die Mikrofone aufgestellt wurden, verfasste er schnell noch den Text auf einer Papierserviette. Da er wusste, dass er stimmlich mit den damaligen Vokalstars, wie ClydeMcPhatter oder Jackie Wilson nicht mithalten konnte, machte er einen knarzigen Sprechgesang über einen schrägen, fast funkigen Rhythmus. Das kleine Chicagoer Label Fortune Records war nicht begeistert von demErgebnis, es sollte jedoch sein erster Hit werden und einer der grösstenfür dieses Label überhaupt.

Sein heiserer Sprechgesang wurde zu seinem Markenzeichen, anzügliche Texte auch. Von manchen Musikjournalisten wird er als der "The Father of Rap" angesehen. Er hat noch circa 230 weitere Songs geschrieben, teils für sich, meistens für andere. Nach seiner Zeit bei Fortune folgten 4 Jahre bei Motown und weitere bei Chess Records. Damals waren Songwriter bei den Labels angestellt, wer diese Songs dann sang entschied oft der Labelboss, der auch die Rechte an den Songs behielt.

The Flash Express beenden ein kurzes, furioses Set und dann, nach einer längeren Pause, steht er tatsächlich auf der Bühne. Aufrecht, den Rücken durchgestreckt, mit quietschroten Hosen und einer blauen Uniformjacke, 71 Jahre Rhythm und viel Blues.

André Williams: "It's good to be here, 'though I don't know who you are and where I come from or where I am now."
Gitarrist zu André: "Hey André, we're in Germany now, this is Germany."
André: "Ah yeah, that's why you look somehow different, motherfuckers", er grinst charmant. Oder debil?

Schwer zu sagen, wen oder was man da vor sich hat: Einen liebenswerten Tattergreis, einen vollgepumpten Drogenopa? Ich höre, er hat vor dem Konzert schon zwei Flaschen Bacardi intus. Während des Konzerts dann der Gitarrist über's Mikro in Richtung Bar: "We need some more fuel to keep our motor running, if you know what I mean. Make it a double-shot, please". Zwinker-zwinker.



Sobald er gerade nicht mit Singen dran ist, ruht André Williams sich auf einem Gitarrenverstärker aus. Wenn er wieder dran ist, kann es eine Weile dauern, bis er es merkt. Die Band kennt das schon und geht entsprechend routiniert damit um. Der nächste Songtitel wird ihm vom Gitarristen ins Ohr geflüstert. Die Band spielt laut. Wenn es zu laut wird, schafft sein Gesang es nicht mehr die Band zu übertönen. Oder macht er nur Mundbewegungen? Überhaupt ist nicht zu übersehen, dass die Hauptaufgabe sowohl der Band als auch der barocken Burlesque-Tänzerin die ist, dass Vakuum, dass anstelle des Topacts besteht, zu füllen.

Und doch ist noch ein Funken seiner Ausstrahlung übrig geblieben und dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war, wenn man seine Meinung nicht teilte, kann man sich gut vorstellen. Für Berry Gordy, der sein Motown Label mit straffer Hand führte, waren die vier Jahre mit ihm bestimmt kein Zuckerschlecken. Sobald er rausgeflogen war, schrieb er für ein anderes Label einen Hit und wurde wieder eingestellt. Es wäre unfair, eine solche Legende zur reinen Junkiesensation zu reduzieren und es macht irgendwie auch keinen Spass die Handykamera (wie fast alle im Publikum) auf ihn zu halten. Er ist doch kein Zootier.

Einmal abdrücken und ein bisschen "Bad Motherfucker" auf dem Handy in die warme Studentenbude mitnehmen. Vor Demut im Staub versinken, will man angesichts dieser fahrigen Performance jedoch auch nicht gerade. Am Ende knipse ich auch.

Dass ich ihn nicht mehr lebend sehen werde dürfte ein Fakt sein. Seit 50 Jahren im Geschäft. Seine Songs gesungen und gespielt haben unter anderem Mary Wells, Marvin Gaye, Parliament, George Clinton und Edwin Starr. Dessen Road Manager war er auch schon mal. Auf Platten von Jon Spencer, George Clinton und den Red Hot Chilli Peppers hat er mitgewirkt. Erst durch seine Freundschaft mit Ike Turner sei er auf die harten Drogen gekommen, lautet eine weitere Information eines Eingeweihten.

Es gibt nochmal eine Pause. Danach tauchen alle mit Handtüchern zu Turbanen gewickelt wieder auf. "We had to take a little shower". Und dank guter Band und einigen seiner Hits ("Jail Bait" "Pussy Stank") geht auch die zweite Hälfte halbwegs würdevoll zu Ende. "Ladies and gentlemen,André Williams, for the last time ever!", sagt der Gitarrist am Ende des Konzerts zum Publikum. Und das ist ernst gemeint. Aus ebenfalls gut unterrichteten Quellen erfahre ich, dass es wohl ausgemachte Sache ist, dass "Mr. Rhythm" nie wieder auf Tour gehen wird. Er ist für den Booker nicht mehr haltbar.



Von einem anderen Fan erfahre ich, dass er schon vor zehn Jahren nach seinem Zürcher Auftritt die Backstagewände mit seinen Fäkalien verziert habe. Der Drummer sagt im Gespräch nach dem Konzert, dass André nach dieser Tour nun genügend Geld hätte, um sich den Rest des Jahres auszuruhen. Da käme noch ein Celebrity-Auftritt in Austin dazu und danach hätte er erstmal Ruhe und die brauche er wohl auch.

Ich dagegen finde die Vorstellung nach 50 Jahren als Musiker, Songwriter, Prodzent und Tourmanager immer noch touren zu müssen, damit ich mit 71 mal für ein Jahr die Füsse hoch legen kann alles andere als beruhigend, aber ich gönne es ihm aus tiefsten Herzen.

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[Fotos: Matze]