Lebensgefühl Lindy Hop

Elisabeth Kimmerle

Na, was tanzen die denn da? Die Freiburger Lindy Hopper ziehen die Blicke auf sich, wenn sie im Stadtgarten das Tanzbein schwingen. Lindy Hop ist ein Swingtanz aus den späten Zwanzigerjahren, der in den Achtzigern ein Revival erlebt hat. Seit 2002 ist er auch in Freiburg angekommen, hier hat sich eine kleine, aber feine Lindy Hop-Szene etabliert (mit Videos).



Einer der letzten warmen Sommerabende im Stadtgarten. Jogger drehen ihre Runden, auf der Wiese spielen Studenten Kubb. Hier trifft sich jeden Mittwochabend die Freiburger Lindy Hop-Szene und schwingt das Tanzbein. Aus einem Ghettoblaster tönen schmissige Swingfetzen. Die Lindy Hopper stehen noch in Grüppchen herum, unterhalten sich angeregt und rauchen.


„Fangen wir an?“, fragt Miriam, die das wöchentliche Treffen im Stadtgarten auf der Suche nach einer Tanzgelegenheit für die Sommerpause vor zwei Jahren initiiert hat, und legt mit ihrem Tanzpartner los. Die ersten Takte des Lieds wippen sie mit, um sich aufeinander einzustellen. Dann haben sie den richtigen Schwung gefunden und wirbeln über die Tanzfläche. Miriams Partner schleudert sie von sich, um sie gleich darauf wieder zu sich zurück zu ziehen; die Beine schlenkern im Rhythmus.

Schnell gesellen sich weitere Tanzpaare dazu und hotten zur mitreißenden Musik ab. Passanten bleiben neugierig stehen und schauen dem Treiben zu. Ein älteres Paar fragt nach, was für ein Tanz das denn sei. "Das passiert fast jedes Mal", sagt die Soziologie-Studentin (Bild rechts). "Manche schauen uns auch länger zu. Vor allem die Kinder fahren auf die Musik ab, sie bleiben oft eine halbe Stunde sitzen und schauen zu oder tanzen mit."

Entstanden im afro-amerikanischen Arbeitermilieu der späten Zwanziger Jahre traf der Lindy Hop den Puls der Zeit; bald strömten Leute aller sozialer Schichten in den Savoy Ballroom in Harlem, dem Dreh- und Angelpunkt der jungen Swingszene New Yorks. Dort gab sich auch die High Society die Klinke in die Hand und trug so zur rasanten Verbreitung des Swing bei. Der Lindy Hop gilt als der ursprüngliche Swingtanz und Vorläufer des Jive, Boogie-Woogie und Rock'n'Roll.

Mit den Jahren etwas in Vergessenheit geraten, entdeckten in den 80er Jahren swingbegeisterte Stepptänzer in Schweden und den USA unabhängig voneinander die Lindy Hop-Szenen in alten Filmen wieder und waren begeistert. Sie spürten alte Tanzlegenden wie Frankie Manning in New York auf, um von ihnen zu lernen. Der Rest ist Geschichte. In den letzten 30 Jahren hat sich der Lindy Hop über den ganzen Globus verbreitet; heute tanzt man zu den Gassenhauern aus den Zwanzigern in Stockholm, New York, Budapest, Kiew, Boston, Warschau, Tokio und Bali.

"Es ist schon irre, dass sich heute Menschen in eine Zeit zurückversetzen, die fast 100 Jahre her ist", sagt Lina und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sie ist gerade vom Herräng Dance Camp in Schweden zurückgekommen; das fünfwöchige Festival hat sich in den letzten 20 Jahren zum Mekka des Swingtanzes entwickelt. "Lindy Hop ist für viele ein richtiger Lebensstil, die tragen nur Klamotten aus den Zwanziger Jahren. Es ist wie eine eigene Welt, die sie sich da aufbauen."

Miriam erklärt sich das Wiederaufblühen des Lindy Hop mit der Retrowelle, die in den Achtzigern aufkam. "Aus der kulturtheoretischen Perspektive betrachtet ist es etwas Postmodernes, dass man sich mit Dingen in der Vergangenheit auseinandersetzt und sie in einen neuen Kontext bringt."

Für Jenn Harry (Bild links) ist diese Bewegung nicht verwunderlich. Die gebürtige New Yorkerin hat vor 13 Jahren ihre Liebe zum Lindy Hop entdeckt und 2002 in Freiburg die  Swing-Tanzschule Swing-in' Freiburg gegründet.

„Der Lindy Hop fasziniert so viele Menschen, weil er einfach toll ist. Etwas Gutes wird immer weitergegeben, weil man selbst so süchtig danach ist“, sagt sie. In Freiburg eine Tanzschule zu eröffnen, sei ursprünglich nicht ihr Ziel gewesen. Vielmehr habe sie selbst die Möglichkeit vermisst, hier Lindy Hop zu tanzen. „Die Freiburger sind sehr begeisterungsfähig. So ist plötzlich eine ganze Szene entstanden. Die ist noch klein und deshalb sehr familiär. Alle kennen sich untereinander und unternehmen viel gemeinsam", sagt sie.

Die Tanzlehrerin hat die Renaissance der Lindy Hop-Szene in New York miterlebt und schätzt gerade darum den persönlichen Umgang, den die Freiburger Lindy Hopper miteinander pflegen. "Als ich in New York gelebt habe, war Lindy Hop richtig groß. Jeder in Amerika hat gewusst, was Swingtanz ist. Die Szene war einfach riesig, aber auch viel verstreuter, weil es so viele Möglichkeiten gab, Lindy Hop zu tanzen."

In Freiburg zählt die Szene nicht mehr als 200 Leute. 13 Jahre nachdem der Lindy Hop in New York populär war, hat er seinen Weg in den Hochschulsport in Freiburg gefunden; seit zwei Semestern bringt Veit Hailperin (Bild unten) Studenten das Swingtanzen bei.

Mit diesen Kursen wird es nicht nur erschwinglich, Lindy Hop zu tanzen, es erweitert auch den ausgewählten Kreis derer, die tanzen. Der Lindy Hop hat seine Wurzeln im afro-amerikanischen Arbeitermilieu; heute tanzen ihn vor allem Akademiker. "Mich stört an der Szene, dass es eine Schwelle gibt, die nur bestimmte Leute reinlässt. Weil die Kurse recht teuer sind, beschränkt sich die Szene auf eine kleine Gruppe, die sich das leisten kann", sagt Miriam.



Dennoch habe sie über das Tanzen sehr unterschiedliche Leute kennengelernt, mit denen sie normalerweise nicht viel teilen würde, meint sie. Was sie verbindet, ist die Offenheit und die Leidenschaft für den Tanz. "Der Lindy Hop führt die Menschen zusammen. Tanzen ist eine Sprache, mit der man international kommunizieren kann. Die Begeisterung fürs Tanzen ist allen Lindy Hoppern gemeinsam, egal, woher sie kommen", sagt Jenn.

Mit dem Tanzen kommt das Reisen; viele Lindy Hopper nehmen an Workshops im Ausland teil. "Das Schöne daran ist, dass man mit Leuten vom anderen Ende der Welt einfach lostanzen kann. Das ist für mich interkulturelle Verständigung", sagt Stefan, der vor sechs Jahren über einen Flyer an einer Ampel auf den Lindy Hop aufmerksam geworden ist. Seitdem hat ihn der Tanz nicht mehr losgelassen. "Toll ist auch, dass man immer bei Lindy Hoppern übernachten kann, selbst wenn man sie nicht kennt. Es findet sich immer ein Sofa zum Schlafen", ergänzt Caro.

Die Tierärztin ist direkt von der Arbeit in den Stadtgarten gekommen. Seit sie Lindy Hop tanze, wisse sie überhaupt nicht, was sie früher in ihrer Freizeit gemacht habe. "Sobald man anfängt zu tanzen, ist der Tag gerettet, egal wie blöd er vorher war", sagt sie.

Die Begeisterung der Tänzer ist ansteckend. "Lindy Hop zu tanzen ist für mich Ausdruck eines Lebensgefühls. Eine Up-Beat-Einstellung, es gibt kein Richtig oder Falsch, man ist offen für Neues und genießt den Moment", sagt Veit. Lebensfreude ist das Erste, was vielen Lindy Hoppern im Stadtgarten einfällt, wenn sie die Faszination beschreiben, die von dem Tanz ausgeht. "Lindy Hop ist offener und freier als viele Standardtänze, allein deshalb, weil auch die Frau den Lead-Part tanzen kann", erklärt Catherine. Die Unterscheidung zwischen Leader und Follower ist beim Lindy Hop nicht ans Geschlecht gebunden. So tanzen auch an diesem Abend oft zwei Frauen miteinander.

Insgesamt gibt es kein festgelegtes Schema, nach dem Lindy Hop getanzt wird. "Eine korrekte Art, Lindy Hop zu tanzen, existiert nicht. Beim Lindy Hop wird Kreativität groß geschrieben", sagt Veit. Das ist sicher nur ein Grund, warum er für viele so attraktiv ist. "Es ist ein sehr verspielter Tanz, der in unterschiedlichen Stilen getanzt werden kann. Es dreht sich viel ums Improvisieren, wenig ist choreographiert. Das gibt einem einen enormen kreativen Spielraum", führt er aus.

Das beinhaltet auch die Aerials, in den Tanz integrierte Paar-Akrobatiken und Hebefiguren, die dem Zuschauer Hören und Sehen vergehen lassen. Aerials werden jedoch vor allem auf Wettbewerben und bei Shows eingeflochten. "Bei einem normalen Tanzabend ist dafür kein Platz", sagt Jenn. Dennoch bestanden Wettbewerbscharakter und sozialer Aspekt beim Lindy Hop immer parallell nebeneinander. "In den Zwanzigern zeigten die Lindy Hopper ihr Können außerhalb des Savoy Ballrooms bei unzähligen Jams mit Live-Band. Da kam es zu richtigen Wettbewerben. Das erste Paar hat getanzt und das nächste hat versucht, sie zu übertrumpfen", erklärt sie.



Ging es den Lindy Hoppern damals vor allem darum, viel auszuprobieren und sich zur Swingmusik herumzuschleudern, so feilte besonders die Szene in Schweden an der Technik und am Stil. "Dadurch ist etwas von der Natürlichkeit des Tanzes verloren gegangen. Heute läuft mehr über den Kopf," sagt Jenn. "Ich stelle mir vor, dass die Leute früher innovativer waren und sich schneller getraut haben, etwas auszuprobieren. Wir haben heute gelernt, dass man alles studiert haben muss, bevor man es kann", ergänzt Miriam.

Der Lindy Hop hat sich mit der Zeit stilistisch weiterentwickelt. "Heute gibt es eine Menge Tänze, aus denen wir Elemente übernehmen können. Dadurch kommen viele Einflüsse hinzu und der Stil ist noch ausgeflippter geworden, weil so viel rumprobiert wird", sagt Jenn.

In Freiburg veranstalten mittlerweile viele Lokale Lindy Hop-Abende; vom Räng Teng Teng über den Harmonie Gewölbekeller bis zum La Corona in Littenweiler haben die Lindy Hopper mindestens einmal in der Woche die Möglichkeit, ihrer Leidenschaft zu frönen. Am besten ist die Stimmung Miriams Meinung zufolge im Räng Teng Teng. "Dort ist es schön schummrig und es kommen nicht ausschließlich Lindy Hopper, sondern das Publikum mischt sich. Das Tolle am Lindy Hop ist einfach das Abspacken. Da kannst du die Beine von dir schleudern und auch mal Scheiß machen oder ein bisschen schauspielern."

Es wird langsam dunkel im Stadtgarten. Eine Schar Enten wandert schnatternd über die feuchte Wiese, vielleicht schon auf der Suche nach einem Quartier für den Winter. Solange es das Wetter zulässt, tanzen die Lindy Hopper mittwochs im Stadtgarten.

 

Video aus dem Freiburger Stadtgarten



 

Lindy Hop Freiburg im Internet

 
Die nächsten Termine:

 
  • Sa, 18.09.2010 - La Corona (Littenweilerstr. 20)
 

Lindy Hop - Hellzapoppin (1941)

Quelle: YouTube

[youtube mTg5V2oA_hY nolink]

 

ILHC 2010 - Pro Champions Strictly Lindy - Finals

Quelle: YouTube

[youtube fstWvbzV8E8 nolink]

 

danceonline.tv - Day At The Races

Quelle: YouTube

[youtube o5T8XauYhlU nolink]

[Bilder: 1 & 5: Margrit Müller, 4: Veit Hailperin, Rest: fudder]

Mehr dazu:


Foto-Galerie: Tarek Mostafa

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