Leben mit Demenz: Die zwei Welten meiner Großmutter

Julia Nikschick

Rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Und ihre Krankheit beeinflusst und verändert auch ihre Familien. fudder-Autorin Julia Nikschick über das Leben und Fühlen mit einem Familienmitglied, das an Demenz erkrankt ist.



Sie ist eine Suchende. Immerzu sucht sie nach Erinnerungen, nach den Momenten ihres Lebens. Und nach Namen. Jetzt gerade sucht sie den Namen der jungen Frau vor ihr. Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen, ihre Stirn liegt in Falten, ihre Augen tasten das Gesicht der jungen Frau nach einem vertrauten Merkmal ab. Ich bin diese Frau. Und sie ist meine Großmutter. Schließlich gibt ihr Gedächtnis die gesuchten Informationen preis und sie sagt souverän: „Na, du bist Thea!“ Sanft schüttele ich den Kopf: „Nein, ich bin ihre jüngere Schwester, Julia.“


Ihre Augenbrauen ziehen sich wieder zusammen, sorgenvoll, überlegend. Schließlich nickt sie, als hätte sie beschlossen, mir zu glauben. „Wo wohnst du jetzt noch mal?“ Das Lachen ob dieser Frage kann ich mir kaum verkneifen, denn dieses Gespräch haben wir schon hundert Mal geführt, ich kann es fast auswendig. „Freiburg“, antworte ich also. Woraufhin sie, noch bevor ich meinen Mund wieder schließen kann, erwidert: „Im Breisgau!“

 

Sie kichert wie ein kleines Mädchen

Bei jedem Besuch von mir stellt meine Großmutter dieselben Fragen, dann gebe ich immer dieselben Antworten – und warte auf ihre immer gleichen Reaktionen. „Ja, genau. Im Breisgau“, pflichte ich ihr bei. Dann beantworte ich die Fragen, was ich studiere. Wie es weitergeht nach dem Studium. Und ob ich auch genug Geld habe.

Meine Großmutter ist 92 Jahre alt. Sie hat einen Weltkrieg, vierzig Jahre DDR und den Fall der Mauer miterlebt. Doch viele dieser Erinnerungen sind vergessen. Meine Großmutter ist dement. Vergessen im Alter sei normal, heißt es oft, vor allem in so einem hohen Alter. Doch wer dement ist, vergisst nicht – er verliert ein Stück seines Selbst.

„Die Symptome einer Demenz sind nicht die typischen Erscheinungen des Alterns. Sie betreffen die Alltagskompetenzen, die Selbstversorgung und das eigenständige Leben,“ erklärt Margrit Ott, Fachärztin für Geriatrie an der Uniklinik Freiburg. „Die Kleidung wird nachlässiger oder Gespräche sind wie ausradiert, obwohl sie erst wenige Minuten zuvor stattgefunden haben.“

Blicke ich auf die vergangenen Jahre zurück, waren es eben diese Alltagsveränderungen, die meine Eltern und ich schon lange bei meiner Großmutter bemerkt haben. Kam einer von uns abends nach Hause, von Uni oder Arbeit, lief sie oft panisch aus ihrem Wohnzimmer und fragte entrüstet, wo wir denn gewesen seien. Die entsprechende Antwort brachte sie häufig noch mehr auf, denn man habe ihr schließlich nicht Bescheid gesagt. Egal wie oft wir ihr das Gegenteil versicherten, sie stritt es ab. Ein typisches Zeichen von Demenz. Doch das wussten wir damals noch nicht.

„Aufklärung von professioneller Seite ist sehr wichtig“, sagt Ott, „man sollte immer wieder Rat bei einem Arzt suchen.“ Ratschläge für das Verhalten gegenüber Betroffenen seien wichtig, um besser mit der Situation umgehen zu können, auch um Missverständnisse zu vermeiden. Rationale Diskussionen blieben ohnehin meist ohne Ergebnis.

Nachdem sich der gesundheitliche Zustand meiner Großmutter durch mehrere schwere Stürze verschlechterte, wurde das Wohnen ohne permanente Betreuung für sie unmöglich. Über zehn Jahre lebte meine Großmutter gemeinsam mit mir, meinen Eltern und meiner Schwester unter einem Dach. Nach langen Gesprächen mit meinen Eltern und ihren drei anderen Kindern entschied sie sich schließlich für den Umzug in ein betreutes Wohnheim.

Heute, zwei Jahre nach dem Umzug ins Heim, ist meine Großmutter ruhiger geworden. Meine Eltern und ich sitzen mit ihr gemeinsam in ihrem Zimmer. Es ist im zweiten Obergeschoss eines Heims speziell für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Neben ihrem Bett stehen in einem Regal einige gerahmte Familienfotos, Fotoalben und Bücher, die wir ihr vorlesen, wenn sie Lust dazu hat. Das Zimmer teilt sie sich mit einer anderen älteren Dame. Es war großes Glück, dass sie in diesem Heim einen Platz gefunden hat. Rund um die Uhr sind Schwestern für die Bewohner da, alle speziell für den Umgang mit Demenzkranken geschult, der durch die Stimmungsschwankungen der Betroffenen oft ein Balanceakt ist. Zudem werden Freizeitangebote wie Singen oder Gymnastik angeboten, um die Bewohner körperlich als auch geistig fit zu halten und so das Fortschreiten der Demenz zu verlangsamen.

Wenn meine Großmutter spricht, ist ihre Stimme fest, aber nicht mehr so resolut wie zu meiner Kindheit, als sie keine Widerworte duldete. Ich erinnere mich noch an eine Diskussion, die meine Schwester und ich mit ihr über das gekochte Essen führten.

Ich war sechs, meine Schwester zwölf, und meine Großmutter passte auf uns auf. Sie hatte Kartoffeln gekocht, dazu Spinat und Spiegeleier. Die Kartoffeln schmeckten wie in Salzlake getunkt, und der Spinat war nahe der Kühlschranktemperatur. Wir sollten froh sein, etwas zu essen zu bekommen, meckerte sie mit hochrotem Kopf. Früher, als Krieg war und auch in der DDR, da sei man froh über alles gewesen, was auf den Tisch kam. Und obwohl meine Schwester mit Engelszungen auf sie einredete, mussten wir aufessen. Auch jetzt, gut zwanzig Jahre später, gehören Kartoffeln noch zu meinen meist verabscheuten Lebensmitteln.

Aber diese resolute Frau sehe ich heute nicht mehr. Es scheint, als zweifele sie an sich, immer, wenn sie spricht. Jeder ihrer Sätze klingt wie eine Frage.



Mein Vater zeigt auf ein Bild im Fotoalbum. Es zeigt ein Haus, in dem unsere Familie früher einmal wohnte. Er beginnt, uns die Geschichte von Tante „Huhu“ zu erzählen, einer langjährigen Nachbarin, die niemals klopfte. Sie sei immer in die Wohnung getreten und habe „Huhuuuu“ gerufen, um auf sich aufmerksam zu machen. Er zeigt meiner Oma die Wohnung von Tante „Huhu“ auf dem Foto, dann lacht er. Meine Großmutter stimmt in das Lachen ihres Sohnes mit ein. Sie schlägt die Hand auf die Stuhllehne, das Gesicht in Lachfalten gelegt. Obwohl sie lacht, bleiben ihre Augen freudlos, sie hat die Frau, von der mein Vater spricht, längst vergessen.

Doch Demenz bringe nicht nur negative Veränderungen mit sich, erklärt Ott. Stimmt. Vorbei scheinen die streitsüchtigen Tage meiner Großmutter, als sie wegen Kartoffeln wütend aus der Küche stapft. Ganz neue Eigenschaften kommen zum Vorschein: Sanftmut und Schalk. Wie ein kleines Mädchen kichert sie, wenn sie von sich selbst als „alter Schachtel“ spricht.

 

Ihre Stimme ist fest, aber nicht mehr so resolut

Sie sitzt entspannt auf einem Stuhl vor ihrem Fenster, der Himmel draußen ist wolkenverhangen. Sie blättert weiter die Bilder aus unserem Heimatort durch und schwelgt in Erinnerungen. Wir kommen schließlich zu einem Familienfoto. Es ist der Hochzeitstag meines Onkels, und alle Familienmitglieder sind dabei. Sie nennt die Namen der Personen, auf die sie zeigt, holt die Namen aus ihrem Gedächtnis hervor. Dann bleibt ihr Finger zitternd an einem kleinen Mädchen hängen. Es steht in der ersten Reihe, gleich neben dem Brautpaar, in der Hand ein kleiner Rosenstrauß. „Und wer ist das kleine Mädchen?“, fragt sie. Und plötzlich beschleicht mich das Gefühl, dass für meine Großmutter Vergangenheit und Gegenwart zwei parallele, voneinander unabhängig existierende Welten sind.

Ich sehe sie erstaunt an und merke, wie eine schwere Traurigkeit mir die Luft zum Sprechen nehmen will. „Das bin ich“, sage ich. Überrascht trifft mich ein Blick aus ihren blauen Augen. Sie schüttelt den Kopf und wendet sich wieder dem Mädchen auf dem Bild zu. Leise sagt sie: „Ist das nicht schrecklich, seine Familie zu vergessen?“



Demenz

Lassen die kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten eines Menschen nach, spricht man von Demenz. Die verschiedenen Demenzformen treten meist mit einer Erkrankung des Gehirns auf, am häufigsten ist die Alzheimer-Krankheit. Zurzeit leben in der Bundesrepublik etwa 1,3 Millionen Menschen mit Demenz, die Zahl der Betroffenen soll sich Experten zufolge bis zum Jahr 2050 auf 2,6 Millionen verdoppeln.

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[Fotos: Marc Röhlig]