Lächeln, labern, Unterschrift – und alles für den guten Zweck?

Kathrin Aldenhoff & Davidis Stickel

Seit Monaten belagern sie Freiburgs Innenstadt und wollen nur eines von dir: Dein Geld. Die Vertreter von Oxfam und den Maltesern gehen schon allmählich auf die Nerven. Richtig schlimm sind allerdings Aboverkäufer, die den Passanten mit dubiosen Methoden Zeitungsabos unterschieben wollen.



Wieder Samstag, der Kühlschrank leer. Oder ein Geburtstag am folgenden Tag, für den noch schnell ein Geschenk besorgt werden muss. Auf in die Stadt. Hinein ins unerträglich dichte Getümmel. Eine hastende und sich schiebende Menschenmasse zieht sich die Kaiser-Joseph-Straße entlang. Aber damit nicht genug. Nun wird man auch noch angequatscht.


Sie sind aus dem Stadtbild Freiburgs kaum mehr wegzudenken: meist mit Block und Stift bewaffnet, scannen sie mit den Augen die Menschenmassen und treten mit einem breiten, harmlosen und möglichst vertrauensvoll wirkenden Lächeln auf einen zu – „Kann ich sie kurz für einen guten Zweck gebrauchen?“

Nein, keine Zeit. Kopfschütteln, vielleicht noch ein müdes Lächeln – und schon hat man fast ein schlechtes Gewissen, weil man sich nicht für einen guten Zweck gebrauchen lässt. Dass sie einen guten Zweck verfolgen, ist bei der Hilfsorganisation Oxfam sicherlich nicht zu bestreiten. Sie setzen sich ein „Für eine gerechte Welt. Ohne Armut“, wie auf ihrer Internetseite zu lesen ist. Sie „leisten Not- und Katastrophenhilfe, fördern in langfristigen Projekten die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Ländern des Südens und sind in der entwicklungspolitischen Lobby– und Kampagnenarbeit hier in Deutschland aktiv.“

Mit Letzterem belagern sie Freiburg mit einer beeindruckenden Ausdauer, um nicht zu sagen entnervender Penetranz. Sie sind mit ihrem Anliegen nicht allein: Auch engagierte Malteser-Straßenkämpfer stellen sich den ignoranten, manchmal feindlichen und abweisenden Blicken der Passanten. Und seien wir ehrlich, trotz Respekt vor dem Einsatz für den guten Zweck: Es nervt, wenn man täglich oder sogar mehrmals täglich für einen solchen gebraucht werden möchte.

Es gibt allerdings noch eine weitere Kategorie von Passantenbelagerern: die Drückerkolonnen. Ihre Absicht ist eine grundverschiedene. Während es bei den einen um die Unterstützung gemeinnütziger Projekte geht, versuchen sie Zeitungsabonnements zu verkaufen.

Der Typ steht an das Schaufenster gelehnt, hinter ihm der verführerische Blick einer Schönheit auf dem Werbeplakat einer Parfummarke. Sein Blick folgt den Passanten, die an ihm vorbeihasten. „Sorry du, darf ich ganz kurz was fragen, ist auch keine Anmache oder so...“ Eine junge Frau verlangsamt ihren Schritt, zögert stehen zu bleiben. „Ich will auch nichts Böses. Sie finden doch auch, dass...“. Und schon ist sie im Netz umgarnender, einlullender Sätze gefangen. Das sich anschließende Gespräch ist nicht selten von kurzer Dauer, die Konsequenz allerdings kaum.



So auch bei Felix Mauch (Bild oben). Ganze sieben Minuten dauerte das Gespräch, dann hatte er unterschrieben: ein angebliches Probeabonnement für eine Wochenzeitung. Von einem Probelesen konnte aber nicht die Rede sein. Schwer erkenntlich im Kleingedruckten, von dem Aboverkäufer mit dem Daumen überdeckt und durch Fehlinformationen getäuscht, besiegelte die leichtsinnige Unterschrift ein Abo mit einer Dauer von 14 Monaten.

„Der Typ hat etwas Falsches erzählt, hat effektiv gelogen“, beteuert Felix. Eine Kündigung wäre gar kein Problem. Nach Ablauf der zweimonatigen Probe bekäme man außerdem einen Brief zugesandt mit der Frage, ob man die Zeitung weiterhin beziehen möchte.

Das hat Felix schließlich überzeugt. Bereitwillig gibt er seine Kontodaten an und unterschreibt. Zuhause schaut er sich den Durchdruck noch einmal genauer an und realisiert die Täuschung. Er gibt den Namen des Verlages, VSR-Verlag, in eine Suchmaschine ein – und stößt auf eine Flut von Foreneinträgen: „Kündigung nicht möglich… kein nachfragender Brief… Abo mit einer Dauer von 14 Monaten am Hals… Betrug!“ Täglich kommen neue Einträge hinzu.



Felix ist kein Einzelfall. Aber Felix reagiert schnell. Er weiß um das Widerrufrecht von 14 Tagen, kündigt sofort, sperrt sein Konto und versucht telefonisch mit dem Verlag in Kontakt zu treten. Nach drei Tagen erreicht er jemanden. Widerwillig wird die rechtmäßige Kündigung akzeptiert. „Ich habe Glück gehabt. Auf der Straße etwas unterschreiben werde ich kein zweites Mal.“ Rückblickend ist er erstaunt, wie leicht und naiv er sich hat täuschen lassen.

„Das war eben ein echt guter Belaberer.“ Geschickt wusste der den Studenten zu ködern. Ob er gerne lese; was wohl jeder beflissen bejaht. Und ob er was dagegen hätte, jugendlichen Hartz-IV-Empfängern wieder zurück in die Gesellschaft zu helfen; was wiederum jeder eifrig verneint. Eiskalt wird man bei seinem Gutmenschsein gepackt.

Diese Masche hat System. Ein Appell an das Gewissen dient als psychologisches Druckmittel und verschleiert das simple Verkaufsinteresse. Wem der potentielle Abonnent damit angeblich hilft, variiert. Mal sind es jugendliche Hartz-IV-Empfänger, dann wieder ehemalige Drogenabhängige oder Ex-Knackis die der Abonnent vermeintlich unterstützt.



Dieses Phänomen kennt auch die Verbraucherzentrale Freiburg. „Dass man versucht, durch die Mitleidsmasche Passanten ein Zeitungsabonnement unterzuschieben, ist uns bekannt“, sagt Beraterin Barbara Durst. Mit dem schlechten Gewissen anderer werden Geschäfte gemacht. Und zwar schneller, als es manchen bewusst ist. „Man sollte nie etwas unterschreiben, was man nicht durchgelesen hat“, sagt Barbara Durst. Das klingt selbstverständlich, ist es im Falle der Verträge, die auf der Straße abgeschlossen werden, oftmals aber nicht.

„Die Aboverkäufer sind geschult, deshalb ist es nicht so einfach, denen zu entgehen.“ Aus diesem Grund rät Barbara Durst, sich erst gar nicht auf ein Gespräch einzulassen. Denn wenn der Vertrag unterschrieben ist, die Widerrufbelehrung ordnungsgemäß war und die zweiwöchige Frist abgelaufen ist, dann gilt der Vertrag. Und der Käufer muss zahlen. Es sei denn, es handelt sich um arglistige Täuschung. Diese liegt zum Beispiel vor, wenn der Verkäufer einen Teil des Vertrags mit den Händen verdeckt und Dinge bewusst verschweigt – so wie im Fall von Felix Mauch. Ist eine arglistige Täuschung gegeben, kann der Vertrag angefochten werden.

Bernhard Ranke ist Geschäftsführer des VSR-Verlages. Er sagte uns, dass er nichts davon wisse, dass im Namen seines Verlages mit sozialen Projekten für ein Abonnement geworben werde. „Da müssen Sie die Aboverkäufer fragen. Wir vertreiben hier ein klassisches Abonnement, das wir von den Betriebsfirmen zur Belieferung bekommen. Sie müssen sich an die Betriebsfirmen wenden, die die Produkte vertreiben. Vielleicht haben die eine Kooperation, das kann ich Ihnen nicht sagen.“

Barbara Durst ist keine soziale Organisation bekannt, die durch Zeitungsabonnements unterstützt wird. Weiter erklärt der Geschäftsführer, dass er und sein Verlag für die Schulung der Aboverkäufer nicht zuständig seien. Auf die Frage hin, wer hierfür verantwortlich ist, brach Bernhard Ranke das Telefonat ab. Dass die Firmen, in diesem Fall der VSR-Verlag, die Methoden ihrer Verkäufer nicht kennen, kann Barbara Durst sich nicht vorstellen: „Ich denke die wissen das.“

Umso wichtiger ist es, genau zu überprüfen, welchen Vertrag man gerade abschließt. Das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) zeichnet Organisationen aus, die transparent machen, wie sie die Spenden verwenden. Prämien oder Provisionen für das Vermitteln von Spenden dürfen nur unter strengen Auflagen gezahlt werden. In einer Selbstverpflichtung erklären die Organisationen, dass sie davon grundsätzlich absehen.

Oxfam besitzt das DZI-Spendensiegel. Nerven tun sie zwar trotzdem, wenn sie vor der Uni und in den Einkaufsstraßen die Passanten abfangen, aber zumindest sprechen sie für eine seriöse Organisation.

Tipps:

  • Nichts unterschreiben, was man nicht vorher genau durchgelesen hat.

  • Nicht auf die Mitleidsmasche hereinfallen.

  • Widerruffrist von zwei Wochen beachten. Kündigung des Vertrages immer als Einschreiben mit Rückschein senden.

  • Unterlagen lange aufbewahren, unseriöse Firmen stellen zum Teil auch zwei Jahre später erneut Forderungen.

  • Auch im Internet vorsichtig sein: hier gelten die gleichen Regeln.

  • Grundsätzlich sollte man misstrauisch werden, wenn die eigene Adresse angegeben werden muss: Dann ist ein Angebot meist nicht mehr gratis. Obendrein besteht die Gefahr, dass die Adresse verkauft wird.

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