L'auberge allemande

Doreen Fiedler

In den Zeiten von Erasmus, Sokrates und Co. sind international besetzte WGs mit ständig wechselnden Mitbewohnern ganz normal. Doreen wohnt in einer beinahe komplett französischsprachigen WG in Freiburg und zeigt uns ihr ganz normales, babylonisches Alltagschaos.



„Macht es dir was aus, wenn wir hier ein bisschen französisch sprechen?“ Yassins Tonfall war erwartungsvoll forschend und die anderen beiden auf dem Sofa schauten mich mit großen Augen an. Abgeklärt schüttelte ich den Kopf. Für ein Zimmer in dieser WG (zentral, hell, billig) war ich zu allem bereit. Zwar stehe ich ohne Französischkenntnisse da, aber ich hatte doch in Chile auch monatelang Spanisch gemeistert. Alles kein Problem, ähm, pas de souci!


Eine Woche später zog ich zu den drei Deutschfranzosen, mal so ganz verallgemeinernd dahingesagt. Denn eigentlich ist es verwickelter. Chloé und Clément haben deutsche Eltern, sind aber in Frankreich aufgewachsen und als Teenager nach Freiburg gelangt. Ganz anders Yassin: Halb Algerier, halb Deutscher, begann sein Leben im Senegal, doch groß wurde er in Saarbrücken.

Seine Mutter lehrte ihn erst Arabisch, dann Französisch und schließlich Deutsch. Er studiert Latein, Chloé wird Französischlehrerin und Clément büffelt Chinesisch. Und ich? Deutsche Sprache, deutsche Staatsbürgerschaft, Studienfach Deutsch. Wie langweilig! Ach, hatte ich schon erwähnt, dass die Jungs die koreanische Kampfsportart Teakwondo betreiben?



Bisher war mir alles franco-allemande fremd. Nun sitzen ständig Deutsch-Franzosen in meiner WG. Immer neue Menschen aller Hautfarben tauchen auf, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie französisch parlieren – und mich in meiner schwäbischen Ausrucksweise trotzdem verstehen. Nachts träume ich davon, dass es unter unserem Haus irgendwo einen Tunnel nach Frankreich/Niger/Togo/Martinique/Kanada gibt. Und wir sind das Zollhäuschen.

Meine Unkenntnis der Nachbarstaats-Sprache musste natürlich schnellstmöglich verschwinden. Für den Unikurs Débutant Ia war ich sofort angemeldet – doch dann ging ich nur ein Mal hin, kam über das Zählen bis dreißig, "Je m’appelle Doreen" und ein paar Touristenvokabeln nicht hinaus. Auch alle WG-internen Angebote für Heimunterricht scheitern mit schöner Regelmäßigkeit an unserem durcheinandergewürfelten Uni-Alltag. C’est la vie!

Etwas erlernte ich dennoch: französische Intonation. Diese andersartige, herrlich klingende Sprachmelodie imitiere ich gern – und komme dann nicht mehr davon los. Nach einem WG-Abend ging ich in die Uni-Bibliothek, wo ich einer  französischen Austauschstudentin wegen eines Computerproblems half. Auf einmal stutzte sie: "Du bist aber keine Deutsche, oder? Kommst du aus Frankreich?"



Frankreich wurde zu meinem neuen Familienland. Nicht Mutterland, aber doch Teil meines Familienclans, so wie ich ja auch meine Mitbewohner als angeheiratete Familienmitglieder betrachte. Dass der größte Teil meines Selbst aber deutsch geblieben ist, merkte ich zur Fußballeuropameisterschaft. Die Jungs wollten tatsächlich nicht die schwarz-rot-goldene, sondern eine blau-weiß-rote Fahne vom Fenster wehen lassen. Und zwar vor meinem – denn die anderen Zimmer kann man von der Straße aus nicht so richtig ausmachen. Wie gut für meine nationale Identität, dass die französische Nationalmannschaft so früh aus dem Turnier flog.

Das ganze sprachliche Mischmasch – oder klar: potpourri – zwischen "Tu vas à la Vorlesung?" und "mon Dozent" lässt mich sensibler für meine eigene Ausdrucksweise werden. Das ist für eine Studentin der Sprachwissenschaft praktisch. Darunter leiden müssen meine Mitbewohner, die ich gerne als Studienobjekte missbrauche, um bei ihnen zu untersuchen, an welchen Stellen sie zwischen den Sprachen wechseln. Auch liebe ich es, sie darauf hinzuweisen, dass "Gehen wir Mensa?" strukturell nicht korrekt ist und "Wie sagt man?" zwar eine perfekte Übersetzung von "Comment on dit" ist, diese Phrase in Deutschland aber niemand verwendet. Und dann entschlüpft es mir eines Tages sogar selbst: "Kann ich mal ein bisschen Wasser?"

Dabei standen wir in der Küche, neben unserer riesigen Weltkarte. Sie passt zu uns, denn sämtliche Länder- und Städtenamen stehen in der jeweiligen Landessprache darauf. Weniger optimal ist die Dreiteilung der riesigen Karte, denn so muss man sich entscheiden, welche Welt zentral hängen soll.

Yassin, der Halbalgerier, wollte natürlich Afrika in der Mitte haben. Meine Wahl fiel auf Amerika, war ich doch gerade ein halbes Jahr in Chile unterwegs. Clément, der im Herzen Chinese ist, stimmte für Asien. Und Chloé war mal wieder nicht da.



Chloé zieht nämlich aus, zurück nach Frankreich, wohin sonst! Jetzt brauchen wir eine neue Mitbewohnerin. Yassin hätte gerne eine Arabisch sprechende Afrikanerin. Clément will eine, mit der er (so schreibt das die Studienordnung vor) bald Japanisch lernen kann. Und ich hätte gerne jemanden zum Spanischüben. Bitte melden: Wir suchen ein Mädchen, das französisch-spanisch-chinesisch-japanisch-arabisch-sprachig ist. Aber bitte weder Asiatin noch dunkelhäutig. Sonst verliebt sich noch einer von meinen Jungs – und ich habe keine WG mehr!

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