KZ Gurs: Ein Deportierter erinnert sich

Dominik Schmidt

Es gibt nicht mehr viele Überlebende des Holocaust. Diejenigen, die darüber berichten können, sterben aus. Umso wertvoller war für uns das Gespräch mit Paul Niedermann (82), der als 13-Jähriger von Karlsruhe ins Konzentrationslager Gurs deportiert wurde.



In der Nacht im Oktober 1940 standen um vier Uhr morgens drei Gestapobeamte vor der Tür: „Einpacken, was ihr tragen könnt! 100 Reichsmark könnt ihr mitnehmen. In 20 Minuten geht’s weg.“ Dieser Moment war ein Schnitt in Paul Niedermanns (82) Leben und im Leben von 6503 weiteren Juden, die in dieser Nacht im südwestdeutschen Raum nach Gurs verschleppt wurden.


68 Jahre später sitzt Paul Niedermann in einem Freiburger Café. Mittlerweile lebt er in Paris, ab und zu kommt er nach Deutschland, um seine Lebensgeschichte auch jungen Leuten zu erzählen. Uns zum Beispiel. „Irgendeiner muss die Arbeit ja machen.“ Paul Niedermann klingt leicht erregt, wenn er diesen Satz sagt. Niedermann ist Überlebender des Konzentrationslagers im südfranzösischen Gurs. Es gibt nicht mehr viele, die davon berichten können. Sie sterben aus.



Beginn der Judenhetze in Karlsruhe

Es ist vorprogrammiert: Sein Cappuccino wird kalt. Niedermann hat zuviel zu erzählen. Die Antworten sind ausführlich, Details sind ihm wichtig.

Eines dieser Details ist, wie er 1933 beobachtet, wie der jüdische Rechtsanwalt und SPD-Reichstagsabgeordnete Ludwig Marum vor dem Fenster seines Elternhauses in Karlsruhe misshandelt wird. „Sie haben ihn in einen Käfig gesteckt und hinter einem Traktor durch die Stadt gezogen. Später erfuhr ich, dass er 1934 in einer Zelle erdrosselt wurde.“ Für den jungen Niedermann das erste einschneidende Erlebnis mit den Nazis. Vollends zeigte das Regime 1935 mit den Nürnberger Gesetzen sein Gesicht.

Die Nürnberger Gesetze trafen die Familie Niedermann in vielerlei Hinsicht. Großvater und Vater waren beide Angestellte der jüdischen Gemeinde in Karlsruhe und verloren ihre Stelle. Jüdische Beamte wurden herausgeworfen, jüdische Freischaffende durften nur noch jüdische Kunden bedienen. „All das führte zu einer Selbstmordwelle in Karlsruhe. Viele der 3500 Mitglieder der jüdischen Gemeinde wussten keinen Ausweg mehr.“

Noch am selben Tag des Beschlusses der Gesetze wurden Juden von Schulen ausgeschlossen. Morgens kam sein Klassenlehrer in der Karlsruher Schillerschule in SA-Uniform in die Klasse: „Du bist Jude, du kannst nicht mit deutschem Gruß grüßen. Pack’ deinen Kram und geh nach Hause.“ Niedermann packte seinen Ranzen und ging nach Hause. Aus. Keine Schule mehr und auch keine Bildung.



Im November 1938 stand die Große Synagoge in Karlsruhe in Flammen. Reichspogromnacht. „Ich stand mit meinem Großvater am Fenster in der Herrenstraße 14“. Über den Dächern konnten sie die Flammen sehen. Die Feuerwehr hatte die Anweisung, nicht zu löschen, bis sich herausstellte, dass hinter der Synagoge ein großes Benzinlager ist. Die ganze Stadt wäre fast in die Luft geflogen. Die Familie hatte unglaubliche Angst und die Angst wurde noch größer, als die Gestapo den Vater des elfjährigen Paul abholte. Er kam nach Dachau in das erste Konzentrationslager der SS. „Es gab zu der Zeit noch keine Vernichtungslager. Mein Vater kam lebend, wenn auch zerschlagen und zerschunden aus Dachau zurück.“

Niedermann stutzt an dieser Stelle der Geschichte. Er ringt kurz nach Worten, sein Blick schweift durch das Café: „Mein Vater war ein prima Mann, aber er war unglaublich naiv gewesen. Er fühlte sich nicht wirklich in Gefahr, weil er im ersten Weltkrieg gedient hatte, das eiserne Kreuz als Unteroffizier bekam.“ Viele dachten damals so: wer den Blutzoll erfüllt hat, dem wird nichts angetan. Doch sowohl Niedermanns Mutter, als auch der Vater wurden später in Konzentrationslagern ermordet.



Oktober 1940: Die Deportation in Südbaden beginnt

Robert Wagner, Gauleiter von Baden und einer der mächtigsten NS-Funktionäre, beschließt 1940, alle Juden in Baden, Saarland und der Pfalz zu verhaften und zu verschleppen. Seine Idee war, die neu besetzten Gebiete in den westlichen Ländern zur „Auslagerung“ der Juden zu benutzen. Ein Jahr bevor die systematische Deportation in den Osten erfolgte.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober wurden 6504 Juden aus Baden, dem Saarland und der Pfalz in die Züge getrieben. Mit dabei Paul Niedermann und seine Familie. „Es war eine Nacht- und Nebelaktion, die Bevölkerung sollte nichts bemerken.“ Um vier Uhr morgens holten Gestapo-Beamte die Familie ab. Erste Zwischenstation war ein Kellergewölbe unter dem Karlsruher Bahnhof. Den folgenden Tag wurde die Familie dort eingesperrt, bevor sie auf die Bahnsteige getrieben wurden. Sieben lange Züge der sogenannten vierten Klasse, also mit simpelster Ausstattung, standen bereit. Teilweise schon befüllt mit den Juden aus Nordbaden und der Pfalz. „Jeder musste sich hineindrängeln. Wer dies nicht tat oder wieder ausstieg, wurde erschossen“, schon damals wusste Niedermann, dass die Nazis es ernst meinten.

Die Fahrt dauerte drei Tage und vier Nächte. Ob der Zielort bekannt war? „Nein, wir konnten uns nur grob orientieren, es ergab für uns einfach keinen Sinn.“ Im Nachhinein hat Niedermann erfahren, dass die Züge bei Karlsruhe über den Rhein fuhren, die Rhone entlang in Richtung Süden über Toulouse, hin zu den Pyrenäen.



Schlammhölle Gurs

„Plötzlich war das Gebrüll auf Französisch, was aber auch keinen Unterschied machte. Wir alle fragten uns nur, wieso bringen die uns hier her?“ Im unbesetzten Teil Frankreichs regierte offiziell die Vichy-Regierung. Gegen deren Willen setzte Adolf Eichmann persönlich durch, das Auffang- und Flüchtlingslager Gurs am Rande der Pyrenäen (Camp de Gurs, ehemals Auffanglager für Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs) als Konzentrationslager zu nutzen.

„Das Erste was den Überlebenden von Gurs zu der Zeit im Lager einfällt, ist Schlamm. Überall Schlamm, knietief und übelste hygienische Bedingungen.“ Auf zwei Kilometern Länge und 50 Metern Breite wurden in sechs Jahren knapp 64.000 Häftlinge in Gurs gehalten. 6.504 Juden aus Baden und alles, was sonst noch dem Regime unerwünscht war: Sinti, Roma, Kommunisten, spanische Flüchtlinge. „Die hölzernen Baracken waren für 40 Personen berechnet, wir waren bis zu 200.“ Alleine im ersten Winter kosteten die Zustände im Lager 1.200 Inhaftierten das Leben.

Täglich wurde als einzige Mahlzeit eine meist kalte Rübensuppe ausgeteilt, dazu ein Stück Brot. „Heute erinnert mich noch mein tägliches Geschirrspülwasser zuhause an diese Suppen, zwei Jahre habe ich nichts anderes gegessen.“



Die Notdurft musste zwischen zwei Holzplanken erledigt werden, Ratten bissen nachts in die schlafenden Körper. „Die Menschen schrien nachts wie am Spieß. Wir wurden bei lebendigem Leibe von Ungeziefer aufgefressen! Irgendwann wurden wir auch zur Ansteckungsgefahr für das Wachpersonal.“ Das Lager wurde nach zwei Jahren geräumt. Offizieller Vorwand: Die zuvor getrennten Familien sollen in einem anderen Lager wieder zusammengeführt werden. Natürlich eine Lüge. Nach acht Monaten Gurs kam Niedermann mit seinem Bruder in ein ebenfalls improvisiertes Lager, unweit von Perpignan, auf einem ehemaligen Militärgelände in der Gemeinde Rivsaltes am Mittelmeer.

Die Flucht

Unglaubliche 600 Hektar – das entspricht etwa 600 Fußballfeldern – groß war das damalige Militärlager. Was der Schlamm in Gurs ist, ist der Wind in Rivsaltes. „Noch heute kann ich keinen starken Wind ertragen. Es war furchtbar, wie dieser eiskalte Wind durch das Gebirge blies“, erinnert sich Niedermann. Einen Vorteil hatte der Wind allerdings. Trockene Zweige der angrenzenden Weinreben wurden in das Lager geblasen und dienten als Brennstoff, mit denen Abfälle von den Häftlingen aufgekocht wurden.

Für viele deutsche Juden war Rivsaltes die letzte Station vor dem Vernichtungslager. Nicht so für Niedermann und seinen Bruder. Die Organisation „Oeuvre de secours aux enfants“ (OSE), ein jüdisches Kinderhilfswerk in Frankreich, setzte sich zum Ziel, so viele jüdische Waisenkinder wie möglich zu retten. Eines Morgens standen sie mit einem kleinen LKW vor dem Stacheldrahtzaun von Rivsaltes.



„Eine junge Dame, die Arbeitskraft im Lager war, packte uns und führte uns zum Zaun. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein laut knatternder LKW. Der Fahrer schnitt den Stacheldraht an einer Stelle auf und zog uns hindurch.“ Auf die Frage, wieso die Wachen nicht reagierten, grinst Niedermann, immerhin diesen Erfolg konnte er gegen das Regime verzeichnen: „Ich sah 200 Meter entfernt einen Wachmann, der uns demonstrativ den Rücken zukehrte. Wer schmiert gut, der fährt gut. Ein paar Judenkinder mehr oder weniger, das war denen total wurscht.“

Mit 32 Kilogramm bei 1,62 Meter Körpergröße endete die Gefangenschaft in einer leerstehende Pension bei Montpellier. Körperlich am Ende genoss Niedermann die kleinen, plötzlich so schönen, Dinge: Marmelade auf dem Brot, gewaschene Wäsche, ein Arztbesuch. Es folgte aber auch die einsamste Zeit in seinem Leben: „50 Prozent meiner Familie waren tot. Mein Bruder konnte in die USA flüchten. Ich fühlte mich wie der einsamste Mensch der Welt.“ Auch war es ihm nicht möglich, über seine Erlebnisse zu reden. Erst 1987, als er als Zeuge beim Prozess gegen den Naziverbrecher Klaus Barbie aussagte, brach er sein Schweigen. „Der Richter quetschte mich als Zeugen aus. Ich musste alles erzählen. Er war mein bester Psychiater.“

Manchmal fällt einem einfach kein letzter Satz ein, denn er würde entweder moralisierend, platt oder hilflos klingen. Was Niedermann erzählt, kann den Zuhörer sprachlos machen, dachte ich mir auf dem Heimweg vom Café.

[Fotos: Ingo Schneider, Julia Kurse, Stadt Lörrach, Dominik Schmidt]

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