Platz der Alten Synagoge

Kunstaktionsgruppe gedenkt Tausender Flüchtlinge, die im Mittelmeer und in Europa starben

Dominik Heißler

Die "Kunstaktionsgruppe Passausstellung" las am Tag der Menschenrechte auf dem Platz der Alten Synagoge eine Liste der Toten vor – eine Liste derjenigen Menschen, die in den vergangenen 25 Jahren auf der Flucht an den Außengrenzen oder innerhalb Europas gestorben sind.

"25. September 2018. Wir gedenken Hayat Belkacem, 19 Jahre alt, aus Marokko. Sie wurde von der marokkanischen Marine erschossen, als ein Fluchtboot abgefangen wurde, das auf dem Weg nach Spanien war." Im September 2018 sei jeder Fünfte beim Versuch gestorben, das Mittelmeer zu überqueren, sagt Birgit Huber. "Weil die zivile Seenotrettung durch Vorwände meist bürokratischer Art verhindert wurde." Das sei der bisher höchste festgestellte Prozentsatz. Birgit Huber liest am Montag als erste vor. Sie wechselt sich mit anderen ab, alleine würde sie es kaum schaffen. Die Liste ist 450 Seiten lang, enthält über 35 000 dokumentierte Fälle von 1993 bis September 2018. Tausende mehr sind gar nicht erfasst.


Die Schicksale hinter den Namen

"23. September 2018. Wir gedenken eines unbekannten Mannes. Er ist ertrunken beim Versuch, eine Fähre oder ein Schlauchboot im Hafen von Calais, zu betreten." Viele Menschen seien im Mittelmeer ertrunken, andere hätten sich in Europa umgebracht, sagt Mitorganisator Winfried Rust. Wichtig sei, dass hinter den Namen Schicksale stecken. In anderen Städten wie Würzburg, München oder Berlin lesen auch Gruppen die Liste vor. In Freiburg beteiligen sich Passanten wie Ulla Wyatt. "Hier erfährt man die individuellen Schicksale der Flüchtlinge", sagt die 86-Jährige. Philosophiestudent Jonas Janz (19) findet, dass "egal, welche Position man zur Flüchtlingspolitik einnimmt, man die Konsequenzen kennen muss". Die Aktion mache das, was passiert, weniger abstrakt.

Die Liste erscheint auch als Buch

"22. September. Wir gedenken eines Jungen, fünf Jahre alt. Er ist ertrunken, nachdem das Boot auf dem Weg nach Zypern kenterte." Die Liste erscheint am Tag der Menschenrechte als Buch, "Todesursache Flucht", Anja Tuckermann und Kristina Milz haben es recherchiert.
"Heute geht es nicht um politische Forderungen", sagt Mitorganisatorin Isabella Bischoff: "Wir wollen dem Gedenken und dem Trauern Raum geben." Und doch ist es zwangsläufig auch politisch. Isabella Bischoff findet, die Brutalität an den Außengrenzen habe mit Menschenrechten nichts zu tun.

Letzter Eintrag auf Seite eins der Liste: "19. September 2018. Wir gedenken Amad A., 26 Jahre, aus Syrien. Er starb im Krankenhaus in Bochum an den Folgen eines Brands in seiner Gefängniszelle."

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