Kunst, die rumsteht: Autowracks und Schwarzwald in Dosen

Nadja Röll

Den Augustinerplatz kennen wir. Aber was befindet sich darunter? Eine "Archäologie der Zukunft" für die Jahre 3500 nach Christus. Abgefahrene Kunst von Raymon E. Waydelich, die in der privaten Tiefgarage unterm August rumsteht.



Was’n das?

Schlendert oder schwankt man den Augustinerplatz in Richtung der öffentlichen Toiletten, so kann es sein, dass just eine der beiden Garagentüren aufgeht und ein Auto rein- oder rausfährt. Die großen Holztore geben dann den Blick frei auf eine der tief- und vielleicht auch abgründigsten Skulpturen der Stadt: Hinter einem 15 Meter langen und völlig eingesifften Schaufenster liegen verschiedene Autowracks und ein kaputter Roller, daneben rottet ein duchampsches Pissoir vor sich hin



Gerahmt wird das verfallene Szenario von umgekippten Betonpfeilern. Was soll das ganze da unter der dicken Schicht aus Erde, Laub und Müll? – Die Gedenkstädte einer Massenkarambolage? Eine kunstvolle Kritik der Abwrackprämie? Oder die Versinnbildlichung eines riesigen Dachschadens?



Eine rätselhafte Erklärung hängt in Messing gemeißelt über den Blech- und Betontrümmern. „In den Jahren 1983 und 1984 verwirklichte der elsässiche Künstler Raymon E. Waydelich sein Projekt Archäologie der Zukunft / 3500 nach Christus.“ So wie Forscher hier heutzutage mittelalterliche Holzlöffel finden und behutsam abpinseln, so soll die Nachwelt auf Dinge stoßen, die uns jetzt bewegen: auf Autos.

Aber auch auf eine Flasche Riesling (Jahrgang 1967), eine Aktentasche und 250.000 Tonnen Tannensamen, die der Künstler drei Meter tief in die Erde eingetuppert hat. Sollte „le Waldsterben“ Wirklichkeit werden, so verbirgt sich die grüne Hoffnung also in dieser Tiefgarage. - Zwei Gläser mit handgroßen Modelltannen liegen bei, sozusagen als Erklärung für ferne Enkelgenerationen, was mit den Samen anzufangen ist.



Wo steht’s und warum da?

Mit dem Bau der Tiefgarage am Augustinerplatz entstand 1983/84 auch Wayderlichs Werk. Erst als Akt der Zerstörung, indem er neu errichtete Betonpfeiler sogleich wieder mit einer Fallbirne niedertrümmerte, dann als Akt der Konservierung. In der „Archäologie der Zukunft“ verbindet der Künstler die neue Bestimmung des Ortes, Parkhaus = Autos, mit seiner traditionsreichen Geschichte als Bau- und Fundstelle.

Auf dem Platz des ehemaligen Klosters, des heutigen Museums, haben Archäologen Teile des mittelalterlichen Stadtgrabens zutage gefördert und dazu auch viele Gebrauchsgegenstände der Eremiten-Mönche, die einen Einblick in das vergangene Freiburger Leben geben. Kurzum: Das Kunstwerk befindet sich an einem historisch bedeutsamer Ort und bewahrt dort die Jetzt-Zeit für morgen auf.



Wer hat’s gemacht?

Raymon E. Waydelich ist ein französischer Aktionskünstler und neben dem Grafiker und Illustrator Tomi Ungerer wohl der erfolgreichste und wichtigste Künstler aus dem Elsass. Er wurde 1938 in Straßburg geboren und lebt heute im ländlichen Umkreis der Stadt. Richtig bekannt wurde Waydelich, als er auf dem Platz vor dem Straßburger Münster die Europäische Menschenrechtskonvention und den Vertrag von Maastricht in der Erde versenkte, aber auch Alltagsgegenstände wie Funktelefone, Radios, Cola-Dosen, und Kondome.



In Straßburg, aber auch in Freiburg, durften die Bewohner an der Aktionskunst teilnehmen und persönliche Fotos oder Briefe per „Rohrpost“ mit in die Zukunft schicken. Mobilität ist Wayderlichs großes Thema, Autos, Schiffe und Fugzeuge kommen in vielen seiner Werke vor, und unter diesem Motto wandern seine Werke mittlerweile auch von einem Museum zum nächsten durch die Welt.



Kleiner Tipp am Rande

Solltet ihr euch vor den Garagentüren die Beine in den Bauch stehen, ohne dass ein Auto rein- oder rausfährt und ihr auch nur einen kurzen Blick auf die „Archäologie der Zukunft“ erhaschen könnt, so bleibt euch noch eins: Zwischen den Terrassenstühlen des Café Atrium könnt ihr durch mehrere Gitterschächte auf das Kunstwerk in die Tiefgarage runterschauen. Neben Efeu und Steinhaufen seht ihr zumindest ein halbiertes Auto, das aus der Betonwand herausragt.