Kretschmann vs. Wolf: Wie schlagen sich die Spitzenkandidaten bei Facebook, Twitter, Instagram und YouTube?

Daniel Laufer

Am 13. März ist Landtagswahl, den Wahlkampf führen die Parteien auch in den sozialen Netzwerken. Der Politikberater und Blogger Martin Fuchs hat die Accounts der beiden Spitzenkandidaten für fudder analysiert und kritisiert:



Facebook: Plattform für Dialog und Hasskommentare



„Vielen Politikern scheint im Wahlkampf eine Strategie für die sozialen Netzwerke zu fehlen. Sie müssen sich fragen: Wozu nutze ich eigentlich Facebook? Oft fehlt der rote Faden.


Winfried Kretschmann hat außerdem das Problem, dass die Staatskanzlei seine persönliche Facebook-Seite betreut. Das bedeutet: Er darf sie im Wahlkampf gar nicht nutzen und muss auf die Seite der Partei zurückgreifen. Die hat mit rund 7000 Likes wiederum weniger als ein Drittel der Fans, die seine eigene Seite hätte. Das ist schon deshalb schlecht für ihn, weil Social Media von Personen lebt.

Die Seite der Grünen hat eine Interaktionsrate von 44 Prozent. Das bedeutet, dass sehr viele Menschen die Postings der Partei kommentieren, liken oder teilen. Interaktion ist wichtig, wenn man möchte, dass die eigenen Inhalte verbreitet werden. Danach richtet sich auch der Facebook-Algorithmus. Allerdings fehlt eine Netiquette, quasi Hausregeln, die festlegen, wie Diskussionen ablaufen sollen.

Facebook lebt vom Dialog und die Grünen antworten in den Kommentaren, das machen sie gut. Mir gefallen die Bilder, die die Grünen zum Weiterteilen hochgeladen haben. Sie sind sehr professionell gemacht, grafisch schön aufbereitet. Kretschmann inszeniert die Partei auf Facebook als Landesvater mit sehr seriösen Inhalten. Die Ansätze sind wenig verspielt, das wirkt alles sehr staatstragend, was in die Strategie der Grünen-Kampagne passt.

Guido Wolf hat in den vergangenen Wochen viele Facebook-Fans dazugewonnen, mehr als ein Viertel seit dem 1. Januar. Das finde ich beachtlich. Die Interaktionsrate seiner Seite liegt bei 17 Prozent, was ein sehr guter Wert ist. Auch bei Wolf fehlt eine Netiquette. Auf seiner Seite findet keine Moderation statt, die Kommentare der Nutzer sind sehr negativ und selbst solche, die schon unter Hatespeech fallen, werden nicht gelöscht.

Noch nicht mal auf konstruktive Kritik geht die CDU ein, verschenkt damit ein Riesenpotential. Die Seite ist eine reine Sendestation, eine Art Arbeitsnachweis des Spitzenkandidaten. „Ich war hier, habe die Kanzlerin gegrüßt, dort wieder was Tolles gemacht…“ Die CDU hat den Kampagnen-Hashtag #wirfürguido festgelegt, der auf Twitter und Instagram auch zu finden ist. Auf Facebook fehlt der Hashtag aber komplett. Das finde ich inkonsequent.“
Twitter: Die Zukunft der Pressemitteilung



„Twitter ist in der Politik sehr wichtig, weil es ein Werkzeug ist, um Menschen zu erreichen, die bei der politischen Meinungsbildung eine Rolle spielen – etwa Journalisten. In der Politik könnte Twitter so bald klassische Pressemitteilungen ablösen.

Der Vorteil: Man kann schnell reagieren, zum Beispiel auf etwas, was der Gegenkandidat gesagt hat. Eine Wahlkampfkampagne kann Fotos oder Live-Videos twittern. So schafft man es als Politiker leichter in Online-Artikel.

Weder Winfried Kretschmann noch Guido Wolf betreiben einen eigenen Account. Vielleicht mögen die beiden Twitter nicht, dann könnte das eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Womöglich sollten sie aber zumindest einen von ihrem Team betreuten Account haben. Dieser könnte persönliche Einblicke in ihr Handeln geben. Mit einem persönlichen Account funktioniert das immer besser als mit dem der Parteien.

Zumal die Profile von den Grünen (@GrueneBW) und der CDU (@CDU_BW) sehr langweilig gemacht sind. Ein Twitter-Account ist ein Dialogangebot, Nutzer stellen Fragen. Nur gehen die Parteien auf diese nicht ein, sie sitzen das einfach aus. Das finde ich sehr unprofessionell.

Beide nutzen Twitter als reine Sendestation. Sie haben eine Information, möchten die loswerden und schicken sie ab. Die Interaktion ist entsprechend gering. Es gibt kaum Favs und Retweets. Beide Parteien haben eine relativ große Zahl von Followern, schaffen es aber nicht, ihr Reichweiten-Potential auszuschöpfen. Im Wahlkampf scheint Twitter für die Grünen und die CDU keine große Rolle zu spielen.“


Instagram: Schöne Fotos um junge Frauen zu erreichen



„Instagram hat eine sehr spitze Nischen-Zielgruppe in Deutschland, bisher schwerpunktmäßig Nutzer zwischen 15 und Mitte 20, die meisten Nutzer sind weiblich. Das Potential des Netzwerks ist dennoch groß. Neun Millionen Menschen nutzen es in Deutschland.

Der Account der Grünen (@GrueneBW) ist noch relativ jung und hat erst zwölf Fotos abgesendet. Zwar findet dort keine kontinuierliche Kommunikation statt; das, was sie hochgeladen haben, ist aber ganz gut angekommen. Trotz der wenigen Abonnenten – es sind rund 60 – haben die Grünen erstaunlich viele Likes bekommen.

Die Bilder sind gut gemacht und wurden extra für Instagram aufbereitet. Sie geben Einblicke in das Kampagnenleben, die man auf Facebook in dieser Form wohl nicht bekommt.Der Ansatz ist gut. Allerdings pflegen die Grünen den Account nicht mit der nötigen Energie.

Guido Wolf (@GuidoWolfInfo) hat rund 100 Abonnenten, ein paar mehr als die Grünen. Ihm fehlt die Kontinuität: In den letzten Wochen hat sein Team nur wenige Fotos hochgeladen. Für den Wahlkampf nutzt es den Account also kaum. Einige der Fotos sind schon etwas älter, immerhin erhält man einen Einblick hinter die Kulissen.

Wolf sitzt am Schreibtisch, unterschreibt etwas – solche Inhalte sind natürlich nicht spannend, können aber trotzdem funktionieren. Schließlich gibt es viele Menschen, die nicht wissen, wie das Leben eines Spitzenkandidaten in Wirklichkeit aussieht. Erstaunlicherweise gibt es viel Resonanz, teilweise 20 bis 30 Likes für einzelne Fotos.

Leider behandelt Wolfs Team den Account stiefmütterlich. Das Angebot hilft Nutzern aus der Zielgruppe, sich über den Wahlkampf zu informieren. Deshalb hat man sich ja auch entschieden, es zu schaffen. Nun pflegt man es aber nicht richtig.

Beiden Parteien hätte ich daher empfohlen, das mit Instagram zu lassen. Warum haben sie den Account überhaupt eingerichtet? Dass er Zeit kosten würde, wussten sie doch auch davor.“


YouTube: Nirgendwo fremdschämt es sich schöner



„YouTube hat seit zwei Jahren mehr Abrufe als die komplette Einschaltquote aller deutschen TV-Sender. Das Informationsverhalten hat sich also weg vom linearen Fernsehen entwickelt. Zwar liegt der Schwerpunkt bei YouTube auf Inhalten wie Katzen- oder Schminkvideos, man kann aber auch mit politischen Inhalten viral gehen.

Eine klassische Herangehensweise funktioniert selten; statt langer Politikerreden sollten die Videos kurz und knackig sein. Und dann muss man einen Weg finden, dass viele Leute sie sehen.

Die Grünen haben Kretschmanns Wahlwerbespot hochgeladen. Den finde ich sehr gelungen, weil er das Image des Landesvaters gut einfängt. Er zeigt Kretschmann als Schreinermeister von Pumuckl, aber auch als jemanden, der gewissenhaft mit Politik umgeht. Das alles ist schön gefilmt. Die Abrufzahlen sind mit rund 11000 Views aber überschaubar. Viral gegangen ist da noch nichts.

Abgesehen von diesem Spot nutzen die Grünen den Account kaum für Wahlkampf. Sie haben hauptsächlich Reden von Parteitagen hochgeladen. Für eine junge YouTube-Generation ist das ziemlich langweilig. Was mir gefällt: Ein Video erklärt das Wahlprogramm in Gebärdensprache. Zwar dürfte die Zielgruppe klein sein – dass man dafür Geld ausgibt, sagt aber auch etwas über diese Partei aus.

Wolfs Spot auf dem Account der CDU hat wenige Aufrufe. Ein sehr klassisches Wahlkampfvideo, das es schon in die Heute-Show geschafft hat. Nur zeigt das, dass es vor allem ein großes Fremdschämpotential besitzt. Vor der Kamera wirkt der Kandidat unbeholfen und kantig. Ein Video im Stile von Kretschmann wäre besser gewesen. Man hätte den Kandidaten in Realsituationen zeigen können, statt ihn zu zwingen, vor einer orangefarbenen Wand zu stehen und frei zu sprechen.

Gut finde ich, dass Wolf die Schwerpunktthemen aufgreift und in einzelnen Videos erklärt. Aufgerufen und geteilt wurden diese Spots auf YouTube aber kaum.“



[Aufgezeichnet von Daniel Laufer]

Zur Person



Martin Fuchs ist 36 Jahre alt und lebt in Hamburg. Er ist Politikberater und Blogger, seit 2008 Lehrbeauftragter für Public Affairs an der Universität Passau und Dozent für Social Media und Politik an weiteren Hochschulen. Zudem hat er Pluragraph.de gegründet, eine Plattform zur Analyse von Social Media.

Mehr dazu:

[Illustrationen: Karo Schrey, Foto: Bürger & Freunde/ZVG]