Kool trifft Knigge

David Weigend

fudder lud zu einem Treffen der gegensätzlichen Art. Trotz Bedenken hat es geklappt. Am Tisch sitzen Kool Savas, Pimplegionär, und Betül Yaman, Benimmexpertin. Sie bietet ihm schnell das Du an. Dann unterhalten sich die beiden über Stilfragen. Das erstaunliche Ergebnis: Bordstein und Butlerschule sind gar nicht so weit voneinander entfernt.

Freiburg, ein Hotel in Bahnhofsnähe. Ein warmer Herbstnachmittag, Kool Savas öffnet uns die Tür des Appartments No. 310. Es duftet süßlich-herb, Rauchschwaden ziehen wie in Zeitlupe durchs Zimmer. Savas trägt ein Shirt, das ihm bis zu den Kniekehlen reicht. In dieser Schwangerschaftsmode bittet er uns herein. Seine Gesprächspartnerin ist Betül Yaman, eine Kniggetrainerin, die auf gute Manieren spezialisiert ist. In der folgenden halben Stunde sprechen Sie über Tabus im Schmähreim und das Thema, inwieweit Umgangsformen im Hip Hop mit klassischer Etikette vereinbar sind. Fotos: Jens Schwengel


Savas, wie begrüßt du deine Freunde?

Savas: Wenn es ein Türke ist, dann begrüße ich ihn mit Küßchen links und rechts auf die Wange. Unter Kollegen gibt man sich die Hand und nimmt sich halb in den Arm. Schulter an Schulter, Halbumarmung. Vielleicht kommt das von den Amis. Die sind ja auch leicht homophob. Vielleicht wollten die sich als Mann nicht zu krass umarmen und dachten, so kommt das ein bisschen rougher. Yaman: Die Kniggeregel lehrt: wenn man einem die Hand gibt, muss man der ganzen Runde die Hand geben. Macht ihr das auch? Savas: Manche nicht. Das finde ich extrem unhöflich. Manche machen ne Prioritätsliste. Denken sich, nur der Eine ist wichtig, der Rest nur Gefolge. Voll dreckig.

Deine Kollegen stehen auf der Bühne zum Soundcheck und erwarten dich. Wen begrüßt du zuerst?

Savas: Da gibt es keine Reihenfolge. Am ehesten begrüße ich die zuerst, die ich am seltensten sehe. Wir haben ja auch ein Mädchen dabei. Wahrscheinlich werde ich sie als Erste begrüßen, weil ich mit ihr am Vertrautesten bin. Yaman: Genau richtig. Zuerst die Frau. In der Geschäftswelt ist die Hierarchie ausschlaggebend. Man grüßt vom Ranghöchsten zum Rangniedrigsten.

Im Hip-Hop-Deutsch ist das Du obligatorisch. Siezt du auch?

Savas: Grundsätzlich sieze ich ältere Menschen und Leute, mit denen ich jetzt nicht auf der Rap-Ebene etwas zu tun habe. Die Leute vom Label duze ich.



Warum duzt man sich im Hip-Hop eigentlich immer?

Savas: Das hat mit der Jugendlichkeit zu tun. Die ganze Bewegung, der Style, die Kleidung, das ist alles überlocker. Kuck mal, wir wussten, dass ihr kommt und saßen hier trotzdem wie die letzten Penner, ungeduscht, völlig fertig. Hier liegen noch Utensilien und alles mögliche.

Du dienst als Künstler vielen Jugendlichen als Vorbild. Gibt es bestimmte Werte, die du vermitteln willst?

Savas: Ich musste mir erstmal dessen bewusst werden, dass ich Einfluss auf Kids habe. Meine ersten Songs, die raus gekommen sind, hatten eine ziemlich explizite Botschaft. “Lutsch meinen Schwanz”, “Pimplegionär”. Lauter dreckige Sachen. Als ich dann gesehen habe, das 15jährige da stehen und “Lutsch meinen Schwanz” schreien, wird man sich dieser Vorbildfunktion bewusst. Ich finde das auch nicht so schlimm. Ich versuche, auf der Bühne auch noch andere Seiten zu zeigen. Humor. Ich mache nicht immer auf hart. Ich versuch’ nicht immer, die Leute auf irgend einen Film zu schicken. Ich habe auch Tracks gemacht wie “Bester Tag deines Lebens”, so Mutmacherkram. Da sind Botschaften dabei wie “Verbringe mehr Zeit mit deinen Eltern”. Eigentlich total platt, aber eben auch so einfach, dass Kids das verstehen.

Du bist für deine vernichtenden Schmähreime auf persönliche Feinde bekannt. Kultivierst du damit nicht die Beleidigungskultur?

Das ist doch wie bei einem Film von Quentin Tarantino. Ich kann ihn kucken und finde ihn höchst künstlerisch. Ein anderer kuckt ihn und sagt: “Geil, Gewalt, Gehirne fliegen an die Wand.” Das kommt immer auf die Wahrnehmung an, auch bei meinen Battletexten.

Battletexte sind per definitionem harter Tobak.

Yaman: Bestimmte Tabuthemen sollte man laut Knigge vermeiden. Dazu gehören Geld, Tod, Krankheit und Religion. Sprichst du mit deinen Kollegen offen über all diese Themen?
Savas: Grundsätzlich herrscht unter uns Rappern ein sehr offenes Diskussionsklima. Politik, Religion, alles. Wir haben in der Crew Moslems, Christen und Atheisten. Yaman: Der Knigge ist hier etwas distanzierter. In der Geschäftswelt bleibt’s beim Small Talk. Es geht darum, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Wenn ich auf meine Religion angesprochen werde, halte ich mich diskret zurück. Gleichzeitig attackiere ich niemanden und respektiere auch Ansichten, die nicht meinen entsprechen.

Sprichst du in deinen Texten über Religion?

Savas: Erc (Ercandize, sein Labelkollege d.Red.) spricht in seinen Battletexten öfters vom “lyrischen Jihad”. Wir machen schon Zeilen wie “Ich spreng dich weg wie Mohammed Atta.” Im Hip-Hop musst du manchmal was Extremes bringen, gerade in einer Battlesituation. Das muss wirken. Aber ernsthaft sprechen wir über Religion eher weniger. Keiner von uns hat bisher einen reinen Track über Glauben gemacht.

Gibt es für dich im Battle Tabus?

Savas: Wenn ich jetzt einen Disstrack gegen dich machen müsste, würde ich niemals sagen: “Deine Mutter ist dies und das und du bist ein Hurensohn.” Ich würde versuchen, dich anders fertigzumachen. Auf deine Schwachpunkte hinweisen. Natürlich gibt es auch Rapper, die scheißen auf Tabus. Die haben kein Problem damit, deine Mutter anzugreifen. Für mich ist das tabu.



Angenommen, du hättest Kinder. Welche Elemente guten Benehmens würdest du ihnen vermitteln wollen?

Savas: Dass sie aufmerksam sind, wenn jemand redet. Dass sie versuchen, auf den Gegenüber einzugehen. Dass sie nicht diesen Hierarchiemist mitmachen und vor jedem Respekt haben. Gleichzeitig kein Duckmäuser sein. Respekt vor Älteren. Meine Eltern haben mich auch so erzogen. Höflich, mehr oder weniger. Yaman: Da sehe ich viele Parallelen zur klassischen Etikette. Der Respekt. Die Wahrung bestimmter Tabus in deinen Texten. Das zeugt von Achtung.

Wie stehen deine Eltern zu deinen Texten?

Savas: Die kennen ja nicht alle. Wenn mein Vater im Video sieht, dass ich den Mittelfinger zeige, dann ruft der mich an und fragt: “Musste das sein?” Die vermuten bei allem, dass ich das total bewusst mache. Für uns bedeutet das aber nicht viel.

Im Hip-Hop ist Individualität sehr wichtig. Im Knigge auch?

Yaman: Ja. Wenn jemand etwas aufnimmt, womit er sich nicht identifiziert, spürt man das sofort. Wenn ich etwas spiele, merkt jeder: “Das ist nicht echt.”

Savas: Es wird viel gelabert im Hip Hop von wegen real dies, real das. Dadurch geraten die Leute in einen Zwang. Diese Vorgabe des Rapgames, ein harter Typ sein zu müssen. Die meisten spielen das nur. Wer ist wirklich echt? Es gibt wenig Rapper, die sich hinstellen und ernsthaft über ihre Gefühle sprechen, ihre Schwachpunkte zeigen. Das wäre real.



Deine Schwachpunkte?

Savas: Viele. Ich versuche, damit humorvoll umzugehen. Ich habe erweiterten Hauptschulabschluss, war nicht gut in der Schule, habe keine Ausbildung, nichts. Ich bin musikalisch nicht der talentierteste Typ. Ich sage das ganz offen. Ehrlichkeit ist mir wichtig.

Bei vielen Rappern, etwa bei Bushido, stellt man eine erstaunliche Diskrepanz fest. Auf der Bühne der starke Max mit Lederjacke, bei anderen Terminen gute Manieren und Anzug. Vor Gericht zum Beispiel.

Savas: Ich fände es besser und ehrlicher, wenn die auch in weitem Shirt und mit Jogginghose zum Gerichtstermin erscheinen würden. Gut, bei nem Gerichtstermin geht’s um Einiges. Man will ja nicht in den Knast. Dafür würde man alles machen. Sich rasieren, dies, das. Vielleicht würde ich das auch machen, wenn so viel auf dem Spiel steht.

Wie erscheinst du zu einer Hochzeit?

Savas: Meine Kumpels haben alle noch nicht geheiratet. Für einen Abiball habe ich mir ein Hemd angezogen. Trotzdem war alles noch lang, weit und mit hängender Hose. Ich hab nur einmal einen Anzug getragen für ein Fotoshooting von einem Magazin. Die meinten, das wäre interessant, weil man mich noch nie in einem Anzug gesehen hat. Ich war nicht sehr zufrieden damit. Aber meine Freunde fanden es lustig.

Yaman: Wie hast du dich im Anzug gefühlt?

Savas: Komisch. Sehr eng. Die Schuhe haben mir überhaupt nicht gefallen. Das waren so ähnliche, wie er trägt (zeigt auf die eleganten Halbschuhe des Fotografen). Sehr seltsam, ich war das überhaupt nicht gewöhnt.

Yaman: Ich rate auch immer, das anzuziehen, worin man sich wohl fühlt. Wenn man sich in einem Anzug nicht wohl fühlt, ist die Bank für jemanden wie dich der falsche Arbeitsplatz. Du müsstest dich täglich verkleiden. Das würden auch die Kunden und Mitarbeiter spüren. Hattest du eigentlich mal ein Bewerbungsgespräch?

Savas: Ja, ich wollte Koch werden, mit 17. Dafür musste ich mich vorstellen, in Berlin. Es war unangenehm und sehr lang her.

Woran merkst du, ob ein Rapper Stil hat?

Savas: Das ist nicht zu definieren, keine Frage von erlaubt und nicht erlaubt. Man bekommt mit der Zeit ein Gefühl dafür. Es gibt viele Rapper, die ich stillos finde oder deren Geschmack ich nicht teile.

Etwas genauer, bitte.

Savas: Dieser Hippie-Rap gefällt mir gar nicht. Ebenso wenig extremer Gangsterrap mit den ganz engen Hosen. Motorradlederjacken, enge Shirts. Das ist mir zu metrosexuell, mag ich überhaupt nicht. Gel in den Haaren, nicht mein Geschmack.



Schlechter Stil unter Rappern?

Savas: Neulich war ich bei einer Freestyle-Session (Improvisation, Anm.d.Red.) mit zehn Personen. Jeder durfte mal ran. Da war ein Junge, der hat eine Stunde lang nicht das Mikrofon aus der Hand gegeben. Bis alle von der Bühne verschwunden waren. Ihm war das egal. Er fühlte sich wie ein Star. Das geht gar nicht.

Yaman: Wie empfindest du Menschen, die sich aufgrund ihrer Kleidung repräsentieren? Ich habe mich zum Beispiel für dich hergerichtet?

Savas: Wow!

Yaman: Hat das einen Effekt oder ist dir das komplett egal?

Savas: Doch, es hat einen Effekt. Ich würde nicht wollen, dass es einen Effekt hat, aber den hat es trotzdem. Die Haare sind schon sehr streng, super ordentlich alles. Die Haltung, wie du sitzt. Man hat auf jeden Fall mehr Respekt, als wenn du so wie ich im Schlafanzuglook gekommen wärst. Dann hätte ich dich auch lockerer behandelt.

Yaman: Hättest du alles, was ich gesagt habe, hundertprozentig angenommen?

Savas: Je nachdem, wie du mir das sagst. So ist es natürlich von Anfang an glaubwürdiger.

Yaman: Für dich wäre es genau so unauthentisch gewesen, wenn du mich im Anzug empfangen hättest.

Savas: Ja, das wäre schon sehr komisch gewesen.



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Zur Person:
Savas Yurderi (Kool Savas), 31 und türkischer Abstammung, gilt als einer der einflussreichsten Rapper Deutschlands. 1998 initiierte er in Kreuzberg den “Royal Bunker”, der als Brutkasten gilt für deutsche Reimkultur mit härterer Gangart. Savas gründete die Plattenfirma “Optik Records” und tourt noch bis zum 27. Oktober mit den von ihm entdeckten Talenten durch Deutschland. Sein aktuelles Album heißt “Optik Takeover”.

Betül Yaman, ebenfalls 31 und türkischer Abstammung, ist Kniggetrainerin. Ihre Spezialgebiete sind Umgangsformen, Geschäftsessen, Dresscode und Körpersprache. Einen Teil ihrer Ausbildung absolvierte sie bei einer englischen Butlerschule. Yaman gibt Kurse in Deutschland und der Schweiz.