Kommt der Zäpfle-Hörsaal?

Johanna Schoener

"Aldi-Süd-Hörsaal" heißt ein Vorlesungsraum an der FH Würzburg. Diese Namensgebung ist ein krasses Beispiel, aber gesponserte Hörsäle sind an deutschen Hochschulen längst keine Ausnahme mehr. Die Universitäten sind in Finanznöten. Wie weit gehen die Unis in Sachen Firmensponsoring? Was spricht dafür, was dagegen und welche Pläne hegt die Uni Freiburg in diese Richtung? Johanna Schoener hat sich umgehört.



Morgens um acht an Bremens Privatuniversität. Jeder wird vor dem Hörsaal mit einer Tasse „Jacobs Krönung“ begrüßt – der Kaffee mit dem „einzigartigen Verwöhnaroma“. Dieses fiktive Szenario ist nicht so weit hergeholt, schließlich heißt die frühere International University Bremen (IUB) bald "Jacobs University Bremen". 200 Millionen Euro investiert die Schweizer Jacobs Stiftung in die finanziell angeschlagene Privathochschule. Der ehemalige Bremer Kaffeeröster hat damit den höchsten Einzelbetrag zur Verfügung gestellt, den je eine Universität in Deutschland aus privater Hand erhalten hat.


Die IUB wird jedoch nicht die erste deutsche Privatuni sein, die den Namen ihres Gönners trägt. In Koblenz Vallendar gibt es bereits die„Otto Beisheim School of Management“. Otto Beisheim ist nämlich nicht nur der Metro-Gründer und Gesellschafter der Metro AG, sondern auch Hauptfinanzier der Privatuni.

Sicherlich sind das Extremfälle, aber längst hält die Wirtschaft auch in die staatlichen Universitäten Einzug. In Mannheim gibt es schon seit dem Jahr 2000 das Hörsaalsponsoring. Vorlesungsräume werden von mittelständischen Unternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen finanziert und dafür nach ihnen benannt. „Hörsaalbenennungen sind ein klassisches Instrument“, sagt Hermann Siedler, Senior-Fundraiser des Teams Hochschulförderung der Universität Freiburg. Auch an der Uni Freiburg herrsche dafür große Offenheit. Im Hinblick auf das Würzburger Beispiel des „Aldi-Süd-Hörsaals“ fügt er jedoch hinzu: „Man könnte die Umbenennung vielleicht noch eleganter lösen, indem man den Hörsaal in so einem Fall zum Beispiel nach dem Aldi-Gründer Karl Albrecht benennt und nicht nach dem Discounter selbst.“

Das Team Hochschulförderung in Freiburg gibt es seit Dezember 2005. Ins Leben gerufen wurde es für das Jubiläumsjahr. „Wir sind optimistisch, dass wir die kompletten Jubiläumsfeierlichkeiten über Sponsoren und Förderer abwickeln können“, so Siedler. Nach dem Jubiläumsjahr werden Siedler und seine Kolleginnen jedoch weiterhin auf Sponsorensuche für die Uni Freiburg gehen, der Bedarf sei schließlich da. Siedler betont jedoch, dass private Förderungen ausschließlich der Spitzenforschung und Exzellenzsicherung dienen sollen und nur da eingesetzt würden, wo die staatliche Grundversorgung der Universität an ihre Grenzen gelange.

Ob sich bei einem stärkeren Einsatz von Privatkapital nicht doch das Land von der Finanzierung der Universität vermehrt zurückziehen würde, ist ungewiss. Wäre das der Fall, könnte die Universität in Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Finanzierungen geraten.

Abgesehen davon bleibt die Frage: Wie weit darf die Wirtschaft in einen Ort gesellschaftskritischer Reflexion, wie die Universität einer sein sollte, eindringen? Benjamin Greschbach vom u-Asta der Uni Freiburg sieht Hörsaalumbenennungen kritisch: „Das ist ein kleiner Baustein zur Einflussnahme von Firmeninteressen in der Wissenschaft. Die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung wird gefährdet, wenn Universitäten direkt mit Unternehmen verhandeln.“

Auch Reinhard Brückner, Professor beim Institut für Organische Chemie und Biochemie an der Uni Freiburg, sieht die Entwicklung hin zum Firmensponsoring mit einer „gewissen Besorgnis“: „Die Uneigennützigkeit des Sponsorings kann nicht einfach vorausgesetzt werden“, gibt er zu bedenken.

Dennoch, die Vorstellung, dass Studierende und Lehrende mit Hilfe von privatem Kapital in tipptopp ausgestatteten Hörsälen oder Laboren arbeiten könnten, ist verlockend. Die USA und England machen es vor, wo teilweise Milliardenbeträge aus der Tasche von Unternehmen und Privatpersonen an Hochschulen fließen. Bernhard Neumärker, Professor für Allgemeine Wirtschaftsforschung an der Uni Freiburg, würde angesichts knapper öffentlicher Mittel privatwirtschaftliches Sponsoring prinzipiell begrüßen.

Allerdings sei es notwendig, dass ganz bestimmte allgemeinverbindliche Spielregeln getroffen würden, wie das Sponsoring abzulaufen habe. „Die Neutralität der Wissenschaft an der öffentlichen Institution Universität darf sich nicht einkaufen lassen“, so Neumärker.

Mit solcherlei Spielregeln hat man an deutschen Universitäten noch wenig Erfahrung. Solange diese nicht festgelegt sind, wird wohl auch in Freiburg die Frage nach der Angemessenheit von Firmensponsoring an der Uni zwiegespaltene Reaktionen auslösen.

Einerseits hätte jeder gern bessere Lehr- und Lernvoraussetzungen, andererseits fürchtet man die eventuelle Einmischung der Wirtschaft und die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit. Um sich klar zu machen, wie weit Werbung auch jetzt schon an der Uni Freiburg verbreitet ist, muss man nur mit offenen Augen über den Campus laufen.

Auf den Rückseiten der Quittungen der Uni-Bibliothek wird für die Kneipe „Schlappen“ und die Buchhandlung „Walthari“ geworben, in der Mensa erwarten einen jeden Mittag andere Banken und Versicherungen, die einem eine Mitgliedschaft nahe legen und vor der Mensa werden neue Cola-Sorten und Bier verteilt.

Dennoch macht es einen Unterschied, ob die Werbung rund um das Campusleben stattfindet oder sich bis in den Hörsaal drängt, wo die Studenten wenigstens eine bessere Ausstattung davon hätten. Dass dies auch ohne Aldi möglich ist, zeigt die Universität Hamburg. Sie renoviert Hörsäle, indem sie Stuhlpatenschaften an Privatpersonen und Unternehmen verkauft. 1998 erhielt der Audimax auf diese Weise neue Sitzplätze.

Jeder Stuhl wurde mit einem Messingschild versehen, auf dem der Name des Spenders oder eine persönliche Widmung eingraviert wurde. Inzwischen sammeln die Hamburger im Rahmen der Aktion „Wir stiften Wissen“ für ihren fünften Hörsaal, 250 Euro kostet eine Stuhlpatenschaft. Die Hörsäle dürfen übrigens ihren Namen behalten.